Hallo,
ich schreibe heute, weil mich seit einer Woche der Tod meines Vaters immer wieder einholt und ich wegen des Verlustes immer wieder weinen muss. Im Nachhinein betrachtet wurde es recht lang, tut mir leid.
Mein Vater starb vor nicht ganz einem Jahr an der Folge von Krebs. Nachdem er im Sommer letztes Jahr als geheilt entlassen wurde ging das Ganze leider sehr schnell, zwei Monate danach schlich er nur noch gebeugt durchs Haus, wurde ein Schatten seiner selbst. Dann kam er kurze Zeit später ins Krankenhaus, eine Woche später ins Hospiz und eine Woche später starb er.
Ich hatte Zeit meines Lebens nicht viel Kontakt mit ihm, da meine Eltern sich scheiden ließen und diese Scheidung leider damit endete, dass die Besuche erschwert, bzw. mit Auflagen verbunden waren (jede Besuchszeit sollte pädagogischen Wert haben, Hausverbot, etc.) dass nach kurzer Zeit der Kontakt gänzlich abbrach. Ich sah meinen Vater ab und zu bei meiner Oma, gelegentlich auf der Straße. Ich habe ihn immer sehr geliebt, litt aber unter dieser Trennung, und als Kind wusste ich über die Hintergründe ja auch nicht so gut Bescheid, ich bekam chronischen Husten, und sobald das Thema Papa auch nur angeschnitten wurde, dauerte so ein Husten bis zu 3 Monaten, bis er wieder verging.
Als ich mit 18 zu Hause auszog suchte ich den Kontakt zu ihm auf eigenen Antrieb - jedes Treffen war sehr liebevoll, herzlich, als sei nie Zeit dazwischen gewesen. Ich erhielt Hilfe (bspw. beim Umzug) von seiner Seite aus, wurde mit zu seinem Hobby eingeladen (Turniertänzer) und genoss diese Momente sehr. Leider waren die auch nicht sehr häufig - sein Hobby nahm viel Zeit, ich war auch zeitlich sehr beansprucht, zog dann in eine andere Stadt zum Studieren, eine Ausbildung zu absolvieren. In dieser Zeit erkrankte er das erste Mal an Darmkrebs - ich war auch eine Stütze für seine zweite Frau, und sie für mich in dieser Zeit. Dort kam heraus, dass bei uns in der Familie Unterleibskrebs erblich ist.
Nun, fast 8 Jahre später erkrankte er wieder an Krebs. Zwischenzeitlich war ich wieder in meine Geburtsstadt zurück gekehrt, habe ein Kind bekommen. Der Kontakt war immer noch nicht oft, aber immer sehr herzlich, gut gelaunt und positiv. Vor zwei Jahren begannen wir, uns häufiger zu sehen, da er dienstlich keine Aufträge bekam (da Beamtet also bezahlt zu Hause). Er holte meinen Sohn vom Sommerferienkindergarten ab, da meine Arbeitszeit zu lange war und brachte ihn mir, oder ich holte ihn ab. Der Kontakt begann also auch hier endlich aufzuleben. Anfang des Jahres erhielt er dann die Diagnose des Krebses, die er vorerst geheim hielt, da er mich nicht zusätzlich belasten wollte. Meine Mutter war gerade in einer sehr harten Phase ihrer Krebserkrankung mit Amputation, die zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre dauerte, er wollte mich nicht zusätzlich traurig machen. Im Sommer musste er es mir aber dann doch sagen, da er auch heftige Chemo bekam, und meinen Sohn nicht mehr ohne Weiteres in den Ferien abholen konnte.
Wir haben uns letztes Jahr dann öfter gesehen, vor, während und auch nach seinen OPs und Behandlungen. Er flog dann, nach der „geheilt“-Diagnose in Urlaub - ich ging danach für 3 Wochen in Kur, wir telefonierten aber. Als ich zurück kam begann der rapide Abbau - ich war häufig bei ihm, an meinem Geburtstag besuchte ich ihn im Krankenhaus (das waren die letzten und seit Jahrezehnten einzigen gemeinsamen Fotos). Dort wurde mir bewusst, wie wenig er über mich wusste. Er hatte mich nie Klavier spielen gehört, und ich hatte doch ein recht gutes Niveau erreicht. So hatte ich ihm kleine Aufnahmen mitgebracht um ihm ein wenig die Zeit zu vertreiben. Im Hospiz war ich regelmäßig, aber an dem Tag, als ich ihm Bilder von meinem Sohn und mir bringen wollte, starb er. Ich saß mit seiner Frau und meiner Oma bei ihm, und ich war froh dass ich zu diesem Zeitpunkt da war.
Das war kurz vor Weihnachten letztes Jahr. Ich habe dieses Jahr recht gut überstanden, unterbrochen (besonders anfangs) von Momenten, die mich einfach nur weinen ließen, der Verlust, den ich auch für mein Kind sehe, was hätte er alles von ihm lernen können. Das hörte vor ein paar Monaten aber auf. Ich treffe meine Stiefmutter sehr regelmäßig, gerade am Anfang tat es gut, diesen gemeinsamen Verlust durch Gespräche und gegenseitige Anwesenheit zu verarbeiten.
Die letzten Tage überkommt es mich aber immer häufiger, dass ich einfach weine, weil er mir so fehlt. Man sagt ja, die Verstorbenen sind immer bei uns, in unserem Herzen. Aber er fehlt mir als Person - zum reden, zum Anfassen, zu lachen… Damit komme ich gerade sehr schlecht klar. Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass nun die Jahreszeit kommt, die mich daran erinnert, wie es vor einem Jahr war, liegt es an den Schwangerschaftshormonen, dass ich alles etwas empfindlicher annehme, als ich es üblicherweise verarbeiten würde?
Ich selbst komme gerade nicht weiter, und die bekannten Trauerphasen und Informationen, die ich im Internet fand bezogen sich mehr auf kurz nach dem Sterben eines geliebten Menschen.
Ich bin froh, dass ich mit ihm offen über meine Kindheit, seinen Rückzug bei den Besuchen und generell über alles reden konnte. Er gab mir auf alles offen und ehrlich Antwort. Im Nachhinein höre ich immer wieder von seinen Tanzfreunden, wie stolz er auf mich war, wie gerne er Bilder von mir und seinem Enkel zeigte und wie lieb er uns hatte. Das alles dann auch im Nachhinein zu hören macht zwar froh, aber schmerzt auch.
Vielleicht kann mir hier jemand von euch Tips geben, oder Ratschläge wie ich besser mit der Situation umgehen kann, ich kann doch nicht hier die Tage und Nächte weinend verbringen, während mein Sohn eine ausgeschlafene Mama braucht, mein Körper genug Schlaf wegen der Schwangerschaft und ich im Umfeld und meinem Alltag ja schließlich auch noch zurecht kommen muss.
lg, Dany
