Sei bloß vorsichtig!
Lieber Hanzi,
nach meiner Erfahrung gibts in den Religionsgruppen immer mindestens einen Fall, in dem ein Schüler/eine Schülerin extremes Leid erlebt hat. Mutter oder VAter tot oder seit Jahren auf der Intensiv oder starke Suchtprobleme in der Familie oder ernsthafte Selbstmordgedanken… also bitte, das Thema vorsichtig angehen, da kann man echt Porzellan zerschlagen.
Zumal auch weniger katastrophale und weniger seltene Leiderfahrungen subjektiv gerade von Jugendlichen als echtes, sehr ernstes Leid erfahren werden: Scheidung der ELtern, eine zerbrochene Freundschaft, Sitzenbleiben oder auch nur eine vergeigte ARbeit, Liebeskummer, oder auch nur ein Fußballverein, der absteigt, oder ein toter Hund. Wir als Erwachsene vergessen manchmal, wie existentiell solche Dinge oft für Jugendliche sind. Diese haben noch nicht unsere Erfahrung und können die WIchtigkeit von Ereignissen deshalb kaum einordnen.
Also, finde Möglichkeiten, über Leiderfahrungen zu reden, die einerseits sich im Horizont der Jugendlichen befinden, aber andererseits so weit weg sind, dass die Schüler jeweils selbst entscheiden können, inwieweit sie dies auf ihre eigene Existenz beziehen - denn wenn sie diese Möglichkeit nicht haben, machen sie meist ganz „zu“ - oder sie nehmen Schaden. Soweit ich weiss, geht dies ganz gut über fiktionale Literatur - alles andere bleibt oft zu theoretisch. Ich habe gute ERfahrungen mit dem Buch „Sheila“ von Torey L. Hayden gemacht. Vorteil: Es geht gut aus und ist sehr motivierend erzählt. Das ist enorm wichtig, denn sonst überträgt sich die ganze niedergedrückte Stimmung auf den Religionsunterricht an sich und den Lehrer im Besonderen. Nachteil: Nicht frei von Kitsch. Empfehlenswert auch viele Jugendbücher von Christine Nöstlinger, vielleicht ein Film wie „Das Leben ist schön“ oder „Gilbert Grape“ oder „Forrest Gump“.
Was hältst du davon, nicht allgemein von „Leid“ zu sprechen, sondern lieber ein bestimmtes Unterthema auszuwählen? Also, zum Beispiel Trauerkultur o d e r Vorstellungen vom Leben nach dem Tod o d e r Verlusterfahrungen o d e r Holocaust o d e r Selbstmord o d e r Versagensangst o d e r Wunschträume o d e r die Vorstellung von einem Gott, der Leid verhindert? Nach meiner Meinung ist dies die einzige Möglichkeit, wenigstens einigermaßen zu einem vernünftigen Gespräch und zu einer Lösung zu kommen. Ich beobachte, dass gerade im Religionsuterricht die verhängnisvolle Tendez besteht, möglichst großgeschnittene Themen zu wählen, und verstehe nicht, warum FAchleiter, Richtlinienschreiber und ähnliches Volk dies so fördern.
Grüße Juliane