Hallo Christiane,
ich finde es schwierig, zu deinem Thema inhaltlich etwas zu schreiben, denn - verständlicherweise - beschreibst du ja nur einige Symptome, aber die ganze Geschichte (ihr und euer Leben bisher) ist ja unbekannt.
Meines Erachtens ist die Zeit so um die 20 eine Zeit, in der manchmal Dinge hochkommen, die bis dato erfolgreich weggedrückt wurden.
Ein Beispiel: Bei Scheidungskindern ist beobachtet worden, dass die Probleme, die die Scheidung für sie bedeutete, in den ersten Jahren nach der Scheidung für die Umwelt kaum sichtbar waren, Jahre später jedoch heftig an die Oberfläche drängten.
Ich weiß nicht, ob irgendetwas in der Art auf deine Tochter zutrifft, meine Idee wäre aber zu schauen, ob es vielleicht problematische Aspekte in ihrer Lebensgeschichte gibt, die weiter zurückreichen und in dem heute von ihre gezeigten Verhalten nachwirken. Erkennt man da eine Möglichkeit, könnte das helfen, das Heute besser zu verstehen und auf die jetzige Situation einzuwirken.
Selbst wenn es sich nur um die „normalen“ Wehwehchen des Erwachsenwerdens handelt, kann das das Leben manchmal leichter machen. Einfach, weil man eine Idee bekommt, was eigentlich los ist oder sein könnte.
Außerdem fallen mir noch folgende Fragen ein:
- Hat sie gute (!) Freunde und Freundinnen?
- Hat sie einen Freund? Hatte sie schon einmal einen?
- Interessiert sie ihr Ausbildungsberuf, wenn auch vielleicht nur in Teilaspekten?
- Was genau stört sie an ihren Kollegen, an der Firma, an ihren Vorgesetzten, an ihrem Joballtag?
- Gibt es irgendetwas, was sie gerne tut, Hobby etc.?
- Treibt sie Sport?
- Geht sie raus? Trifft sie sich mit Leuten? Hat sie eine aktive Freizeit?
- Zeigt sie Essstörungen?
- Ist sie eher introvertiert oder extravertiert?
- Ist sie schüchtern und/oder hat sie Schwierigkeiten mit Leuten in Kontakt zu kommen?
- Hat sie Pläne und Ideen, die sie dann auch umsetzt?
- Lacht sie viel, wenig, selten?
- Gibt es Dinge, bei denen sie keine Probleme hat, dran zu bleiben, die sie stundenlang tun kann, ohne den Spass daran zu verlieren?
- Woher meinst du zu wissen, dass sie nur deswegen wieder zur Schule gehen will, weil das angeblich weniger anstrengend ist als zu arbeiten? Ist das deine Interpretation oder hat sie das genau so gesagt?
Oberflächlich mangelndes Durchhaltevermögen in der Schule und in der Jobroutine oder auch ständig wechselnde Hobbys können übrigens auch damit zu tun haben, das jemand eigentlich über eine sehr gute Auffassungsgabe verfügt, bei Routinen schnell gelangweilt ist und erst dann aufblüht, wenn er/sie es mit ständig wechselnden Anforderungen zu tun hat. Ich gehöre zu dieser Sorte. Bei Routineaufgaben wird meine Leistung schnell höchstens durchschnittlich, habe ich einen Job, bei dem ständig neue Probleme zu bewältigen sind und kaum ein Tag wie der andere aussieht, ich ständig Brände löschen und Anweisungen im fliegenden Wechsel neuen Aspekten anpassen muss, werde ich richtig gut und kann Stunden ohne Pause durcharbeiten.
Meiner Mutter erschien es jedoch früher anscheinend so, als wäre ich partiell faul und hätte kein Durchhaltevermögen.
Ich hoffe, ich konnte dir ein paar Denkanstöße geben.
Grüße
Christiane