Traum und Realität
Hi Falk,
Auch und gerade alltägliche Phänomene sind es wert erforscht zu werden.
Da triffst du bei mir auf ein offenes Ohr. Das Problem ist, daß diese Alltäglichkeiten eben auch von ihrer Individualität und Aktualität und damit von ihrer Singularität geprägt sind. Statistiken benötigen aber Abstraktionen der singulären Ereignisse, wodurch sie zu Observablen werden. In der Physik ist das einfach, weil die Objekte oder Wechselwirkungen per Definition nicht singulär sind. Im psychischen Raum aber verlieren „Objekte“ durch die Abstraktion gerade das, was sie ausmacht: Ihre Aktualität und Individualität.
So ist z.B. die Aussage „ich hielt den (manifesten) Trauminhalt drei Stunden lang für real“ nicht sinnvoll vergleichbar mit derselben Aussage eines anderen Träumers. Der eine meint mit Trauminhalt eben sein Meeting mit Anneliese im Walde, der zweite hat geträumt, er sei vor Jahren in Katmandu gewesen, der dritte hat den Weg für die Lösung einer Gleichung gefunden (die sich beim Nachrechnen als Irrtum erweist), der vierte meint mit „Inhalt“ das Gespräch mit dem bereits gestorbenen Vater, dem fünften fiel eine tolle Pointe für einen zukünftigen Vortrag ein (die sich später als purer Blödsinn erwies).
Soll heißen: Der dreistündige Zustand des irritierten Realitätsdvergleichs ist jeweils ein anderer. Der eine hatte bis zur Ohrfeige gar kein Bewußtsein davon, daß es ein Traum war, der zweite ebenfalls, aber der falsche Sachverhalt war nicht ein Ereignis, sondern die Erinnerung an ein Ereignis, der andere wußte, daß es ein Traum war, aber der Inhalt war schlicht falsch, der andere hatte das Problem, etwas real prinzipiell Unmögliches für real zu halten und der letzte hat sich schlicht mit der Qualitätsbewertung vertan …
Dazu kommt noch, daß der eine diese Irritation nur kurz bemerkt, sie belächelt und dann zur Tagesordnunhg übergeht, der andere schlägt sich wochenlang damit herum und zweifelt an seinem Verstand, der nächste vergißt das Phänomen komplett, weil ihn Träume nicht interessieren und fällt damit aus der Beobachtung heraus.
Neben der Häufikgeit interessieren mich
individuelle Unterschiede sowie der Einfluss individueller und
situativer Faktoren. Auf den Faktor der Häufigkeit von
Traumerinnerungen von Träumen hast du bereits hingewiesen.
Welche sind noch relevant?
Mindestens das generelle Problem kommt hinzu, wieso man von manchen Träumen nichts anderes in Erinnerung behält, als die Tatsache, daß man geträumt hat, aber nicht mehr weiß, was. Von anderen Träumen bleibt wiederum der komplette Inhalt im Gedächtnis. Zahllose Träumende (nein: Geträumthabende) habe ich erlebt, die zunächst (d.h. im ersten Traum"bericht") nur Fetzen in Erinnerung hatten, dann aber, nach der Aufforderung, eben diese Fetzen präziser zu beschreiben, nach und nach reichhaltiges Traumgeschehen erinnerten.
Ein Beispiel, dafür, wie kompliziert das werden kann?
Felix hat geträumt, er habe sich auf einer Expedition in den Kongo (wo er real noch nicht war) mit eine Schlingpflanze unterhalten und er erinnert auch Einzelheiten dieses Gesprächs. Gefragt, ob er eine reale Person kenne, die für diesen Gesprächinhalt, bzw für bestimmte Pointen dabei ebenfalls in Frage kommen könne, erinnert er sich zunächst an Anneliese, mit der dieses Thema vom Inhalt her durchaus möglich gewesen sein könnte. Als er auf die Frage, woher er Anneliese kenne, lachend erzählt, daß er sie auf einem Musikworkshop beim Conga spielen kennengelernt habe, fällt ihm ein, daß er tatsächlich genau diese Unterhaltung einmal real mit ihr gehabt habe, er erinnerte sich genau an ihre und seine Worte und an die Gelegenheit, bei der es stattfand.
Nach einem ca halbstündigen Gespräch über Details der Beziehung zu Anneliese wird ihm plötzlich klar, daß dieses Gespräch tatsächlich nie wirklich stattfand, sondern im Gegenteil nur ein gewünschtes Gespräch war, dessen Verlauf er sich oft in verschiedenen Versionen in Gedanken durchgespielt hatte.
Fällt das nun unter die Beispiele falscher Traumerinnerungen? Wir dürfen nicht vergessen, daß das Phänomen des faux memoire auch unabhängig von Träumen vorkommt. Bei der Rekonstruktion von Streitgesprächen („du hast doch eben gesagt…!“ - „nein, sowas habe ich nie gesagt!“) ist es sicher jedem bekannt.
Beim Wachwerden aus einem Traum spielen sich ja mehrere Gedankengänge zugleich ab: „Was hab ich da grad geträumt? Wie war das doch gleich?“ ist ein Beispiel, wo sofort die Tatsache des Geträumthabens bewußt ist und zugleich schaut man sich im Wiedererkennen der Realität um. Aber beim Erwachen in einem fremden Bett eines Hotelzimmers kann der Abgleich mit der Realität („wo bin ich hier?“) schon mal länger dauern.
Mit anderen Worten und kurz gesagt: Die Phänomene verkehrter Realtätsabgleiche sind nicht klassifizierbar, weil sie aus einem Kontinuum von Möglichkeiten kommen.
Oder daß es manchmal lange Minuten bis Stunden dauern kann, bis man es erkennt?
Letzteres wollte ich wissen. Meine Erklärung dazu ist, dass
die Traumerinnerungen nach dem Aufwachen nicht gleich ins
Bewusstsein gelangt [korrigiert]
Das meinte ich ja.
Aber man kann es nicht generell so sagen. Ein Gegenbeispiel, in diesem Fall ein eigenes: Ich wurde wach, stand auf, machte mir einen Kaffee und erledigte eine Arbeit. Das war gegen 7:30. Um 9:00 wurde ich wach und bemerkte, daß es ein Traum war, daß ich bereits aufgestanden war. Aber erst, als ich mich an den Schreibtisch setzte, wurde mir klar, daß die Arbeit noch gar nicht erledigt war.
Ein anderer lebte mit einer (realen) schmerzlichen Trennungsgeschichte und hatte geträumt, diese Trennung sei in Wirklichkeit nur ein Albtraum gewesen. Er wurde wach und war glücklich, daß sein Traum, an den er sich sofort als Traum erinnerte, ihm die Wahrheit enthüllt hatte …
Wenn ich Beispiele falscher Traumerinnerung durchschaue, halte ich sie mehr für Ereignisse, bei denen der Traumzustand sich mit dem Wachzustand auf bestimmte Weise vermischt bzw. sich in ihn hinüberrettet (ähnlich einem Schlafwandel vielleicht). Denn - wie o.g. Beispiel des Gesprächs mit einem Gestorbenen - funktioniert es ja auch, wenn ein Homomorphismus zwischen Traumbild und Realität nicht gefunden wird.
Jetzt bleibt aber noch zu erklären, warum dies gelegentlich geschieht. Zeitdruck und Ablenkung als alleinige Erklärung erscheinen mir unzureichend.
Für diese Antwort müßte man mindestens bereits wissen, warum und unter welchen Bedingungen man einmal dies träumt und ein andermal jenes, oder warum man manchmal → Klarträume hat und meist nicht. Spezielle Trauminhalte, nicht unbedingt manifeste, aber latente (diese Unterscheidung von Freud eingeführter Begriffe lasse ich als sinnvoll gelten, andere dagegen nicht) lassen fast immer einen Homomorphismus zur Realerinnerung finden. Aber spezielle Traumtypusphänomene wie Klarträume oder faux memoire auf generalisierbare (und damit experimentierbare) physiologische oder situative Bedingungen zurückzuführen, halte ich für aussichtslos.
Die Analyse der jeweiligen Inhalte von falschen Erinnerungen jedoch dürfte das Rätsel im Einzelfall lösen. Mit anderen Worten: „Es macht Sinn“, daß dieser oder jener Trauminhalt sich als Realerinnerung manifestiert erhält. Interessant ist dann, wann, wie und wobei(!) fällt einem dann endlich auf, daß da etwas nicht stimmte: Denn das heißt ja, daß irgendein Detail des Traumbildes (das ja nie statisch ist, sondern eher Filmcharakter hat) den vormalig gedachten Homomorphismus zerstört …
Ich finde es echt stark, dass du abstrakte Algebra und
Topologie (und allgemein Mathematik) zur Erklärung
psychologischer Phänomene einsetzt. Vielen Dank, das gibt mir Hoffnung!
Gruppentheorie (wie in deinem ersten Posting) war auch nicht verkehrt. Kategorientheorie würde noch besser passen, dann wäre die Topologie gleich mit drin.
Ja, es ist aber eine ganz andere Mathematik als Statistik
Topolische Modelle untersuche ich schon seit langem. Leider sind dafür teilweise notwendige topologische Strukturen in der Mathematik (noch) nicht untersucht. Und eine weitere Grundbedingung macht den Homomorphismus zwischen mathematischen Strukturen und psychischem Geschehen (im Unterschied zu physikalischem) leider zunichte, zumindest schwierig: Die Mathematik arbeitet mit wohldefinierten „Objekten“ und „Morphismen“, die es aus bestimmten Gründen im psychischen Geschehen nicht gibt (wegen ihres selbstreflektorischen und daher autopoietischen Charakters).
Nur am Rande: Meines Wissens bedeutet bijektiv surjektiv und injektiv
Das ist richtig.
nicht bijektiv hieße dementsprechend lediglich, dass mindestens eine der beiden Eigenschaften nicht erfüllt ist.
Korrekt. Ich meinte „nicht bijektiv“ und zwar weder injektiv noch surjektiv.
Oder anders gesagt (und dieser Terminus ist
dafür brauchbarer): Es gibt keinen Homomorphismus
zwischen den Erinnerungsmengen. Widersprüche zu physikalischen
Gesetzen und Raum- und Zeit-Topologien sind darin zugleich impliziert.
Die Betrachtungsweise gefällt mir; allerdings stellt sich die
frage, wie das Gehirn überprüft, ob ein Homomorphismus
vorliegt oder nicht.
Wie das Gehirn es tut, wird die Hirnphysiologie zu beantworten haben. Aber wie wir es tun, brauchen wir nur zu beobachten, wenn wir es tun: Wenn A in seinem Bezug Q zu B auf C schließen läßt (A, B, C geträumt, und „Bezug“ ein Inhalt des Traumgeschehens), und ferner A, B den realen A’, B’ entspricht, gibt es dann einen realen Bezug Q’, der auf das reale C’ schließen läßt?
Wenn Felix träumte, er war in Katmandu, dann wird er auch die Frage beantworten können, wie er dorthingekommen ist. Wenn er das aber nicht weiß … Und wenn er im August dort war (weil er immer nur im August Urlaub hatte), dann wird die Tatsache, daß er sich an Regen nicht erinnern kann, einen Hinweis geben, daß an der Erinnerung etwas nicht stimmt.
Und wenn Felix von Anneliese im Walde träumt, dann schaut er sich die Details der Abläufe der Erinnerung an und es fällt ihm dann beim Blick auf ihre Lippen oder ihren Busen oder die Art, wie sie ihn anblickt auf, daß diese zu Kunigunde gehören, wogegen Anneliese ganz anders aussieht. Kunigunde aber ist zur Zeit im Urlaub auf Teneriffa …
Das Problem ist dasselbe wie bei der Realitsprüfung von Erinnerungen an frühe biografische Ereignisse. Aus der Erinnerung folgende andere Tatsachen dürfen mit realen und überprüfbaren Tatsachen dieser Zeit nicht im Widerspruch sein …
Zu fragen wäre auch, ob manches Festhalten an einer aussichtslosen Idee, oder, wenn jemand etwas bestimmtes nicht gebacken kriegt, weil er irrationale Voraussetzungen macht, von denen er „an sich“ weiß - ob soetwas nicht derselbe Mechanismus ist, wie das Festhalten an Traumstücken …
Ein interessantes und weitreichendes Thema.
Gruß
Metapher