Tod der Mutter, keine Gefühle

Hi,

vorletzte Woche Donnerstag ist meine Mutter gestorben,
ich habe sie ganz doll lieb gehabt und bezeichnete sie als wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Am 27.07. diesen Jahres bekamen wir die Diagnose Lungenkrebs mit vielen Metastasen im Hirn. Ich war so traurig und habe so viel geweint und konnte nicht schlafen.
Sie wog damals bei 1,68m vielleicht noch 48kg. Hatte aber einen enormen Lebenswillen.

2 Wochen nach der Diagnose wurde mit der Chemo begonnen, 10Tage danch mit der Bestrahlung des Kopfes. Nach der zweiten Chemo 2Wochen später
ging es rapide bergab, sie hatte keinen Appetit mehr und die Blutwerte waren nur noch eine Katastrophe ( Leukozyten = 0 ).

Heute vor 14 Tagen wollte sie morgens nur noch ins Krankenghaus, weil es ihr so schlecht ging. Habe sie natürlich auch gleich gebracht, im Zimmer haben wir sogar noch drei Runden Karten gespielt.
Nachmittags war ich noch eine Stunde da, danach kam meine Schwester während ich auf deren Kinder aufpasste. Abends gegen 18:00klingelte mein Handy, es war meine Schwester, meine Mutter hätte Blutungen im Magen und würde nun auf die Intensivstation verlegt. Ich bin sofort nochmal hingefahren, war dann auch noch 3 Stunden da. Sie schickte uns dann nach Hause, sie wollte schlafen. Am nächsten Morgen waren wir um halb neun wieder da. Ihr wurde gerade eine Atemmaske angelegt, sie war aber nicht mehr ansprechbar. Knappe 5 Stunden später ist sie dann in unseren Armen eingeschlafen. Ich habe geschrien.

Seitdem bin ich mir über meine Gefühle absolut nicht im klaren.
Ich kann nicht weinen, ich denke nichtmal den ganzen Tag an sie.
Ich habe in ihrem Haus eine Wohnung unter dem Dach, insofern bin ich den ganzen Tag mir ihren Dingen konfrontiert.
Ich überlege zwar häufig wie ich meiner Mutter eine Freude machen könnte, das ist nun aber schlecht.
Ich habe mích entschlossen Anfang Oktober noch eine Woche an die Küste zu fahren. Ich mache gerne Scherze, selbst dazu bin ich manchmal in der Lage.
Aber nen Buch Lesen oder Fernsehen gucken ist schlecht, da verliere ich nach kürzester Zeit die Freude und Konzentration dran.

Ich versteh das alles nicht.

Gruß
Axel

Hi,

imho zwei wichtige Punkte:

Zum einen brauchen wir manchmal eine Art Inkubationszeit,
in der wir begreifen lernen müssen, was geschehen ist.
Solche „unfassbaren“ Ereignisselassen sich eben nur
schwer und allmählich „fassen“.

Zum zweiten glaube ich an eine Art Schutzmechanismus
der Psyche,eine ähnliche wie sie auch der Köper
entwickelt hat. Wenn ein Schmerz zu groß ist, als
dass man ihn ertragen könnte hilft sich der Körper
durch Ohnmacht und sie Psyche macht das ähnlich,
sie verdrängt.

Kein Grund ein schlechtes Gewissen zu haben.
Manche Leute schreien ihren Schmerz eben heraus
und andere gehen differenzierter und introvertierter
damit um, was aber keinen „qualitativen“ Unterschied
dokumentiert.

Gruß
Powenz

Hallo Axel,

Du lebst momentan in einer absoluten Ausnahmesituation un da ist nichts mehr wie es (bekannt) war . . .

Das ist unter den gegebenen Umständen nicht unnormal und auch nicht wirklich besorgniserregend - die Trauer wird sich früher oder später ganz normal Bahn brechen und dann erst kannst Du den Verlust „verarbeiten“.

Übrigens geht man m. W. in der Psychologie davon aus, dass eine Trauerfrist von bis zu drei Jahren dauern kann, ohne dass es auffällig wäre. Die Idee, ans Meer zu fahren - Dir also gutes zu tun - halte ich für sinnvoll und hilfreich. Wenn Deine reale Mutter schon nicht mehr da sein kann, sei wenigstens Du selbst ein würdiger Ersatz für Dich.

Lieber Axel!

vorletzte Woche Donnerstag ist meine Mutter gestorben,
ich habe sie ganz doll lieb gehabt und bezeichnete sie als
wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Das tut mir sehr leid für dich und ich fühle mit dir!

Seitdem bin ich mir über meine Gefühle absolut nicht im
klaren.
Ich kann nicht weinen, ich denke nichtmal den ganzen Tag an
sie.
Ich habe in ihrem Haus eine Wohnung unter dem Dach, insofern
bin ich den ganzen Tag mir ihren Dingen konfrontiert.
Ich überlege zwar häufig wie ich meiner Mutter eine Freude
machen könnte, das ist nun aber schlecht.
Ich habe mích entschlossen Anfang Oktober noch eine Woche an
die Küste zu fahren. Ich mache gerne Scherze, selbst dazu bin
ich manchmal in der Lage.
Aber nen Buch Lesen oder Fernsehen gucken ist schlecht, da
verliere ich nach kürzester Zeit die Freude und Konzentration
dran.

Ich versteh das alles nicht.

Das verstehe ich allerdings sehr gut. Die Situation ist ja für dich völlig neu. Und den wichtigsten Menschen zu verlieren, das lernt man eben vorher nicht.

Du wirst nun lernen, wie du auf dieses Ereignis reagierst, und das solltest du nicht bewerten! Bei jedem Menschen drückt sich Trauer anders aus. Unterdrücke keine Gefühle, aber bewerte sie auch nicht, sondern nimm sie, wie sie sind. Du wirst so das Geschehene auf deine Weise verarbeiten. Da kann dir auch niemand anders sagen oder vorschreiben, wie du das zu verarbeiten hast.

Alles Gute dir!

LiebeGrüßeFlaschenpost

Hallo Flaschenpost.

Du wirst nun lernen, wie du auf dieses Ereignis reagierst, und
das solltest du nicht bewerten!

Ganz, ganz wichtiger Punkt!

Danke.
Andrea

Hi,

da ich ähnliches erlebt habe (mein Vater starb an Lungenkrebs) schildere ich dir mal, wie ich mir die Sache für mich zusammengereimt habe:

Zunächst mal dachte ich immer, ich hänge mehr an meiner Mutter, als am Vater. Als wir die Diagnose bekamen, habe ich auch erst mal geschrien (mitten auf der Arbeitsstelle). Mein Gott, wie sehr habe ich auch an ihm gehangen!

Als das unvermeidliche Ende kam, waren zwei Dinge wichtig - für mich:

1tens: Wir (ich) war(en) dabei, er war nicht allein
2tens: Was wir (ich) tun konnten, haben wir getan

Nach seinem Tod kam der Bestatter, bzw. der Redner für seine Trauerfeier. Wir haben viel gelacht! Den Fremden irritierte das sehr, aber wir sprachen über den geliebten Menschen und haben doch so viele gute und lustige Erinnerungen gehabt, die jetzt alle auftauchten!

Es ist uns allen sehr lange so gegangen: Tränen und Lachen lagen nah beieinander.

Vor seinem Tod habe ich wesentlich mehr geweint, als später. Vorher war das Schlimmste noch nicht passiert, ich hatte Angst! Danach konnte ich nur noch - auch in seinem Sinn - weitermachen und gut weitermachen, das hätte er gewollt.

Aber: Es gibt auch heute noch - acht Jahre später - Gelegenheiten die mich zu Tränen reizen, ein Lied oder eine Formulierung; die Trauer um meinen Dad wird wohl ein Teil von mir bleiben. Es ist und bleibt aber eher ein bittersüßer Schmerz, mehr süß, weil er ein so toller Vater war.

Gruß
Nita

Hallo Bruffl,

meine Mutter ist vor einem Dreivierteljahr an Krebs verstorben. Und ich kann wie mehrere andere hier auch nur sagen: Es gibt keine vorgeschriebene Art zu trauern und den Tod eines so nahe stehenden Menschen zu verarbeiten. Lass dich nicht davon irritieren, was andere erwarten, oder was du selbst von dir erwartest. Lass es einfach so zu, wie es ist.

Ich habe mich vor dem Tod meiner Mutter häufig gefragt, wie ich reagieren würde. Und dann war es ganz anders. Zuerst Tränen - obwohl wir alle vorher immer gedacht haben, wann wird sie endlich erlöst. Tätigkeiten rund um die Beerdigungsvorbereitungen, die andere teilweise für recht merkwürdig hielten. Mein Sohn und ich konnten nicht rechtzeitig bei ihr sein, da wir zu weit weg wohnen. Ich habe im Bestattungsinstitut beim Ankleiden geholfen - was der Rest der Familie mit „Warum tust du das?“ und gerümpfter Nase kommentierte - es war eben meine Art von Abschied. Und als mein Sohn und ich nachts beide nicht schlafen konnten, haben wir in ihrem Wohnzimmer alle ihre Uhren aufgezogen (sie hatte viele, und die waren in der letzten Zeit zum größten Teil stehen geblieben) und ein „Mitternachts-Glockenkonzert“ veranstaltet - wir haben davon noch eine Aufnahme auf dem Rechner. Es waren ein paar Rituale, nicht für jeden verständlich, für uns aber wichtig.

Und später? Ich spürte, dass es mir an einigen Stellen besser ging als vor ihrem Tod. Nicht, weil ich sie nicht geliebt hätte. Nicht, weil ich froh war, dass sie endlich erlöst war. Sondern weil eine Anspannung, eine Belastung von mir genommen war. Es gab Momente, da dachte ich, ich müsste ein schlechtes Gewissen haben, weil es mir besser ging als vor ihrem Tod. Gleichzeitig wusste ich, dass dieser Gedanke falsch ist. Sie hätte nicht gewollt, dass es mir schlecht geht.

Und ich bin sicher, deine Mutter hätte das bei dir auch nicht gewollt.

Liebe Grüße
Heike

Hallo Ihr Lieben,

vielen Dank für Eure Antworten und die Mühen.

Ihr habt mir mit den Antworten sehr geholfen.

Liebe Grüße

Axel