Hallo Carsten,
in (christlichen) Relgionsunterricht habe ich gelernt, dass
das Alte Testament das gemeinsame Buch von Juden und Christen
ist.
im Prinzip ja, aber der Zugang, die Interpretationen sind unterschiedlich. Was diesen Unterschied ausmacht, habe ich im Artikel:
„Jesus, der Talmud und die Pharisäer“
vesucht auseinanderzudröseln, deshalb der Link dazu:
http://juden.judentum.org/judenmission/bibel.htm
Bei Juden höre ich aber immer von Thora und Talmud. Sind das
Teile auch des Alten Testaments, und wenn ja, welche?
Nein, kurz gesagt: der Talmud interpretiert die Torah
Wenn Juden (ich glaube nur die Männer) stehend und mit dem
Oberkörper wippend laut aus einem Buch vorlesen: Ist das dann
die Thora oder der Talmud? Da ja alle durcheinander lesen
vermutlich hast Du eine Szene aus einer Lehrhaussituation vor einem geistigen Auge, wo Torah gelernt wird, was traditionell in der Form von Diskussionen stattfindet, wobei der Terminus „Torah lernen“ das Studium religiöser Inhalte umfaßt und im konkreten Fall Torah, Talmud oder auch spätere religiöse Schriften meint. Im traditionellen jüdischen Lehrhaus wird es sich meist um Talmudinhalte handeln.
und
sprechen: Nach welchen Gesichtspunkten sucht sich der
jeweilige seinen Text aus?
Es gibt Empfehlungen, in welcher Reihenfolge - hängt auch vom Schwierigkeitsgrad ab - man beim Lernen vorgehen sollte.
Man kann auch sich auch über Internet was für jeden Tag schicken lassen.
Außerdem sind manche Texte auch bestimmten Zeiten im Jahr zugeordnet. So ist es üblich Pirke Avot (Sprüche der Väter) in der Zeit zwischen Pessach und Schawuot zu lernen oder das Buch Ruth in der Lernnacht zu Schawuot (Fest, an dem man feiert, dass G-tt die Torah auf dem Sinai gegeben hat).
Wie „hilfreich“ ist das auf christlicher Seite gedruckte Alte
Testament für einen Juden?
Jede Übersetzung ist eine Interpretation. Und da es sehr gute deutsche Übersetzungen der Torah von Moses Mendelssohn, Leopold Zunz, Naftali Herz Tur-Sinai und anderen gibt, gibt es für einen Juden keinen Grund die Lutherübersetzung u.a. zu lesen, außer er tut es aus Vergleichsgründen, weil es ihn im Rahmen von christlich-jüdischem Dialog interessiert, wie Christen übersetzen und interpretieren.
Angenommen, ein jüdischer Nachbar
will zum Gottesdienst, findet das benötigte Buch aber in der
Eile nicht.
Lieb gemeint, aber ein konstruiertes Beispiel, denn:
Wenn Dein jüdischer Nachbar orthodox ist, wird er am Schabbat nicht tragen. Er hat die Bücher, die er benötigt in der Synagoge an seinem Platz.
Wenn Dein jüdischer Nachbar einer liberalen Richtung des Judentums angehört, könnte er zwar am Schabbat tragen, aber er wird wissen, daß er in der Synagoge einen Tanach vorfinden wird, wenn er der Torah-Lesung nicht auf hebräisch folgen kann.
Der Umgang mit Büchern in der jüdischen Tradition - besonders mit religiösen Büchern - ist ein sehr sorgfältiger. Die fliegen nicht einfach so irgendwo in der Wohnung rum, sondern haben einen festen Platz.
Viele Grüße
Iris