Servus,
den Früchten ist es völlig egal, wo sie hängen. Die Sonne wirkt nicht auf die Oberfläche der Früchte, sondern auf die Oberfläche der Blätter, und dort findet die Assimilation statt, von der die Tomaten reif werden.
Daher ist es nützlich, der Pflanze möglichst viel Blattoberfläche zu lassen, weil sie damit arbeitet: Die Blätter sind sozusagen ihre Photovoltaik-Elemente.
Nun ist es aber so, dass die Zuchtformen von Tomaten bei der in Haus- und Kleingärten üblichen Überversorgung mit Stickstoff und Wasser dazu neigen, Triebe auszubilden, die der Pflanze keine wesentliche zusätzliche Assimilationsfläche bringen, aber trotzdem wachsen: Der Aufwand für diese Geiltriebe ist höher als der Ertrag von ihnen. Man erkennt sie daran, dass sie hell, fleischig, wenig behaart schnell in die Höhe schießen, kaum Blüten ausbilden und an der Oberfläche weich (und damit anfällig für Phytophtora infestans) bleiben. Es ist jedenfalls nützlich, diese auszugeizen.
In Siena ist das anders, aber in normalen deutschen Klimaten ist eine Tomatenpflanze (falls es sich nicht um eine kleinfrüchtige Sorte handelt, die der Wildform nahe steht) mit mehr als drei bis vier (je nach Gegend) Haupttrieben überfordert: Sonne und Wärme fehlen. Auch hier ist jetzt grade, um diese Zeit, Ausgeizen nützlich.
In einem gut gediehenen Tomatenbestand trocknen die Blätter der unteren etwa dreißig Zentimeter der Pflanze nicht bloß nach Regen, sondern auch nach Taufall nur sehr langsam ab. Das feuchtwarme Kleinklima in diesem Bereich ist ideal für Phytophtora infestans: Man sieht den wachsenden Pilzrasen nur mit dem Mikroskop - wenn die ersten mit bloßem Auge sichtbaren Symptome auftreten, ist es schon viel zu spät, dagegen anzugehen.
Wenn man nicht systemische (ergo völlig harmlose) Mittel wie Kupferoktanoat und Netzschwefel anwenden will, muss man die ganze Oberfläche der Pflanze tropfnass spritzen. Auch hier ist es nützlich, wenn die Pflanze nicht dicht zugewachsen ist, sondern wenn sie für den Sprühnebel gut zugänglich ist und schnell abtrocknet.
Kurzer Sinn der langen Rede: Es ist nicht verkehrt, ein wenig mit den Möglichkeiten von Ausgeizen und Entfernen der unteren Blätter zu spielen. Im dritten Jahr wirst Du das „Gefühl“ dafür haben, das natürlich kein Gefühl ist, sondern bloß die Erfahrung damit, in welchem Umfang bei Deinen Sorten und an Deinem Standort Ausgeizen sinnvoll ist.
Alle kleinfrüchtigen Sorten lässt man wachsen, wie sie wachsen, zumal viele davon die Blütenstände ein bissel anders ansetzen als die großfrüchtigen Kulturformen, so dass man mit dem Ausgeizen auch den Ertrag abzwickt.
Auch die blattarmen, hoch wachsenden Sorten (Rumänische Fleischtomaten, „Große Paprikaförmige“, auch De Berao) brauchen kaum ausgegeizt zu werden, weil sie eh luftig wachsen. Bei denen gehts eher darum, dass sie nicht zu viele Leittriebe machen.
Echte San Marzano (selten geworden) wächst sehr dicht und buschig - wenn man die einfach so machen lässt, fault sie weg, bevor die erste Tomate auch nur rosarot ist.
Fazit: Probiers aus.
Schöne Grüße
Dä Blumepeder