Todesursache

Hallo erstmal!

In einer Beerdigungsmatrikel von 1826/27 wird auf einer Seite mit 10 Einträgen viermal als Todesursache angegeben: „Hatte das Spiel“ bzw. „Hatte das sogenannte Spiel“.

Hat jemand eine Ahnung, welche Krankheit dem zugrunde liegen könnte?

Mfg

Norbert

Hallo, Norbert,

Das Wort „Spiel“ wurde auch als Synonym für „Tanz“ gebraucht.

Das legt nahe, dass es sich bei der genannten Todesursache um eine „Veitstanz“ genannte Erkrankung handelte, hervorgerufen durch die im Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) enthaltenen Hallizinogene (verwandt dem LSD). 5 bis 10g reines Mutterkorn können für einen Erwachsenen tödlich wirken.

Das gehäufte Auftreten dieser Todesurschae kann möglicherweise auf einen hohen Verseuchungsgrad des Getreides (Roggen) hinweisen.

Gruß
Eckard

Das gehäufte Auftreten dieser Todesurschae kann möglicherweise
auf einen hohen Verseuchungsgrad des Getreides (Roggen)
hinweisen.

Gruß
Eckard

Oder auf eine andere Art der Notzeit z.B. schlechte Ernten/Naturkatastrophen. Wenn nix da war, wurde auch verseuchtes Korn gegessen. (andere Namen: Hungerkorn. Löste dann Landstrichweit das „Antoniusfeuer“ aus (weil sich die Leute aus dem Antoniusorden um die Kranken kümmerten)

Teilweise wurde Mutterkorn auch angebaut und als Abtreibungsmittel benutzt.
Einige meinen sogar, Hexen bzw. weise Frauen hätten den Pilz gezielt zum Hervorrufen von Visionen (Halluzinationen) benutzt wie auch div. andere giftige Dinge (Tollkirsche zum Bleistift)

lg
Kate

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Hallo Eckard!

Ich mach hier grad bestimmt lächerlich, aber ich dachte eigentlich immer Veitstanz sei Chorea Huntington… Mhmm, weißt Du wie oft das im Vergleich zum erblichen CH ist?

VG, Stefan

Ich mach hier grad bestimmt lächerlich, aber ich dachte
eigentlich immer Veitstanz sei Chorea Huntington…

Nein, nein, Stefan,
Du machst Dich keinesfalls lächerlich!

Nur waren vor fast 200 Jahren die Symptome und die Ursachen von Chorea und der Mutterkornvergiftung dem Großteil der Bevölkerung (und sogar den meisten Medizinern) wohl nicht so bekannt, dass man Unterschiede gemacht hätte. Huntington beschrieb die Chorea maior erstmals ausführlich 1872.

Krankhafte Bewegungsstörungen, wodurch sie auch immer hervorgerufen wurden, hießen im Volksmund eben „Veitstanz“. Am Namenstag des Hl. Vitus am 15. Juni fanden Tänze zur Sonnenwende statt, so wurde er zum „Patron“ der Tänzer. (Übrigens ist „Tanz“ ein Lehnwort, das über das Flämische aus dem Französischen erst im 12.Jh. ins Deutsche übernommen wurde.)
Gruß
Eckard

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Herzlicheln Dank allen für die fachkundige Aufklärung. Eckard hat mir ja schon öfter in anderen Foren geholfen - Danke! :smile:

Hallo,
Allerdings war die Mutterkornvergiftung im 19. Jahrh. schon recht außergewöhnlich und zeigt die „Tanzsymptomatik“ auch nur ausnahmsweise, es kommen aber auch andere Pflanzengifte für auffälligen Bewegungsdrang in Frage.
Dass Huntington die Krankheit erst später beschrieb, heißt auch nicht, dass es sie vorher nicht gab, darum könnten die Verstorbenen hier sehr wohl auch CH gehabt haben (z. B. mehrere „Kinder“ einer Familie).
Da wäre zu prüfen, wie dicht die Tode zusammen lagen. Wenn es CH war, müssten eigentlich eher Jahre dazwischen liegen, sonst wäre es schon ein ganz außergewöhnlicher Zufall.
Gruß
Werner