Tochter bei Ladendiebstahl erwischt

Liebe Expert/innen

Meine Tochter (14 Jahre), die seit ca. 1 Jahr bei meiner Ex lebt, ist beim Ladendiebstahl erwischt worden. Mit zwei weiteren Mädels ist sie durch div. Einzelhandelsgeschäfte gezogen und alle drei haben willkürlich kleine Artikel (überwiegend Schmink-Utensilien) eingesackt und sind letztlich vom Detektiv erwischt worden - Polizei.

Da meine Ex (ihr derzeitiger Lebensgefährter ist Polizist) sich hinlänglich um die Bestrafungsseite kümmert und düsterste Zukunftsszenarien an die Wand malt, versuche ich im Gespräch mit meiner Tochter andere Seiten dieses Tuns zu beleuchten.

Auch wenn es nach Ausrede klingt, glaube ich meiner Tochter, dass sie erst mitgemacht hat, nachdem die „Cliquen-Anführerin“ sie als „feige Memme“ unter Druck gesetzt hat - nicht als Entschuldigung, sondern zur Erklärung: Die anderen beiden Mädels waren bereits auf Klau-Tour, als meine Tochter dazu kam.

Alle Drei haben völlig wahllos eingesteckt, was ihnen in die Finger gekommen ist: Körperpflege-Mittel, Schminke, Deo usw. - eben alles kleine Teile, aber völlig zusammenhanglos; Dinge, die sie z. Tl. nie freiwillig benutzen würden.

Ich frage mich nun, was wirklich dahinter steckt, wenn meine Tochter wider besseres Wissen und bestimmt mit einer gehörigen Portion Angst, Dinge stiehlt, die sie gar nicht gebraucht/gebrauchen kann.

Hallo Gunter,

dahinter stecken kann viel, was es genau sein könnte, ist für die Beteiligten oft am Schwierigsten zu beurteilen. Die Erziehungsberechtigten, aber auch Deine Tochter werden sich schwer tun hier die passende Antwort zu finden.

Bei Kindern erlebe ich häufig, dass sie nicht in der Lage sind, die Frage nach dem Warum zu beantworten. Hast Du Deine Tochter gefragt „Warum?“
Natürlich hast Du und bist Du jetzt schlauer?

Bei Eltern erlebe ich ebenso häufig, dass die Sichtweise ausschließlich bei den Kindern und deren „Fehlern“ liegt. Sie stellen sich Fragen über Fragen, was ihr Kind falsch macht, welchen Umgang es hat,welche Rolle die schlechten Freunde spielen und „wo sie da nur rein geraten ist“

Niemand gerät irgendwo rein und nichts passiert mal eben so!!

Am Ende kommt sehr oft folgendes raus: Die Eltern machen grundsätzlich nichts falsch, zumindest können sie nichts erkennen- wie könnten sie auch?- die Sichtweise liegt ja ganz bei ihren Kindern- und als Erziehungsmaßnahme steht Hausarrest, Fernsehverbot und oft auch der Umgang mit den Freund/innen auf dem Programm.

Das wohl schlechteste Resultat, was man sich wünschen könnte, weil es NICHT nach der URSACHE sucht, sondern einzig dazu dient, den Eltern Befriedigung zu verschaffen: „Wir haben etwas unternommnen und brauchen uns nichts vorzuwerfen!“

Auch die düsteren Zukunftsprognosen halte ich für ungeeignet: „Wenn Du so weitermachst, landest Du noch in der Gosse“
Sehr beliebt ist auch: „Aus Dir wird nie etwas“
Die Eltern vermitteln Ihren Kindern entweder Unglaubwürdigkeit, oder aber sie verinnerlichen solche Aussagen und richten Ihren Lebensplan danach.

Auf Dauer wird es das Verhältnis zum Kind verschlechtern und die Lösung, nämlich das Finden der Ursache, verkomplizieren- immer vorausgesetzt man MÖCHTE überhaupt eine Ursache finden, denn man stelle sich vor, man findet eine, dann könnten die Probleme ja erst richtig losgehen!

Wer mit Angst stiehlt, geht ein sehr großes Risiko ein. Das weiß man auch mit 14 Jahren. Es ist auch keine Mutprobe, oder ein Kinderstreich!!

Es KÖNNTE sein, dass es etwas mit fehlender Aufmerksamkeit, Anerkennung, nicht-geliebt werden, nicht- beachtet werden, seht- her- ich- kann- doch- was, zu tun hat.

Es KÖNNTE!! Es MUSS nicht, aber der Antwort kommst Du am Nächsten, wenn Du als Vater bei Dir schaust, wenn die Eltern sich selbst kritisch hinterfragen können. Ein Außenstehender, der die Familie gut kennt und einen ehrlichen, offenen Umgang mit Dir pflegt, könnte es ME noch besser beurteilen. Gibt es diesen nicht, wäre ein Fachmann für Familientherapie sicherlich hilfreich.
In jedem Fall würde ich die Sache sehr ernst nehmen und nicht als dummen Streich abtun.

Eine schönes Wochenende

Frank

Hallo Gunter,

Ich frage mich nun, was wirklich dahinter steckt, wenn meine
Tochter wider besseres Wissen und bestimmt mit einer gehörigen
Portion Angst, Dinge stiehlt, die sie gar nicht
gebraucht/gebrauchen kann.

die Antwort hast du ja oben selbst gegeben, als du davon sprachst, dass deine Tochter unter Druck gesetzt wurde. Gruppenzwang ist häufig der Grund für solche Dinge.

Was das Problem schwieriger macht, ist das Alter deiner Tochter. In der Pubertät ist der Einfluss der Eltern nicht unbedingt das, was Kinder gerne zulassen. Daher weiß ich keinen besseren Rat, als deine Tochter mal zu fragen, warum sie denn gerade Freundin dieser beiden sein möchte. Allerdings würde ich nicht sofort nach den genannten Personen fragen, sondern erst einmal eruieren, wie denn die sonstige Sozialisation deiner Tochter in der Schule ist. Je nachdem könntest du dann verschieden versuchen, deinen Einfluss zu lenken bzw. zu verstärken.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo erstmal,
ich möchte mich erstmal aus „nicht-Experte“ outen. Ich habe hier auch gerade eine Frage gestellt, und bin über Deinen Eintrag gestolpert.

Ich kann hier nur aus eigener Erfahrung sprechen:
Mit 12-14 waren wir (eine Clique) im Dorf auf Raubzug. Nur Schlecker, nur Unsinn, nur für den Papierkorb oder zum Angeben.
An was ich mich aber mehr als gut erinnern kann ist der Kick, den man von Achterbahn, Schlägereien oder heute auch Bungee-Jumping kennt.

Macht Spass :smile: Und die Konsequenzen gibts im Hirn eines Kindes noch nicht!!

aleX

Hallo Gunter,

der polizeiliche Ex-LAG ist wie ein Klempner, der sich schlecht vorstellen kann, daß die meisten Wasserhähne im Lande in Ordnung sind, weil er immer nur tropfende Wasserhähne zu gesicht bekommt.

Die Kinder haben aus drei Gründen im Kaufhaus geklaut: erstens weil sie ungezogene Gören sind, zweitens weil da ein Kaufhaus steht - und drittens einfach so.
Hoffentlich war der Kontakt mit Polizei und Justiz eindrucksvoll genug. Wahrscheinlich passiert das dann nie wieder, drum würde ich dem Mädel verzeihen und nicht mehr davon reden.

Mit herzlichem Gruß,

Wolfgang Berger

Hallo Gunter,

find ich klasse, daß Du Dich nicht an den düsteren Zukunftsprognosen Deiner
Ex-Frau beteiligst und lieber mit Deiner Tochter darüber sprichst.
Wobei ich auch das Verhalten ihrer Mutter verstehen kann.

Also, aus eigener Erfahrung mit meinem Sohn:
Er hat das mit 13 auch versucht. Wie er sagte, aus dem gleichen Grund, wie Deine
Tochter. Er ist erwischt worden mit einem anderen Kumpel am Ladenausgang von
Kaufhausdetektiven.
Naja und dann Polizei und Verhör und Mama abholen und das alles.
Mama (also ich) war völlig aufgelöst („Hysterie“ Deiner Ex also nachvollziehbar).
Der Bub erlitt wohl beim Erwischtwerden den nötigen Schock. Die Hosen waren
symbolisch voll.
Das war der Anfang und das Ende seiner „Klaukarriere“.

Ich denke, reden ist wichtig, auch in Bezug auf mögliche Folgen. Und ein „Sich an
seine eigene Pubertät erinnern“ ist immer sinnvoll.

MfG
Silvia

Hi,
Expertin bin ich zwar auch nicht, und Thomas Miller hat in seiner Antwort dies auch schon angesprochen: Sie wurde unter Druck gesetzt.
Man kann zwar behaupten, dass das nichts entschuldigt.
Aber wenn sie das ganze alleine gemacht haette, dann wuerde ich mir eventuell Sorgen machen.
War aber nicht der Fall: Koenntest Du vielleicht mit ihr sprechen, und ihr auf irgendeiner netten Weise klarmachen, dass man, auch im spaeteren Leben, zu seinen Ueberzeugungen stehen muss, und nicht inkonsequent handelt, nur damit man sich nicht bei jemandem (wie eben der ‚Anfuehrerin‘) unbeliebt macht?

Es ist zwar nicht einfach fuer ne 14jaehrige, aber wenn sie als ‚feige Memme‘ bezeichnet wird, sollte sie doch mal der ‚Anfuehrerin‘ in einer solchen Situation kontern, dass sie nicht aus Feigheit ihr gegenueber irgendwelche Spaesschen treibt, zu denen sie kein Bock hat.
Dazu gehoeren nicht nur illegale Sachen wie Ladendiebstahl - das koennen in anderen Umstaenden auch Drogen, oder einfach mal die erste Zigarette etc sein.

Vielleicht kannst Du Ihr eben auf netter Weise beibringen, dass sie nicht immer alles mitmachen muss, nur um von ihren ‚Freundinnen‘ akzeptiert zu werden. Obwohl das fuer einen Erwachsenen, der lieber mit Moral predigen moechte, vielleicht nicht einfach ist, denke ich, es ist wichtig, ihr alternative Weisen des ‚Nein-Sagens‘ zu offenbaren - eben wie oben erwaehnt. Sie muss ja nicht gleich sagen, ‚oh, aber sowas macht man doch nicht‘, sondern kann sich da auch raushalten, indem sie gelassen sagt, ‚dann macht doch, aber ohne mich -ist halt nicht mein Ding‘, und ‚Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich aus Schiss vor Dir auf einmal mitmache - so schon gar nicht!‘

Sorry, ich druecke mich, wie immer, nicht gerade sehr wortgewandt aus, aber ich hoffe, Du versteht mich trotzdem.
Gruss, und nicht allzu viel Sorgen machen!
Isabel

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Hi Gunter,

ich erinnere mich daan einen ca. 12 jährigen Jungen, der aus purer Lust und Nervenkitzel, oder was auch immer in einem Warenhaus Ritterfiguren hat mitgehen lassen. Mensch hat das Herz geklopft, als das Kaufhaus verlassen wurde.

Das war Episode eins.

Episode zwei:
Ein Modellbauwettbewerb in einem großen Spielzeugladen.
Hauptpreis: ein recht großer Modellbausatz.
Nun ja, der oben genannte Junge wurde nur dritter, hat dann aber den Hauptpreis für die folgende Runde unter den Arm geklemmt und ist gegangen. In das Spielwarengeschäft hat er sich die nächsten zwei Jahre nicht mehr getraut.

So das war meine kriminelle Karriere. Rausgekommen ist nie was aber der Nervenkitzel war bei mir schnell weg, allerdings hats bei mir nie einen Gruppenzwang gegeben.

Aber ich will mich den Vorrednern anschließen. Nimm sie in den Arm und sag ihr, daß Du weiterhin Vertrauen zu ihr hast und versuch Deine Ex zu beruhigen, ev. ewnn Du kannst auch deren neuen Lebenspartner.
Sonst besteht vielleicht sogar die Gefahr, daß durch dieses Gezehter die ‚Karriere‘ erst richtig angefacht wird.

So was gehört durchaus zum normalen Verhalten von Jugendlichen und sollte nicht zu hoch gehängt werden. Mach Deiner Tochter aber unmissverständlich klar, daß Du dieses Verhalten nicht OK findest, aber in einem Ton/einer Art, den/die sie annehmen kann.

Gandalf