Zwar befürchte ich, dass mein Problem nicht ganz so aufregend ist, aber ich hoffe, man kann mir trotzdem weiterhelfen.
Ich bin wegen einer dysthymen Störung in psychotherapeuticher Behandlung und bin mit dem Therapeuten übereingekommen, dass ich mich für eine vorgenommene und auch erbrachte Leistung (in diesem Fall jeden Tag 250 Wörter an meinem Roman zu schreiben) mit etwas Süßem belohnen darf - als eine positive Verstärkung.
Soweit, so gut.
Nun aber kenne ich mich: wenn etwas Süßes im Haus ist, gehe ich ran.
Nun suche ich eine fruchtbare Idee, wie ich das Zeug im Haus haben und trotzdem nur rangehen werde, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe.
Ich habe leider niemanden, der das für mich „verwaltet“, wegschließen wäre in dem Sinne auch keine Lösung, weil ich ja problemlos wieder aufschließen kann.
Wie gesagt: ich bräuchte da ein - zwei Ideen, wie ich wirklich erst dann an das Süße gehe, wenn ich es mir verdient habe.
Lieben Gruß und schon einmal Dankeschön im Voraus
Michael Vogl
Vielleicht indem Du anfängst, Dich und Dein Vorhaben ernst zu
nehmen.
Dagegen habe ich zwei Dinge einzuwende. Zum einen: Ich glaube nicht, daß man jemandem, der infolge einer depressiven Erkrankung nicht vorwärts kommt, generell unterstellen kann, er nehme sich und sein Vorhaben nicht ernst. Zum anderen: Die Unterstellung, er nehme sich nicht ernst, ist eine Hypothek, die geeignet ist, jeden Anflug von Motivation zu ersticken. Denn das Scheitern, daß es auf diesem Weg zwangsläufig immer wieder geben wird, wird dadurch von Selbstzweifeln überschattet, die nicht gerade förderlich sein dürften.
Ersteinmal dankeschön für die Antworten und gleichzeitig ein dickes Dankeschön an Sie, Denker, für diesen Beitrag.
Ein bißchen tut es schon „weh“, wenn man etwas versucht, es nicht schafft und dafür noch ein „Dann war es dir auch nicht ernst“ hört.
Zwar glaube ich nicht, dass Anja es verletzend gemeint hat, aber ich hatte schon ein klein wenig daran zu knabbern.
Die einfachste Lösung ist natürlich, nichts im Haus zu haben und erst dann loszugehen, wenn du es dir „verdient“ hast. Die Frage ist nur: ist es das, was du willst?
Du schreibst einen Roman. Also „Belohnung“ dafür, dass du schreibst, dient ein Stück Schokolade (Gummibärchen etc.). Auf der anderen Seite steht die Selbstdisziplin. Also ein Wegnehmen, Beschränken der Belohnung.
In meinen Augen manövrierst du dich durch diese Verknüpfung zwangsläufig in ein Frusterlebnis rein, was du in depressiver Stimmung überhaupt nicht gebrauchen kannst: Du willst 250 Wörter schreiben pro Tag. Das ist doch Belohnung genug, wenn du das schaffst. Wobei ich schon als positives Ziel verbuchen würde, wenn du überhaupt jeden Tag schreibst. Angenommen, es ist nur ein schöner Satz, wäre das dann Grund, frustriert zu sein?
Dann deine Schokolade: Angenommen, du würdest erst dann auf die zündende Idee kommen, wenn du einen Riegel Schokolade gegessen hast und würdest danach 500 Wörter schreiben. Nach deinem „System“ müsstest du dann frustriert sein, weil du versagt hast: keine Selbstdisziplin, mit der Schokolade bis nach dem Schreiben zu warten.
Entschuldige: aber das ist Gaga
Hier die Selbstdisziplin, da der Roman. Und nun versuchst du dir mal für beide Dinge getrennt ein entsprechendes, sinnvolles Belohnungssystem zu überlegen. (Wobei ich eben der Meinung bin, dass jede Zeile geschrieben ein Erfolg ist.)
Hi,
hast Du zufällig einen Keller? Ich jedenfalls wohne in einer Wohnung im obersten Stock, und unten im Erdgeschoss habe ich einen Kellerraum.
Ich weiss, da könnte ich natürlich auch hingehen - aber ich bilde mir ein, es wäre eine Hemmschwelle, die mich vielleicht davon abhalten würde, an die Nascherei ranzugehen, bevor ich sie wieder aus meinen Gedanken verbannt habe.
Ansonsten - vielleicht könnte ein Trick mit Verpacken helfen. Nicht, dass eine gekaufte Packung per se erstmal zu ist. Aber nur mal so um das Hirn auszutricksen: Vielleicht in einen Briefumschlag (A4 oder was auch immer) stecken, an Dich selbst addressieren, und - hey, ich wollte eigentlich sagen, irgendwo hinstellen. Aber Du könntest ihn ja auch in Deinem Briefkasten deponieren!
gruss, isabel
deren innerer Schweinehund auch etwas ungestüm sein kann
aber ich hatte schon ein klein wenig daran zu knabbern.
Meine eigene Erfahrung war, daß ich um so gelähmter und antriebsloser wurde, je mehr Druck ich verspürt habe. Je mehr ich mir gesagt habe, ich muss! aber, um so weniger konnte ich. Hinter dem „Ich muss!“ standen Glaubensätze wie „Ich bin sonst ein Versager“, „Ich tauge sonst nichts“, „Ich werde ausgelacht“, „Keiner nimmt mich ernst“ und dergleichen mehr. Da passt auch ein „Ich muss beweisen, daß es mir ermst ist“ hinein.
Ich weiß deshalb nicht, ob Deine Selbstdisziplinierung wirklich eine Lösung ist - oder ein Teil des Problems. Letztendlich provozierst Du damit zwangsläufig Situationen, in denen Du versagst und mit diesen Versagensgefühlen klarkommen musst. Ähnlich schreint das ja auch Janina (die wirklich ein kluger Kopf ist).
Ich für meinen Teil musste erst meine Disziplinlosigkeit als einen Teil meiner selbst akzeptieren, um diszipliniert arbeiten zu können. Paradox, aber wahr.
Da fällt mich ein: Ich muss jetzt wirkl … nein, ich sollte jetzt … nein: Ich möchte jetzt wieder meinem Brotwerwerb nachgehen. Ein bißchen undiszipliniert bin ich nämlich immer noch.
Ein bißchen tut es schon „weh“, wenn man etwas versucht, es
nicht schafft und dafür noch ein „Dann war es dir auch nicht
ernst“ hört.
Ich wollte erst schreiben: Vielleicht indem Du anfängst, Dich liebzuhaben…
Ich bin selbst seit über 40 Jahren in unterschiedlicher Graduierung depressiv - mit sehr wenigen depressionsfreien und fast glücklich zu nennenden Zeiten dazwischen. Und ich bin Künstlerin, muss mich also auch ständig selbst motivieren, disziplinieren, um arbeiten zu können (seit über einem Jahr schaffe ich gar nichts mehr). Und wenn ich nicht arbeite(n kann), dann verachte ich mich und das macht das Ganze nur noch schlimmer, lähmt mich erst recht. Und wenn ich mich verachte, nehme ich mich nicht ernst und Selbstliebe ist ein Fremdwort. Ich weiß also, wovon ich spreche - und da ich nicht von mir auf andere schließen kann, schon gar nicht, wenn ich sie persönlich nicht kenne - habe ich das „Vielleicht“ als Denkanstoß davorgesetzt.
Zwar glaube ich nicht, dass Anja es verletzend gemeint hat,
Keineswegs. Das ist das Letzte, was mir in den Sinn käme.
aber ich hatte schon ein klein wenig daran zu knabbern.
Ich bin wegen einer dysthymen Störung in psychotherapeuticher
Behandlung und bin mit dem Therapeuten übereingekommen, dass
ich mich für eine vorgenommene und auch erbrachte Leistung (in
diesem Fall jeden Tag 250 Wörter an meinem Roman zu schreiben)
mit etwas Süßem belohnen darf - als eine positive Verstärkung.
im Prinzip halte ich Belohnung für eine gute Sache. Wer gut arbeitet soll auch gut Pause machen.
Gerade das Belohnen, das Sich-Etwas-Gönnen und Sich-Etwas-Gutes-Tun kommt bei Depressiven zu kurz. Parallel zur äußeren Trägheit wächst daher die innere Anspannung, sodass irgendwann gar nichts mehr geht, weder Arbeit noch Pause.
Soweit, so gut.
Nun aber kenne ich mich: wenn etwas Süßes im Haus ist, gehe
ich ran.
Wenn’s gut wäre …
So wie du deinen Plan schilderst, sieht er eher wie eine Dressur aus. Wenn du brav Männchen machst, gibt es ein Leckerlie, ansonsten was auf die Finger.
Statt etwas für dich gutes hast du dir einen neuen Kampf eingehandelt, und der Belohnungseffekt dürfte auch bei 100%iger Disziplin ziemlich gering sein.
Ich halte es für gut möglich, dass der Therapeut von deinem problematisfchen Umgang mit Süßem gar nichts weiß. Vielleicht begebt ihr euch mal auf die Suche nach einer echten Belohnung:
Etwas außer der Reihe, was du dir sonst nicht gönnst.
Schließlich ist das Ziel langfristig ein Zustand der inneren Zufriedenheit, und dazu gehört unabdingbar, sich selbst gutes zu tun. Disziplin ist nur ein Mittel zum Zweck, ebenso wie Güte und Nachsicht.
Vielen lieben Dank für die vielen Antworten.
Ja, mein Psychotherapeut weiß von meiner „Süßigkeitensucht“, er meint aber auch, dass er mir beim Thema Selbstdisziplin nicht wirklich weiterhelfen kann. Da „muss ich alleine durch“, sprich ich selber dafür sorgen muss, dass ich es tatsächlich durchhalte.
Nun ja, ich versuche es.
LG und nochmal dankeschön
Ich danke Ihnen für die Erklärung und auch dafür, dass Sie mich nicht verletzen wollten. Gleichzeitig ein ganz dickes Lob und Kompliment dafür, dass Sie auch ein wenig über Ihre Depression erzählt haben; das beweist viel Mut und ich zolle Ihnen großen Respekt!
Das tut mir leid, das wollte ich nicht.
Das glaube ich und mittlerweile ist es auch bei mir wieder „okay“.
Ich hoffe nur, ich habe Ihnen damit jetzt nicht wehgetan.