Hallo,
ich finde es sehr normal, dass du traurig bist. Und vielleicht auch ein bisschen enttäuscht und eifersüchtig. Da gibt es plötzlich jemanden, der wichtiger scheint als du und der nun scheinbar zwischen dir und deiner Tochter steht. Und das nach 19 gemeinsamen Jahren durch Dick und Dünn.
Du bleibst zurück zwischen deinen Männern, die natürlich auch wichtig sind, aber dein verlorenes Tochterkind eben nicht einfach so ersetzen können.
Ich bin ziemlich sicher, dass du längst weißt, dass das alles normal so ist und irgendwann so kommen musste. Nur eben vielleicht nicht so früh und so plötzlich. Es gibt einen indischen Spruch, der sagt: „Solange Kinder klein sind, gib ihnen tiefe Wurzeln. Wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel“.
Die erste Aufgabe hast du geschafft, nun steht die nächste an. Und auch hier hilft dir das, was in all den Jahren entscheidend war: DU bist die Mutter, die Erwachsene, die Erfahrene, die immer ein Stückchen weiter schauen muss, als es ihr Kind tun kann.
Deine Tochter muss sich lösen und ihren eigenen Weg gehen. Und da unsere Kinder das nicht üben können, sind sie manchmal ein wenig ungeschickt in der Wahl ihrer Mittel. Sie weiß mit Sicherheit darum, dass ihr Weggehen schwer für dich ist. Aber das kann (und muss) sie nicht für mittragen. Sie hat grade genug damit zu tun, ihr Leben für sich selbst zu regeln.
Lass dir Zeit, loszulassen. Wichtig ist nur, dass du keine Türen zumachst. Es ist mühsam, sie später wieder zu öffnen. Es ist DEINE Trauer und du hast alles Recht der Welt dazu, sie auszutragen. Aber lass sie bei dir und mache sie nicht deiner Tochter zum Vorwurf. Für sie wird es vermutlich noch einige Lieben geben, aber immer nur eine Mama. Und es wird nicht allzu viel Zeit vergehen, bis ihr das auch wieder bewusst wird. Je weniger du schubst, desto eher wird das passieren.
Schöne Grüße,
Jule