Hallo,
dieser Eintrag richtet sich an alle mit Therapie-Erfahrung, im speziellen Psychotherapeuten.
Ich bin 22 und studiere im 3. Semester Psychologie. Ich bin seit fast einem Jahr in psychotherapeutischer Behandlung. Gerade habe ich eine 11-wöchige stationäre Psychotherapie hinter mir. Ich mache jetzt ambulante Gruppentherapie und Bewegungstherapie.
Wenn ich für das Studium Texte z.B. über „Neurotizismus“ lesen soll, fällt es mir schwer mich abzugrenzen. Es bringt mich dazu an mir zu zweifeln, wenn ich von z.B. einer „intraindividuellen Stabilität“ des Neurotizismus über ein ganzes Leben hinweg lese.
Frage:
Werde ich irgendwann in der lage sein Therapeut zu sein? BESSER: Kennen die hier lesenden Therapeuten solche Fälle, in denen ehemals junge „Neurotiker“ später selbst zu Therapeuten wurden?
Bei Bedarf kann ich auch detailliert aus meinem therapierelvanten Lebenslauf etwas schreiben.
Hallo o.
Kennen die hier lesenden Therapeuten solche Fälle, in
denen ehemals junge „Neurotiker“ später selbst zu Therapeuten
wurden?
Das ist der Normalfall.
Man interessiert sich in der Regel für das, was einen innerlich angeht.
Man kann es auch anders ausdrücken. Sicherlich hast Du schon etwas von LATENZEN gehört, wenn Du schon ein paar Semester Psychologie studiert hast.
Die Latenz des Therapeuten ist der Neurotiker, so wie die Latenz des Psychiaters der Psychotiker ist und die Latenz des Juristen der Kriminelle.
Gruß,
Branden
Gerade deshalb
Hallo!
Ich würde sagen: Therapeut NUR mit Therapie-Erfahrung, jedenfalls würde ich zu keinem gehen, der nicht am eigenen Leib erlebt hat, wie es ist, eine tiefgreifende Psychotherapie-Erfahrung zu machen(was an sich schon schwierig genug ist, da viele Psychotherapien meiner Meinung nach nur an der Oberflächer herumkratzen, aber das ist ein anderes Thema). Es ist einfach nicht authentisch,und ich könnte so jemandem nicht vertrauen.
Natürlich ist es wichtig, daß Du erst zu therapieren beginnst, wenn Du mit Deinem Leben soweit im Reinen bist, daß Du nicht Gefahr läufst, in Deinen Patienten Deine eigenen Probleme therapieren zu wollen. Das ist schon wichtig und erfordert einige Selbsterkenntnis.
Angela
Hallo,
vorweg: „Neurotizismus“ ist die Bezeichnung für ein Persönlichkeitsmerkmal, das allen Menschen in unterschiedlicher Ausprägung gemeinsam ist. Das, was man in den Lehrbüchern als Charakterisierung für Neurotizismus lesen kann, sind Extrembeispiele. Aber selbst Menschen, auf denen solche Beschreibungen passen würden (wenn es sie so gäbe), sind nicht unbedingt Neurotiker oder psychisch krank. Dementsprechend heißt es in der Literatur auch:
Menschen mit hohen Ausprägungen in Neurotizismus "sind zur Entwicklung neurotischer Krankheiten unter Streß disponiert, doch dürfen solche Dispositionen nicht mit einer akuten neurotischen Störung verwechselt werden; jemand mag hohe Werte in N[eurotizismus] aufweisen und doch im Beruf, der Sexualität, in Familie und gesellschaftlichen Angelegenheiten angepaßtes Verhalten zeigen (Eysenck & Eysenck, 1968, S. 627).
Eine ganz andere Frage ist, ob Du für den Therapeutenberuf geeignet bist. Das kann Dir hier keiner beantworten, weil wir Dich so gut nicht kennen, als daß wir für eine solche Aussage genügend über Dich wüßten. Allgemein gesehen ist eine psychische Erkrankung nicht förderlich, wenn man den Beruf eines Therapeuten ausüben will. Aber psychische Erkrankungen können vorbeigehen und man kann gestärkt aus der Zeit der Erkrankung herauskommen. Insofern werden die Zeit und Dein weiterer Lebensweg es zeigen.
Was man definitiv sagen kann, ist, daß niemand eine psychische Erkrankung gehabt haben muß, damit er ein guter Therapeut wird. Man wird von einem Arzt auch nicht verlangen, AIDS oder Diabetes zu haben, um AIDS oder Diabetes behandeln zu können.
Und noch etwas: Nicht alle Psychologiestudierende studieren das Fach, weil sie von psychischen Erkrankungen betroffen sind oder waren oder sie sie besonders interessieren oder Therapeut werden wollen. Das ist nur ein Vorurteil.
Beste Grüße,
Oliver Walter
Hallo Branden,
Die Latenz des Therapeuten ist der Neurotiker, so wie die
Latenz des Psychiaters der Psychotiker ist und die Latenz des
Juristen der Kriminelle.
… ist dann die Latenz des Schriftstellers der Lügner?
viele grüße
Geli
Hallo Geli
… ist dann die Latenz des Schriftstellers der Lügner?
Ist etwas übertrieben ausgedrückt, aber im Kern wahrscheinlich nicht falsch. 
Mir fällt sofort der (von mir in meiner Kindheit bewunderte) Karl May ein, der seine schönen, phantastischen real-anmutenden Geschichten im Knast schrieb.
Gruß,
Branden
Hallo
… ist dann die Latenz des Schriftstellers der Lügner?
Quatsch, die Latenz des Schriftstellers ist der Leser
A.