Theoretische Auswirkungen!

Hallo zusammen!

Ich möchte Euch bitten, einmal theoretisch zu antworten:

Wie könnte ein Autounfall, bei dem Vater, Mutter und kleiner Bruder sterben, sich auf einen 11jährigen Jungen auswirken?

Ich weiß, dass jeder Mensch anders reagiert. Aber welche Möglichkeiten könnte es geben? Ein Trauma ist doch relativ wahrscheinlich, oder?

Lieben Dank im Voraus,

Danielle

Hi,

nicht nur Kinder, sondern allgemein Menschen, die unmittelbar unter den Auswirkungen einer extremen psychischen Erfahrung leiden, entwickeln zunächst eine akute Belastungsreaktion.

Dies kann z.B. der plötzliche Tod von Familienmitgliedern sein oder auch das eigene Erleben von Gewalt. Als traumatisierend wird eine Situation dann erlebt, wenn die betroffene Person keine Möglichkeit hat, aktiv einzugreifen (z.B. Gegenwehr) oder zu flüchten. Deswegen traten solche Störungen bei Soldaten in größerer Zahl erstmalig im 1. Weltkrieg auf, da die moderne Kriegsführung die Soldaten passiv in die Schützengräben drängte gegenüber der aktiven Teilnahme am Kampfgeschehen in früheren Kriegen.

Die akute Belastungsreaktion (psychischer Schock) ist charakterisiert durch das Erleben einer starken subjektive Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit, es entstehen chaotische Eindrücke von den Vorgängen in der Umgebung, die Wahrnehmung ist eingeschränkt, die Konzentrationsfähigkeit reduziert. Häufig treten starke Gefühlsschwankungen (Angst, Verzweiflung, Wut, Aggression) auf. Szenen des auslösenden Ereignisses prägen sich in das Gedächtnis ein und drängen sich später in der Erinnerung auf. Es kommt zu Depersonalisation, Derealisation und Dissoziation. Diese Symptome stellen eine normale und physiologische Reaktion auf ein unnormales Ereignis dar.

Die akute Belastungsreaktion erfolgt unmittelbar beim Erleben der Belastung (innerhalb einer Stunde).

Wenn diese akute Belastungsreaktion chronifiziert, dann spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS oder englisch Posttraumatic Stress Disorder PTSD). Dies tritt meist innerhalb von sechs Monaten nach Eintreten des Belastungsereignisses oder Ende der Belastungsperiode auf.

Die PTSD ist gekennzeichnet durch anhaltende Erinnerungen/ Wiedererleben der Belastung durch aufdringliche Nachhallerinnerungen, flashback, Vermeidung von Umständen, die in Zusammenhang mit der Belastung stehen oder ihr ähneln, stark belastende Alpträume und Schlafstörungen, Interessenverlust, Aufgabe von üblicherweise gerne ausgeübten Tätigkeiten, Reizbarkeit oder Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, Hypervigilanz (starke Wachsamkeit), übertriebene Schreckreaktionen, Panikattacken, Rückzug aus dem sozialen Umfeld und Beziehungsprobleme, erhöhte Suizidalität, häufig Alkohol- und Drogenmißbrauch.

Die posttraumatische Belastungsstörung ist therapierbar durch Psychotherapie, bei einem elfjährigen Jungen durch einen spezialisierten Kinder- und Jugendpsychotherapeut.

Akute Belastungsreaktion hat den Diagnoseschlüssel ICD10 F43.0, posttraumatische Belastungsreaktion ICD10 F43.1.

Gruß

Yoyi

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Hallo Yoyi,

vielen Dank für deine prompte Antwort.

Wie schätzt du ein, könnte die Gegenwart eines 17jährigen sein, der eben als 11jähriger dieser extremen Situation des Unfalls ausgeliefert war?

Sicherlich hat er eine Menge verdrängt, aber auch Erinnerungsfetzen in seinem Bewusstsein.

Wie könnte sich die Situation für ihn auflösen sprich wie könnte er den Unfall und den Tod seiner Familie verarbeiten? Ich spreche jetzt nicht von einer Therapie, sondern von Dingen, die z.B. seine Freunde /Freundin tun könnten! Muss er vielleicht mit einer ähnlichen Situation konfrontiert werden?

Nicht, dass das hier falsch verstanden wird: Ich habe keinen Bekannten, der dieses erlebt hat, sondern ich möchte eine Geschichte darüber schreiben und suche dringend nach Möglichkeiten und Informationen für die Auswirkungen und Auflösungen von solchen Geschehnissen.

Lieben Gruß,

Danielle

Therapie PTBS bzw. PTSD
Hi,

da streiten sich nun wieder die Gelehrten, wie man mit PTBS-Patienten umgeht. Das ganze ist auch ein heiß diskutiertes Thema, weil Opfer von sexuellen Mißbrauch in der Kindheit eine Gruppe der PTBS-Patienten darstellen, und da stürzen sich dann plötzlich alle möglichen zweifelhaften Pseudoexperten auf das Thema (hier im Forum gibt es übrigens einen Physiker, der sich für einen „Experten“ bei solchen Krankheitsbildern hält und „psychologische Beratung“ anbietet, zu spekulieren wäre, welche psychische Störung solch ein Verhaltensmuster antreibt).

Mit Kindern und Jugendlichen habe ich keine Erfahrungen, das ist ein spezielles Gebiet, weil ja die psychische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, meine Aussagen will ich also explizit nur für erwachsene Patienten machen.

Generell ist PTBS eine sehr schwerwiegende Krankheit mit auch schwerwiegenden Auswirkungen, die auf jeden Fall eine Psychotherapie erfordern. Angehörige, Lebenspartner oder Freunde können da relativ wenig machen, auch eher wenig helfen, das gehört in die Hand von Fachleuten.

Insbesondere sollten Nichttherapeuten auf keinen Fall eine Erinnerung an die traumatisierende Situation fördern, da eine „Retraumatisierung“, also eine Verstärkung möglich ist. Es ist nach meiner Ansicht auch nicht notwendig, die Traumasituation zu erinnern, aber das ist wissenschaftlich umstritten.

Zunächst ist wichtig, daß Traumapatienten lernen, sich selber vor dem Erinnerungsnachhall zu schützen, d.h. Techniken erlernen, wie sie bei einer Überflutung mit Traumaerinnerungen sich selbst stabilisieren. Das sind imaginative und distanzierende Techniken. Eine leicht verständliche Technik ist beispielsweise ein „sicherer Ort“, der Patient stellt sich einen idealen sicheren Ort vor, und begibt sich
in seiner Vorstellung an diesen sicheren Ort. Auch medikamentös kann man unterstützen, aber das birgt wieder eigene Probleme in sich, da PTBS-Patienten suchtgefährdet sind und die hier in Frage kommenden Medikamente teilweise Suchtpotential in sich bergen.

Dann können Traumapatienten mit verschiedenen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden behandelt werden, z.B. kognitive Umstrukturierung, Angstmanagment, Stressimpfungstraining, EMDR (eine sehr effektive Methode mit sehr geringem Aufwand) u.a., am besten im Sinne einer multimodalen Therapie, die verschiedene dieser Methoden kombiniert.

Außerdem gibt es ergänzend oder alternativ (wenn z.B. eine längere Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken ist) die Möglichkeit der Psychopharmakotherapie, z.B. mit SSRI.

Tiefenpsychologisch arbeitende Therapeuten gehen etwas anders an die Sache heran, stellen eher die Traumaerinnerung und die Bewältigung von verdrängten intrapsychischen Konflikten in den Vordergrund.

Dies ist aber extrem schwierig, da viele Traumapatienten ja überlagernd auch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung oder eine histrionische Persönlichkeitsstörung haben, die Patienten sind oft leicht suggestibel und schlecht ausgebildete und unerfahrene Therapeuten können leicht versehentlich eigene Konflikte über Suggestion auf den Patienten übertragen.

Gruß

Yoyi

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Hallo Danielle !

Ich mich mich mal ein… Da es ja mehr oder wenig um Literatur geht, die sich an der möglichen Realität orientiert, ist es vielleicht weniger entscheidend auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass er überhaupt keine Probleme bekommen muss und ein glückliches und zufriedenstellendes Leben führen könnte (wenn natürlich auch ein völlig anderes, als in einem normalen Familienverband).

Vielleicht für die Fiktion interessant : Viele Opfer von Traumatisierungen in der Kindheit (besonders da, aber nicht nur), nutzen die Immagination und Traumwelten bzw. „innere Helfer“ wie fiktive Personen, Tiere etc als Schutz bzw. Bewältigungsmöglichkeit. Dies ist bei Kindern eigentlich auch ohne Trauma völlig normal, geht aber irgendwie in Vergessenheit über. Nicht so bei vielen Traumatisierten. Sie leben z.T. in ihrer Fantasiewelt (im Extremfall geht es bis zur Abspaltung von bestimmten Gefühlen, Bildern, Realitäten = Dissoziation).

Die Bewältigung eines Traumas stelle ich (nicht nur ich, aber…) mir so vor, dass es wie eine Art Branddecke ist. Da die Erlebnisse so ausserhalb des menschlichen Normalerlebens sind, werden erstmal alle Erlebnisse, Gefühle, Bilder, Gedanken „verdrängt“. Normal wäre eigentlich bei der Bewältigung eines solchen Trauerprozesses ein hin- und her zwischen Verdrängung und absolutem Wiedererleben. D.h. zunächst denkt man, dass ist alles nicht passiert. Dann wiederum, ist es so, als sei es eben erst gewesen und man ist mit allen Gefühlen dabei. Der normale Verarbeitungsprozess wäre ein mehrmaliges Durchleben dieser Zustände und Zwischenzustände.

Nun, bei einem Trauma selber ist dies meist nicht möglich, da die Lebensumstände einem nicht die Zeit und Möglichkeiten dazu lassen. Also wird erstmal diese „fiktive“ Branddecke übergestülpt. Der Verarbeitungsprozess ist irgendwo zwischen diesen beiden Extrempolen des Wiedererleben und Verdrängen „eingefroren“.

Jahre vergehen…

Nun können sog. „Trigger“ eine Wiederauslösung dieses Prozesses bedingen. Damit sind Auslöser gemeint, die emotional eine Beziehung zum Traumageschehen selbst hatten. Eine der Theorien zu Traumatherapien (genannt EMDR) geht von Erinnerungsknoten bzw. Erinnerungskanälen im Gehirn aus. Ein Trigger (ein Geruch, ein Geräusch, ein optischer Reiz wie z.B. die Mütze eines Polizisten, eine EKG-Gerät im Notarztwagen, das Rattern der Helicopterblätter des Notarzthubschraubers) kann sowas auslösen.

Natürlich könnte es auch eine Fernsehsendung, der Unfall eines Freundes oder eine sonstige Geschichte sein.
Dann kann es tatsächlich im Erleben so sein, dass der Patient sind unmittelbar wieder in die Kindheitssituation zurückversetzt fühlt. Also sich so hilflos und klein fühlt, wie damals.

Ich möchte nur sicherheitshalber noch einen Punkt ergänzen : Für viele Traumapatienten sind Beschreibungen von Traumapatienten selber schon ein möglicher Trigger für das Auslösen von Flash-Backs (Wiedererleben in Form von filmartigen Bildern des Geschehens). Also sollte man selbst in Büchern recht vorsichtig mit solchen Dingen umgehen…

Hoffe, ein wenig zur Fiktion beigetragen zu haben…

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Hallo Martin!

Ja, du hast mir schon weitergeholfen! Ich werde jetzt erstmal die vielen Infos sortieren! Und vielleicht nächste Woche noch eine spezifischere Frage stellen!

Schönes WE!

Danielle

Hola Yohi!

Vielen Dank auch dir! Schön, dass ich selbst nicht für komplett verrückt gehalten wurde, eine fiktive Frage zu stellen!

Gruß,

Danielle

Hallo,

in Ergänzung zu den ausgezeichneten Artikeln meiner Vorredner möchte ich hier schreiben, dass generell sogenannte Coping-Strategien und -Mechanismen eine Grundlage für das Erleben und Verhalten nach einem solchen sog. „kritischen Lebensereignis“ darstellen.
Dies sind (eigen-)erworbene Strategien, mit dem Erlebnis als solches umzugehen. Sie hängen zum einen von der Lerngeschichte des Individuums ab (z.B. Erfahrung mit ähnlichen Situationen und dem Umgang mit ihnen) und auch vom sog. Temperament, also psychophysiologischen Erscheinungen und dem Umgang mit ihnen. Denkbare Copingmechanismen im konkreten Fall hat bereits Herr Winkler genannt, wie auch die Möglichkeit, dass das Erlebnis subjektiv völlig an einer Belastung vorbeigehen kann.
Allgemeine Aussagen sind sehr schwierig, allerdings ist bei einem Kind die Erfahrung und Anwendung und selbstverständlich auch die Entwicklung von Copingstrategien wohl als eher gering anzunehmen, so dass eine Belastungsreaktion wahrscheinlich wird. Je nach der Möglichkeit zum „Coping“ also dem Wissen um und das anwenden von Copingstrategien können diese Reaktionen ausfallen.

Viele Grüße,
Der Captain (der leider aus Zeitmangel im Augenblick nicht ausführlicher schreiben kann)

Zusammenfassung für Thomas Miller, dem Sammler meiner Postings in www: Nennung des Coping-Begriffs im Zusammenhang mit Traumaerleben.

Hallo Captain!

Danke dir trotzdem!

Gruß,

Danielle

Hallo Danielle

Ein Trauma ist sehr wahrscheinlich.
Es kommt ganz darauf an, wie man das Kind betreut, am besten psychologisch.
Was auch auf treten kann sind Schulgefühle beim Kind am Unfalltod der Familie usw.
Ich hoffe es beantwortet deine frage ein wenig

bye Anina