Hallo,
Wer hat sich durch dieses Buch „gequält“? Ich habe die ersten
100 Seiten oder sowas gelesen, bin dann aber an der ganzen
Musiktheorie verzweifelt. Kann mir jemand sagen, wie es weiter
geht und ob es genauso schwierig zu verstehen bleibt für einen
Nicht-Musiker?
das Entscheidende im „Doktor Faustus“ ist nicht die Handlung selbst, sondern die Verschränkung der verschiedenen Einflüsse miteinander. Thomas Mann hat das selbst, allerdings trotz des objektiv klingenden Titels künstlerisch und eben keineswegs wissenschaftlich, dargestellt in „Die Entstehung des Doktor Faustus“ von 1949, untertitelt bezeichnenderweise mit „Roman eines Romans“.
Gegen die in seiner Zeit herrschende Nietzschedeutung, die Nietzsche als Moralverleugner sieht, möchte Thomas Mann hier zeigen, dass zwar die von Nietzsche geforderte Amoralität und Ausschweifung von Übel ist, dass sich aber Gefühl nicht erzwingen lässt, gleichwohl aber notwendig ist, um gewissen im Menschlichen angelegten Pervertierungen zu entgehen.
Leverkühn verschreibt sich dem Teufel, weil er die Kompromisslosigkeit sucht. Diese Kompromisslosigkeit geht bei ihm so weit, dass er bewusst eine Syphilis-Ansteckung in Kauf nimmt, um eine Nacht mit seinem geliebten Mädchen zu verbringen. Die Tragik dieses Vorgehens liegt darin, dass er - um dem Kompromiss zu entgehen - einen Kompromiss mit dem Teufel eingehen muss, nämlich den, dass er nicht mehr „lieben“ darf, also nicht mehr zu liebenden Gefühlen fähig ist.
Leverkühn gelingt es so, selbst aus der rein rationalen Behandlung von Musik - wie sie die Zwölftonmusik (im wirklichen Leben von Arnold Schönberg entwickelt) scheinbar fordert - sinnliche Musik zu erzeugen, die ihn selbst freilich emotional nicht mehr erreicht, sondern nur noch im Distanzurteil zugänglich ist.
Was Thomas Mann uns damit sagen will, ist, dass Künstlertum einsam macht (ein bisschen wehleidig war er schon, der Gute). Leverkühn ist eine Mischung aus Nietzsche (L. fordert Kompromisslosigkeit und stirbt z. B. nach langen Jahren geistiger Umnachtung), Schönberg (Musiktheorie) und Thomas Mann selbst. Die äußere Handlung des Verfalls ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des dritten Reiches (L. stirbt 1940). Das sind nur Beispiele, die Fülle der Bezüge findet man in dem oben genannten Werk.
Der Roman ist so schwierig zu lesen, nicht weil die Musiktheorie schwierig ist, sondern weil die Handlung vorwiegend innere Handlung ist, Beurteilung, wie weit sich die eigenen Grenzen sprengen lassen, ohne doch immer nur die eigenen Grenzen zu spüren. Ich würde soweit gehen, den Roman als Beschreibung eines zwanghaft leidenden Denkens zu bezeichnen, in dem jeder Ansatz einer Lösung durch die ensprechend notwendigen Kompromisse verhindert wird.
Ich denke, wenn man das Werk so liest, wird es interessant - und man kann das Ende (des Werkes) erreichen.
Herzliche Grüße
Thomas Miller