hallo zusammen,
wenn man sich an den gängigen Darstellungen orientiert, besteht Tibet aus einem brutal dezimierten, geknechteten und unterdrückten Volk, das Opfer darbringt und einen lachenden guten Menschen vergöttert, aus Gebetsmühlen drehenden Mönchen, aus zerstörten und z.T. renovierten Tempeln mit goldenen Dächern und aus herausfordernden Trekking-Routen.
Versuche, etwas über die Wirtschafts- und Sozialstruktur des Tibet vor dem Aufstand gegen die Chinesen zu erfahren laufen ebenso ins Leere wie eine differenzierte Reflexion über den völkerrechtlichen Status des Landes und die reale Stellung des Dalai-Lama im Kontext einer Feudalherrschaft, wenn es die gab.
Kann hier jemand weiterhelfen?
Grüße
oranier
Moin,
Kann hier jemand weiterhelfen?
Sicher doch:
„The Making of Modern Tibet“ von A. Tom Grunfeld, ISBN: 1563247143 Buch anschauen
Gruß
Marion
Hi Marion,
liest du mir das vor? Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass meine Englischkenntnisse dafür zu rudimentär sind.
Wenn dir etwas Deutschsprachiges begegnet, wäre ich dir für die entsprechende Information dankbar.
Oder du nimmst meine Nachfrage zum Anlass, deine Kenntnisse hier kundzutun.
Grüße
oranier
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Moinmoin,
Oder du nimmst meine Nachfrage zum Anlass, deine Kenntnisse
hier kundzutun.
Kannst du deine Frage etwas eingrenzen ? So wie sie formuliert ist, müsste ich mehrer Bücher hier niederschreiben, dafür fehlt mir leider die Zeit 
Gruß
Marion
Moinmoin,
Kannst du deine Frage etwas eingrenzen ? So wie sie formuliert
ist, müsste ich mehrer Bücher hier niederschreiben, dafür
fehlt mir leider die Zeit
sorry, natürlich.
Also was ich am schwersten herauszubekommen finde:
Irgendwann habe ich gelesen, Tibet sei vor dem Einmarsch der VR China eines der ärmsten Länder der Welt gewesen. Ist da was dran?
Wie war die Sozialstruktur? Gab es so etwas wie Feudalherrschaft?
Wenn ja, welche Rolle spielten die Klöster in dem Kontext, welche der Dalai Lama?
Grüße
oranier
Moin,
Irgendwann habe ich gelesen, Tibet sei vor dem Einmarsch der
VR China eines der ärmsten Länder der Welt gewesen. Ist da was
dran?
Nicht dass ich wüsste. Hier stellt sich allerdings die Frage, wie willst du das vergleichen ? Die ersten bekannten Hungersnöte in Tibet gab es erst nach Einmarsch der Chinesen.
Wie war die Sozialstruktur? Gab es so etwas wie
Feudalherrschaft?
Ja. Der Landbesitzt war im Wesentlichen aufgeteilt zwischen den Klöstern, dem Adel und der Regierung in Lhasa. Die Gesellschaft teilte sich auf in den Klerus, die Angehörigen der Adelsfamilie (ererbter Adel) und der zum Adel erhobenen Familien. Aus diesen Gruppen rekrutierten sich auch die Mitglieder der Regierung. Etwa 50% des Landes befand sich in der Hand der Klöster und Adeligen. Der Rest der Bevölkerung bestand aus Bauern und Nomaden. Bei den Bauern gab es unterschiedliche Klassen, angefangen von „Steuerzahlern“, die eigenen vererbbaren Landbesitz bestellten, bis hin zu Leibeigenen. Nomaden machten etwa 50% der Bevölkerung aus. Die Nomaden waren in unterschiedliche Stämme aufgeteilt mit eigenen sozialen Klassen und Anführern. Sie waren von der Regierung in Lhasa und den Klöstern unabhängig.
Wenn ja, welche Rolle spielten die Klöster in dem Kontext,
welche der Dalai Lama?
Man geht davon aus, dass etwa 20-30% der männlichen Bevölkerung Mönche waren. 1959 umfassten allein die drei größten Klöster in Lhasa zusammen 16500 Mönche. Die Klöster waren nicht nur ein religiöser, sondern auch ein wichtiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor. Die großen Klöster waren eigene kleine Städte mit Ländereien, Märkten, Produktionsbetrieben, Landpächtern etc. Etwa 10-15 Prozent der Mönche war von den religiösen Gelübten und Pflichten befreit und nahm Aufgaben in der Wirtschaft und dem Militär wahr. Manche Klöster waren Zentren zum Vervielfältigen und Veröffentlichen von Schriften, Zentren der Kunst, des Handwerks etc. Die Klöster waren der Regierung nicht Steuerpflichtig. Grunsätzlich stand der Eintritt ins Kloster jedem offen aber nicht alle machten dort „Karriere“. Die überwiegende Mehrheit der Mönche führte ein recht karges Leben.
Die politische Macht in Tibet war aufgeteilt zwischen der Zivilregierung und den Klöstern. Auf jeden Zivilbedingsteten kam ein religiöses „Gegenstück“. Im Allgemeinen galten die religiösen Regierungsangehörigen als „zuverlässiger“, da sie keine Eigeninteressen verfolgten (da sie ja keinen eigenen Besitz hatten) und durch ihren Status als Mönche geschützt warun und somit auch unliebdame Positionen einnehmen konnte. An der Spitze der Mönchshierarchie stand der Dalai Lama.
Wie offensichtlich ist, standen die Klöster und der Dalai Lama immer in gewisser Rivalität zur weltlichen Regierung und dem Adel.
In der politischen Hierarchie (des 20. Jahrhunderts) gab es neben dem Dalai Lama (sofern es einen im regierungsfähigen Alter gab) den (oder die Regenten) welche häufig Lamas waren und von der Nationaionaversammlung gewählt wurden. Ebenfalls an der Spitze der Hierarchie stand der „Silon“ (oder Lönchen), eine Art Mittler zwischen den weltlichen Staatsbeamten und dem Dalai Lama. Als nächstes in der Hierarchie kam der „Kashag“, der aus vier „Shapes“ bestand, von denen drei weltliche Staatsbeamte waren und einer Mönchsstaatsbeamter. Die Shapes wurden vom Regenten ernannt (wie Minister). Die vier hatten gleiche Autorität und Entscheidungen mussten im Konsens gefällt werden. Der Kashag war das administrative Zentrum der tibetischen Regierung. Alle weltlichen Belange erreichten den Regenten nur durch den Kashag und das Siegel des Kashag war für die meisten Regierungsanordnungen erforderlich. Die Macht des Kashag erstreckte sich jedoch nicht auf den religiösen Bereich. Hier gab es den „Chigyab Khembo“ und das Yigtsang. Der Chigyab khembo war der ranghöchste Mönch und war verantwortlich für den Stab des Dalai Lama. Er war auch Bindeglied zwischen Yigtsang und Dalai Lama. Das Yigtsang bestand aus 4 Mönchsbeamten und dessen Aufgaben waren im religiösen Bereich den des Kashag im weltlichen Bereich vergleichbar. Ein wichtiger Posten unterhalb des Kashag war der des „Tsigang“, wo der die finanziellen Belange des Staates regelte.
Die weltliche Aristokratie stellte im Allgemeinen die drei weltlichen Mitglieder des Kashag. Dann gab es noch seit Mitte des 19. Jahrds die „Nationalversammlungen“, denen unterschiedliche Mitglieder angehörten. Die kleinste derartige Versammlung bestand aus den 4 Mitgliedern des Kashag und den 4 Mitgliedern des Yigtsang. Sie wurde z.B. durch den Kashag einberufen, um ihren Vorschlägen mehr Gewicht zu verleihen. Die größte „Nationalversammlung“ hingegen bestand z.B. aus allen Äbten der drei Hauptklöster der Gelugpa, den Trungtsigye, allen zum Zeitpunkt in Lhasa präsenten weltlichen und religiösen Staatsbeamten, Repräsentanten von anderen Klöstern, Repräsentanten der Armee, Steuerverantwortlichen und anderen Staatsbediensteten. Diese Versammlungen hatten im Wesentlichen eine ratgebende Funktion für den Kashag.
So. Noch Fragen ? 
Gruß
Marion
Gruß
Marion
Hallo Marion,
danke für die ausführliche Antwort!
So. Noch Fragen ?
Danke, von meiner Seite aus für den Moment nicht! Ich muss die Informationen erst einmal für mich sortieren.
Grüße
oranier
Moin,
Danke, von meiner Seite aus für den Moment nicht!
Schade eigentlich 
Endlich mal jemand, der sich außer mir für diese Thema interessiert.
lieben Gruß
Marion