Trauerarbeit

Hallo!

Meine Mutter ist auf den Tag genau vor 14 Jahren gestorben und noch immer habe ich den Eindruck, nicht darüber hinweg zu sein und heftig daran zu knabbern.

Wie seid Ihr mit dem Tod eines Euch nahestehenden Menschen umgegangen und wie geht Ihr inzwischen damit um?
Habt Ihr das Gefühl, irgendwann mal damit Frieden geschlossen zu haben?

Greetings,
Marla

hallo marla,

ich mag das wort „trauerarbeit“ nicht so sehr. es so ein modewort, so trendy und überstrapaziert.

meine mutter ist vor 5 jahren gestorben. noch heute ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich ihre telefonnummer anfange zu wählen, weil ich ihr unbedingt etwas erzählen möchte. natürlich kommt mir nach sekundenbruchteilen zu bewusstsein, dass ich sie so nicht mehr erreichen kann (was ich sehr bedaure, denn beim nur-an-sie-denken fehlt mir etwas das feed back.)

unser verhältnis zueinander war früher eigentlich gar nicht soooo dolle. erst während ihrer krankheit haben wir uns quasi kennengelernt, d.h. uns gegenseitig tieferen einblick in unser geist & seele gegeben. ich weiss, dass auch sie das - trotz ihrer qualen - als schön und… tröstlich empfunden hat.

wenn du dagegen davon sprichst

irgendwann mal damit Frieden geschlossen zu haben

vermute ich bald, den hattet ihr zu lebzeiten nicht, richtig?

als mein mann starb, war es noch anders: da blieb so viel offen, so viel ungesagt, unerledigt und unversöhnt. ich fühlte mich regelrecht böswillig verlassen. die trauer über seinen tod war eher wut, und meine verblüffung darüber, dass es so war, riesig.
ich habe ca. 1 jahr gebraucht, um überhaupt herauszufinden, was ich fühlte - und von dem zu unterscheiden, was ich glaubte, was von mir erwartet wurde zu fühlen. wenn das die „trauerarbeit“ war, dann habe ich sie geleistet.
um meine mutter trauere ich immer noch - aber nicht auf schmerzliche weise, sondern mit dem bedauern, dass sie nicht mehr miterleben kann, was ich ihr gerne zeigen möchte und immer mit der schönen erinnerung an ihre letzten monate.

gruß
ann

Trauerarbeit dauert länger als ne Klassenarbeit
Hallo Marla
Ich hab den Titel etwas flapsig umformuliert, weil es mir ähnlich geht mit dem Wiort „Trauerarbeit“ wie meiner Vorrednerin. Es gibt halt so arg strapazierte Psycho-Worte wie „das hat mich betroffen gemacht“, „loslassen“ oder -Achtung!jetzt kommt das schlimmste Unwort der gesamten New-Age-Generation- „Energie“.

Aber nichtsdestotrotz kann ich Deine Stimmung mit-empfinden. Meine Mutter starb vor 10 Jahren und ich habe in den ersten zwei Jahren massiv amit zu tun gahabt. Mein Vater starb vor 46 Jahren (also 1958), und auch da hatte ich eine Weile mit zu tun. Das ist ein Stück weit auch „normal“, denn unsere Eltern sind ja unsere ersten Bezugspersonen und bleben uns (egal, wie wir zu ihnen stehen) immer besondere Menschen.
Gruss, Branden

Hallo Marla!

Wenn Du das Gefühl hast, einfach nicht darüber weg zu kommen, dann probier doch mal Folgendes:

Schreib alle Gedanken nieder, alle Gefühle, einfach alles, was Dir zu dem Tod Deiner Mutter einfällt. Bist Du eher traurig oder wütend? Was genau macht Dich traurig oder wütend? Gibt es noch irgendetwas, das Du ihr gerne gesagt hättest? In welchen Situationen vermisst Du sie besonders? Hast Du Dich verlassen gefühlt?

Wenn Du mal alle Deine Gedanken zu Papier gebracht hast, ordne sie, und dann versuche, einen Brief an Deine Mutter zu schreiben, wenngleich sie ihn nie wird lesen können.

Und schließlich erlaube Dir, zu weinen.

Wenn Du richtig Abschied genommen haben wirst, wirst Du sie auch loslassen können. Und dann können die Wunden heilen.

Als mein kleiner Bruder starb, war ich gerade acht, und seinen Tod habe ich drei Jahrzehnte nicht verwinden können. Doch dann habe ich mich meinem ganzen Schmerz und der Trauer gestellt, zwei Tage geheult, und jetzt kann ich an mein Brüderlein denken, ohne dass sich mir das Herz zusammenkrampft.

Ich wünsche Dir alles Gute!

Hanna

Wie seid Ihr mit dem Tod eines Euch nahestehenden Menschen
umgegangen und wie geht Ihr inzwischen damit um?
Habt Ihr das Gefühl, irgendwann mal damit Frieden geschlossen
zu haben?

Frieden schon…meine Oma (aus verschiedensten Gründen meine Bezugsperson Nr. 1) starb vor drei Jahren und nach ihrem Tod hatte ich eine schlimme Phase. Allerdings starb meine Oma in einem Alter, wo Sterben nicht mehr unerwartet ist, außerdem hatte sie schon länger keine besonders gute Konstitution mehr. Sie hatte ein erfülltes Leben und mußte sich an ihrem Ende nicht allzusehr quälen. Das zu wissen, tröstet natürlich.

Trotzdem geht mit dem Tod einer Großmutter und sicher mehr noch mit dem Tod der Mutter quasi eine Ära zu Ende. Von einem Tag auf dem anderen ist man nicht mehr Kind und spätestens jetzt in seinem Urvertrauen auf Beständigkeit und Geborgenheit erschüttert…auch wenn man eigentlich selber schon Kinder großgezogen hat oder kaum noch Kontakt zu den Eltern hatte und rein rational schon darüber Bescheid wußte. :wink:

Ich rede in Gedanken noch heute mit meiner Oma, ich werde sie bestimmt immer vermissen, aber ich tröste mich dann immer damit, daß
man erst dann wirklich tot ist, wenn man vergessen wird.

Gruß Maid :smile:

Hallo Ann!

ich mag das wort „trauerarbeit“ nicht so sehr. es so ein
modewort, so trendy und überstrapaziert.

Mag sein, aber ich wusste es nicht passender zu betiteln.

meine mutter ist vor 5 jahren gestorben. noch heute ertappe
ich mich manchmal dabei, dass ich ihre telefonnummer anfange
zu wählen, weil ich ihr unbedingt etwas erzählen möchte.
natürlich kommt mir nach sekundenbruchteilen zu bewusstsein,
dass ich sie so nicht mehr erreichen kann (was ich sehr
bedaure, denn beim nur-an-sie-denken fehlt mir etwas das feed
back.)

unser verhältnis zueinander war früher eigentlich gar nicht
soooo dolle. erst während ihrer krankheit haben wir uns quasi
kennengelernt, d.h. uns gegenseitig tieferen einblick in unser
geist & seele gegeben. ich weiss, dass auch sie das - trotz
ihrer qualen - als schön und… tröstlich empfunden hat.

wenn du dagegen davon sprichst

irgendwann mal damit Frieden geschlossen zu haben

vermute ich bald, den hattet ihr zu lebzeiten nicht, richtig?

Auch meine Mutter war schwer krank und ich habe später erfahren, dass sie ihrer Freundin anvertraut habe, sich durch mich vernachlässigt gefühlt zu haben.
Ich gebe zu, mich bereits damals der Situation nicht immer gewachsen gefühlt zu haben, dachte aber immer, ich hätte zumindest mein bestes gegeben und das sei ihr auch bewusst gewesen.

als mein mann starb, war es noch anders: da blieb so viel
offen, so viel ungesagt, unerledigt und unversöhnt. ich fühlte
mich regelrecht böswillig verlassen. die trauer über seinen
tod war eher wut, und meine verblüffung darüber, dass es so
war, riesig.
ich habe ca. 1 jahr gebraucht, um überhaupt herauszufinden,
was ich fühlte - und von dem zu unterscheiden, was ich
glaubte, was von mir erwartet wurde zu fühlen. wenn das die
„trauerarbeit“ war, dann habe ich sie geleistet.

Die Erwartungen die man von aussen an mich gerichtet hat, habe ich nicht erfüllt, da bin ich mir ziemlich sicher. Insbesondere mein Vater hat meine Art zu trauern nie nachvollziehen können und mir vorgehalten, meine Mutter habe mir nicht genug bedeutet. Nicht, dass ich das ebenso sehe, aber es belastet halt schon sehr, wenn man sowas gesagt bekommt.

Ja, ich hätte ihr wohl gerne noch so viel gesagt, vieles anders und besser gemacht…
Sicher, ich musste damit rechnen, dass sie stirbt, denn die Aussichten zu überleben waren mehr als schlecht, aber in solch einer Situation noch alles besprechen zu wollen, was einem noch auf dem Herzen liegt, noch alles klären zu wollen… das wirkt dann auch irgendwo schon so, als ob man die Hoffnung aufgegeben hat und sich der Krankheit beugt…

um meine mutter trauere ich immer noch - aber nicht auf
schmerzliche weise, sondern mit dem bedauern, dass sie nicht
mehr miterleben kann, was ich ihr gerne zeigen möchte
und immer mit der schönen erinnerung an ihre letzten
monate.

Ich wünschte, mir ginge es ebenso.

Greetings,
Marla

Hallo Marla!
Das Gefühl, noch gern so viel erklären möchten, gesagt zu haben, das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe beide Elternteile relativ früh verloren, meine Mutter als ich zehn war, mein Vater starb als ich 22 war.
Mit meiner Mutter „Frieden zu schliessen“ ging eigentlich besser, obwohl das auch viele Jahre gedauert hat. Merkwürdig fand ich, als ich langsam älter wurde als meine Mutter geworden ist. Das Gefühl kann ich auch gar nicht so richtig erklären … aber ich weiß, dass es Bekannten genau so ging.
Das mit meinem dad hab ich da schon bewusster … „erwachsener“?? erlebt. Ich hätte ihm auch noch gerne so viel gesagt oder erklärt …
Ich habe oft von ihm geträumt oder mich dabei ertappt, ihm in Gedanken zu erzählen, wie es mir geht, was in mir vorgeht …
Das ist jetzt schon alles sehr lange her. Ich denke, jeder trauert auf seine Weise. Ob der Begriff „Trauerarbeit“ nun doof ist oder nicht, irgendwie muss man damit klar kommen, dass jemand, der einem nahe steht, nicht mehr da ist.
Ich habe jetzt selber ein … na ja fast erwachsenes Kind. Ich weiß, dass es eigentlich … trotz vieler Meinungsverschiedenheiten … nicht so sehr vieler Worte bedarf, wie wir zueinander stehen.
Ich denke Marla, das „Frieden schliessen“ ist etwas, was wir leisten müssen, weil … och mönsch, wieso ist das so schwierig, gefühle in Worte zu verpacken??? Weil das Bedürfnis, noch so viel zu sagen zu haben daraus resultiert, dass man im nachhinein gern die eine oder andere Sache gern anders gemacht hätte.
Schwieriges Thema … zumindest für mich …
aber ich bin mir sicher, dass keiner vom Himmel gefallen ist … und irgendwie jeder aus seinen Fehlern lernen musste :wink:

Liebe Grüße
usch

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Sorry, ist etwas lang geworden…
Liebe Marla,

dein Artikel hat mich sehr berührt und ich denke nachvollziehen zu können, wie du dich fühlst. Ich habe meinen Vater vor fast genau 10 Jahren verloren, ebenfalls an einer schweren Krankheit. Ich war damals 12 Jahre alt. Man hat sicher ein gesondertes Trauerverhalten als Kind, das ich hier jetzt erst einmal ausspare, da du in deinem Artikel dein Alter nicht erwähnst und dieser Sachverhalt deshalb für dich vielleicht nicht interessant ist.
Zu deiner Frage bezüglich des Friedenschließens: Wenn ich dich richtig verstehe, bedeutet Frieden zu schließen für dich ohne negativbehaftete Gedanken an den Tod deiner Mutter denken zu können. Vielleicht beruhigt es dich einerseits, wenn ich dir ehrlich schreibe, dass ich genauso wenig wie du das Gefühl habe damit „ganz abschließen“ zu können. Ich hatte zwar keine derartigen Spannungen mit meinem Vater wie du mit deiner Mutter vor ihrem Tod, aber dennoch frage ich mich oft, warum ich keine intensivere Beziehung zu ihm hatte, weshalb ich mich als Kind so oft mit ihm gestritten habe, zumal ich mir doch einfach nur seine Liebe herbeisehnte. Es mag schockierend für dich klingen, aber ich denke, dass ich nie komplett mit diesen Gedanken abschließen werde. Ich denke aber, dass wir uns im Laufe der Zeit von diesen Gefühlen mehr und mehr distanzieren, bis sie nicht mehr die kleinste Chance haben über uns hereinzubrechen. Wir erinnern uns dann an sie, wenn wir es wollen, wenn wir einfach mal traurig sein wollen und uns die Tragik unseres Lebens bewusst machen wollen. Dazu bedarf es aber wahrscheinlich mehr als ein oder zwei Jahrzehnte.
Vielleicht interpretiere ich die von dir beschriebenen Gefühle falsch, dann korrigiere mich bitte. Wenn ich nun deine Emotionen zu einem Begriff zusammenfassen sollte, würde mir am ehesten das Schuldgefühl einfallen. Es muss schwer für dich sein, von deinem Vater das Gefühl bekommen zu haben, du hättest nicht genug um deine Mutter getrauert. Und dann erfährst du auch noch über Ecken, dass sich deine Mutter von dir vernachlässigt gefühlt hat.
Was ich aber viel wichtiger finde, ist, wie du beschreibst, dass du dich bemüht hast dein bestes zu geben, deine Mutter -so weit es in deiner eigenen Kraft lag- zu unterstützen und eigentlich noch soviel auf dem Herzen hattest, was du ihr sagen wolltest. Aus diesen Dingen spricht eine große Liebe zu deiner Mutter, sonst hättest du wohl kaum das Bestreben gehabt klärende Gespräche mit ihr zu führen. Und auch wenn du dich mit der Situation überfordert gefühlt hast, so ist dies kein Grund sich Vorwürfe deswegen zu machen, denn jeder Mensch hat das Recht schwach zu sein und bestimmten Situationen nicht gewachsen zu sein. Wir wären wohl Roboter und keine Mensche, wenn dies nicht der Fall wäre. Diejenigen, die ihre „Erwartungen von außen“ an dich gerichtet haben, konnten/können nicht nachvollziehen, wie du dich in dieser Lage gefühlt hast. Es ist immer einfach zu sagen „Mach das so, das kann doch nicht so schwierig für dich sein!“, denn man hat doch immer eine andere Ausgangsposition und Beziehung zu den Dingen als sein Gegenüber. Ebenso dein Vater; er hatte scheinbar eine völlig andere Art um deine Mutter zu trauern als du, und das muss für ihn unbegreiflich gewesen sein. Vielleicht hätte er gerne seinen Schmerz mit dir geteilt, hat es aber nie gewagt das auszusprechen. Ich weiß nicht, wie eng deine Beziehung zu deinem Vater ist, aber ich denke, dass ihr euch gegenseitig, wenn ihr euch gemeinsam an deine Mutter erinnert, sehr viel Kraft geben könnt. Ich blättere zum Beispiel manchmal mit meiner Mutter die Fotoalben meines Vaters durch und wir erzählen uns dann gegenseitig, wie wir ihn wahrgenommen haben. Am Ende dieser Gespräche kommt es mir manchmal so vor, als würde er bei uns sitzen und lächelnd zuhören. Es mag sich komisch anhören, aber ich denke gelegentlich, dass er plötzlich ganz nah ist und über das, was ich mache, aufmerksam wacht. Dann habe ich das Gefühl -mehr als ich es je zu seinen Lebzeiten hatte-, dass ich ihm meine Liebe in Gedanken übertragen kann und sie ihn erreicht. Andererseits habe ich nie das Gefühl bei ihm zu sein, wenn ich an seinem Grab stehe, weshalb ich kaum noch dorthin gehe, außer um es zu pflegen. Mögen andere sagen, es sei makaber, entscheidend ist doch für sich selbst den richtigen Weg zu finden mit seiner Trauer und dem Verlustgefühl umzugehen. Deine Mutter hätte sich mehr Unterstützung von dir gewünscht, hat sie einer Freundin anvertraut; wie oft kommt es vor, dass sich Menschen mehr Unterstützung, Liebe, Aufmerksamkeit etc von ihren Liebsten wünschen? Kommt das nicht –bei uns selbst- fast jeden Tag vor? Warum hat deine Mutter dich nicht direkt darum gebeten? Hättest du ihr die Unterstützung verweigert? Ich denke nicht, oder? Es liegt nicht in unserer Macht Gedanken zu lesen, wir können uns lediglich bemühen unser bestes zu geben, und zwar angesichts der Dinge, die wir kennen. Auch wenn deine Mutter sich mehr von dir gewünscht hätte, so bin ich mir dennoch sicher, dass sie deine Liebe gespürt hat und tief in ihrem Innern wusste, dass du sie nicht aus Gehässigkeit „vernachlässigt“ hast. Und dass du ihr nicht während ihrer Krankheit in Form klärender Gespräche das Gefühl des Abschieds geben wolltest, zeugt nur von deiner Rücksichtnahme ihr gegenüber. Meine Mutter hat einmal zu mir gesagt, dass das eigene Kind so einige Dinge verzapfen kann und eine Mutter dennoch nicht aufhören kann dieses Kind zu lieben. Nach all den Jahren weißt du vielleicht zum Teil wörtlich, was du deiner Mutter unbedingt noch sagen wolltest. Versuch einmal bei der nächsten Gelegenheit, in der du das Bedürfnis hast mit ihr zu sprechen, dieses laut oder leise zu tun. Nicht so, als wenn du in der Defensive bist und dich gegen die Vorwürfe verteidigst, die man dir gemacht hat. Denke daran, deine Mutter hat dich trotz allem, was vielleicht geschehen sein mag, geliebt, und sie steht dir wohlwollend gegenüber Also tritt ihr aktiv gegenüber und erzähle ihr von den positiven Gefühlen und Gedanken, die du mit ihr in Verbindung bringst. Es gibt keinen Grund für dich Schuldgefühle zu haben; was glaubst du, wie bewegt deine Mutter wäre, wenn sie sehen würde, dass du noch 14 Jahre nach ihrem Tod so von ihr berührt wirst, dass du hier einen Artikel veröffentlichst. Sie wäre wahrscheinlich gerührt von deiner Sensibilität, aber ganz bestimmt möchte sie auch, dass deine Erinnerungen an sie dich zum Lächeln bringen, nicht zum Grübeln über dich selbst.

Ich hoffe, dass du mit meinem Artikel ein bisschen das Gefühl bekommen hast nicht alleine dazustehen. Und ich hoffe noch viel viel mehr, dass du Nachsicht mit deinen eigenen Gefühlen übst. Ich wünsche dir alles, alles Gute und finde übrigens, dass der Begriff Trauerarbeit gar nicht so schlecht gewählt ist. Wie wir beide sehen, ist es oft wirklich harte Arbeit seine Gefühle zu erkennen und sie selbstschonend zu verarbeiten.

Lieben Gruß,
Janin

Hallo Usch!

Das Gefühl, noch gern so viel erklären möchten, gesagt zu
haben, das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe beide
Elternteile relativ früh verloren, meine Mutter als ich zehn
war, mein Vater starb als ich 22 war.
Mit meiner Mutter „Frieden zu schliessen“ ging eigentlich
besser, obwohl das auch viele Jahre gedauert hat. Merkwürdig
fand ich, als ich langsam älter wurde als meine Mutter
geworden ist. Das Gefühl kann ich auch gar nicht so richtig
erklären … aber ich weiß, dass es Bekannten genau so ging.

Ich erwische mich häufig dabei, wie ich nachrechne, wieviel Zeit mir an ihrer Stelle nun noch bliebe… völlig unsinnig, denn ich kann ja theoretisch noch heute vom Auto überfahren werden… und Zeiträume lassen sich eh nicht nebeneinander messen… ist aber trotzdem ein komisches Gefühl. Auch dieses Bewusstsein, dass der Mensch, den man in jungen Jahren verloren hat, dann eben nicht weiter altert. Man wächst dann irgendwann quasi über ihn hinaus. Klingt „absurd“, wenn es sich um die Eltern handelt.

Das mit meinem dad hab ich da schon bewusster …
„erwachsener“?? erlebt. Ich hätte ihm auch noch gerne so viel
gesagt oder erklärt …
Ich habe oft von ihm geträumt oder mich dabei ertappt, ihm in
Gedanken zu erzählen, wie es mir geht, was in mir vorgeht …

Ich träume auch des Öfteren von meiner Mutter. Erst letzte Nacht wieder. Mein schlimmster Traum ist, dass sie plötzlich in die Wohnung kommt und mit meinem Vater ganz selbstverständlich umgeht und die beiden mir dann offenbaren, es habe sich um eine Art „schlechten Scherz“ gehandelt, sie sei gar nicht gestorben und man habe mich damit (jahrelang) auf die Probe stellen wollen.

Das ist jetzt schon alles sehr lange her. Ich denke, jeder
trauert auf seine Weise. Ob der Begriff „Trauerarbeit“ nun
doof ist oder nicht, irgendwie muss man damit klar kommen,
dass jemand, der einem nahe steht, nicht mehr da ist.

Um nichts anderes ginge es mir.

Ich habe jetzt selber ein … na ja fast erwachsenes Kind. Ich
weiß, dass es eigentlich … trotz vieler
Meinungsverschiedenheiten … nicht so sehr vieler Worte
bedarf, wie wir zueinander stehen.
Ich denke Marla, das „Frieden schliessen“ ist etwas, was wir
leisten müssen, weil … och mönsch, wieso ist das so
schwierig, gefühle in Worte zu verpacken??? Weil das
Bedürfnis, noch so viel zu sagen zu haben daraus resultiert,
dass man im nachhinein gern die eine oder andere Sache gern
anders gemacht hätte.

Ja, allerdings. Ich hätte gerne mit dem Wissen von heute und der Erfahrung einiges anders gemacht. Wobei ich mir auch jetzt nicht sicher wäre, ob es alles richtig wär.

Schwieriges Thema … zumindest für mich …
aber ich bin mir sicher, dass keiner vom Himmel gefallen ist
… und irgendwie jeder aus seinen Fehlern lernen musste :wink:

Wenn man seine Fehler wieder gut machen kann, zeigen kann, dass man aus ihnen gelernt hat… was aber, wenn man dazu keine Gelegenheit hat?

Greetings,
Marla

…lieb, dass Du Dir so viel Zeit für mich nimmst
Hallo Janin!

dein Artikel hat mich sehr berührt und ich denke
nachvollziehen zu können, wie du dich fühlst. Ich habe meinen
Vater vor fast genau 10 Jahren verloren, ebenfalls an einer
schweren Krankheit. Ich war damals 12 Jahre alt. Man hat
sicher ein gesondertes Trauerverhalten als Kind, das ich hier
jetzt erst einmal ausspare, da du in deinem Artikel dein Alter
nicht erwähnst und dieser Sachverhalt deshalb für dich
vielleicht nicht interessant ist.

Ich war 22, als sie starb. Als meine Mutter erkrankte, war ich gerade dabei, mich von meinem Elternhaus abzukoppeln. Einerseits wollte ich gerade aus dem Nest entschlüpfen, andererseits war gerade das nicht möglich…

Zu deiner Frage bezüglich des Friedenschließens: Wenn ich dich
richtig verstehe, bedeutet Frieden zu schließen für dich ohne
negativbehaftete Gedanken an den Tod deiner Mutter denken zu
können.

Ich weiss es selbst nicht recht. Ich wünschte, meine Mutter wüsste, wie ich gedacht habe und denke und sie würde mir meine Verhalten nachsehen. Ich ahbe schon immer das gefühl gehabt, meinen Eltern nicht zu genügen, zu viel falsch zu machen, einfach nicht dem zu entsprecehn, was sie von mir erwartet haben… ich habe immer um Anerkennung gerungen… vielleicht vermittelt mir mein Vater eines Tages noch das Gefühl, nicht immer bloß auf ganzer Linie zu versagen… meiner Mutter kann ich das nicht mehr beweisen.

Vielleicht beruhigt es dich einerseits, wenn ich dir

ehrlich schreibe, dass ich genauso wenig wie du das Gefühl
habe damit „ganz abschließen“ zu können. Ich hatte zwar keine
derartigen Spannungen mit meinem Vater wie du mit deiner
Mutter vor ihrem Tod, aber dennoch frage ich mich oft, warum
ich keine intensivere Beziehung zu ihm hatte, weshalb ich mich
als Kind so oft mit ihm gestritten habe, zumal ich mir doch
einfach nur seine Liebe herbeisehnte.

Ich will Deine „Schuldgefühle“ jetzt nicht herunterspielen, das ganz sicher nicht, aber als Kind trägt man keine solche Verantwortung für sein Handeln und jeder wird es einem nachsehen, wenn man anders reagiert hat, als es wünschenswert gewesen wäre. Man ist dann schließlich noch voll in der Persönlichkeitsentwicklung.

Es mag schockierend für
dich klingen, aber ich denke, dass ich nie komplett mit diesen
Gedanken abschließen werde. Ich denke aber, dass wir uns im
Laufe der Zeit von diesen Gefühlen mehr und mehr distanzieren,
bis sie nicht mehr die kleinste Chance haben über uns
hereinzubrechen.

Für mich ist es so, dass sie derzeit besonders starkt zum Vorschein kommen, nachdem ich sie manchmal doch wahrlich schon für „verarbeitet“ gehalten habe. Derzeit holen sie mich wieder ein.

Wir erinnern uns dann an sie, wenn wir es
wollen, wenn wir einfach mal traurig sein wollen und uns die
Tragik unseres Lebens bewusst machen wollen. Dazu bedarf es
aber wahrscheinlich mehr als ein oder zwei Jahrzehnte.
Vielleicht interpretiere ich die von dir beschriebenen Gefühle
falsch, dann korrigiere mich bitte. Wenn ich nun deine
Emotionen zu einem Begriff zusammenfassen sollte, würde mir am
ehesten das Schuldgefühl einfallen.

Ja, ich denke, das wird es sein.

Es muss schwer für dich
sein, von deinem Vater das Gefühl bekommen zu haben, du
hättest nicht genug um deine Mutter getrauert. Und dann
erfährst du auch noch über Ecken, dass sich deine Mutter von
dir vernachlässigt gefühlt hat.
Was ich aber viel wichtiger finde, ist, wie du beschreibst,
dass du dich bemüht hast dein bestes zu geben, deine Mutter
-so weit es in deiner eigenen Kraft lag- zu unterstützen und
eigentlich noch soviel auf dem Herzen hattest, was du ihr
sagen wolltest. Aus diesen Dingen spricht eine große Liebe zu
deiner Mutter, sonst hättest du wohl kaum das Bestreben gehabt
klärende Gespräche mit ihr zu führen. Und auch wenn du dich
mit der Situation überfordert gefühlt hast, so ist dies kein
Grund sich Vorwürfe deswegen zu machen, denn jeder Mensch hat
das Recht schwach zu sein und bestimmten Situationen nicht
gewachsen zu sein. Wir wären wohl Roboter und keine Mensche,
wenn dies nicht der Fall wäre.

Sehe ich selbst genau so. Trotzdem fällt es sehr schwer, sich das selbst zuzugestehen.

Diejenigen, die ihre
„Erwartungen von außen“ an dich gerichtet haben,
konnten/können nicht nachvollziehen, wie du dich in dieser
Lage gefühlt hast. Es ist immer einfach zu sagen „Mach das so,
das kann doch nicht so schwierig für dich sein!“, denn man hat
doch immer eine andere Ausgangsposition und Beziehung zu den
Dingen als sein Gegenüber. Ebenso dein Vater; er hatte
scheinbar eine völlig andere Art um deine Mutter zu trauern
als du, und das muss für ihn unbegreiflich gewesen sein.
Vielleicht hätte er gerne seinen Schmerz mit dir geteilt, hat
es aber nie gewagt das auszusprechen. Ich weiß nicht, wie eng
deine Beziehung zu deinem Vater ist, aber ich denke, dass ihr
euch gegenseitig, wenn ihr euch gemeinsam an deine Mutter
erinnert, sehr viel Kraft geben könnt.

Mein Verhältnis zu meinem Vater ist nicht das beste. Dass er sich alleine Zeit für mich nimmt, kommt nicht vor, immer ist meine Stiefmutter dabei, die sich dann so aufspielt, als habe sie meine Mutter gut gekannt, dabei ist sie ihr allenfalls mal flüchtig begegnet.

Ich blättere zum
Beispiel manchmal mit meiner Mutter die Fotoalben meines
Vaters durch und wir erzählen uns dann gegenseitig, wie wir
ihn wahrgenommen haben. Am Ende dieser Gespräche kommt es mir
manchmal so vor, als würde er bei uns sitzen und lächelnd
zuhören. Es mag sich komisch anhören, aber ich denke
gelegentlich, dass er plötzlich ganz nah ist und über das, was
ich mache, aufmerksam wacht.

Diese gemeinsamen Erinnerungsmomente würde ich mir manchmal wünschen, denn ich stelle es mir auch schön vor, sich positiv an den Menschen zu erinnern und ihn durch die Erinnerungen am Leben zu halten…

Dann habe ich das Gefühl -mehr
als ich es je zu seinen Lebzeiten hatte-, dass ich ihm meine
Liebe in Gedanken übertragen kann und sie ihn erreicht.
Andererseits habe ich nie das Gefühl bei ihm zu sein, wenn ich
an seinem Grab stehe, weshalb ich kaum noch dorthin gehe,
außer um es zu pflegen.

Geht mir auch so. Ich finde meine Mutter an anderen Orten als auf dem Friedhof, dort verbindet mich nichts mit ihr. Ich spüre sie in verschiedenen Situationen, manchmal in meinem eigenen Verhalten, bei dem ich dann denke, das war jetzt eben Mutti, die da aus mir sprach… nur mal so als Beispiel.

Mögen andere sagen, es sei makaber,
entscheidend ist doch für sich selbst den richtigen Weg zu
finden mit seiner Trauer und dem Verlustgefühl umzugehen.
Deine Mutter hätte sich mehr Unterstützung von dir gewünscht,
hat sie einer Freundin anvertraut; wie oft kommt es vor, dass
sich Menschen mehr Unterstützung, Liebe, Aufmerksamkeit etc
von ihren Liebsten wünschen? Kommt das nicht –bei uns selbst-
fast jeden Tag vor? Warum hat deine Mutter dich nicht direkt
darum gebeten? Hättest du ihr die Unterstützung verweigert?
Ich denke nicht, oder? Es liegt nicht in unserer Macht
Gedanken zu lesen, wir können uns lediglich bemühen unser
bestes zu geben, und zwar angesichts der Dinge, die wir
kennen. Auch wenn deine Mutter sich mehr von dir gewünscht
hätte, so bin ich mir dennoch sicher, dass sie deine Liebe
gespürt hat und tief in ihrem Innern wusste, dass du sie nicht
aus Gehässigkeit „vernachlässigt“ hast. Und dass du ihr nicht
während ihrer Krankheit in Form klärender Gespräche das Gefühl
des Abschieds geben wolltest, zeugt nur von deiner
Rücksichtnahme ihr gegenüber.

Zu meinem Vater hat sie gesagt, sie habe das Gefühl gehabt, ich hätte mich für sie geschämt, als wir sie mit dem Rollstuhl durch die Stadt geschoben haben. Es kam mir so völlig absurd vor und ich frage mich bis heute, wie sie auf diesen Gedanken überhaupt hat kommen können. Warum nur, hat mir niemand mal vorher etwas gesagt, damit ich es hätte richtig stellen können, damit ich ihr das Gefühl hätte geben können, was sie bei mir offenbar vermisst hat. Inzwischen stelle ich so viele meiner damaligen Verhaltensweisen in Frage. Was für ein Bild muss meine Mutter von mir gehabt haben…

Meine Mutter hat einmal zu mir
gesagt, dass das eigene Kind so einige Dinge verzapfen kann
und eine Mutter dennoch nicht aufhören kann dieses Kind zu
lieben. Nach all den Jahren weißt du vielleicht zum Teil
wörtlich, was du deiner Mutter unbedingt noch sagen wolltest.
Versuch einmal bei der nächsten Gelegenheit, in der du das
Bedürfnis hast mit ihr zu sprechen, dieses laut oder leise zu
tun. Nicht so, als wenn du in der Defensive bist und dich
gegen die Vorwürfe verteidigst, die man dir gemacht hat. Denke
daran, deine Mutter hat dich trotz allem, was vielleicht
geschehen sein mag, geliebt, und sie steht dir wohlwollend
gegenüber Also tritt ihr aktiv gegenüber und erzähle ihr von
den positiven Gefühlen und Gedanken, die du mit ihr in
Verbindung bringst. Es gibt keinen Grund für dich
Schuldgefühle zu haben; was glaubst du, wie bewegt deine
Mutter wäre, wenn sie sehen würde, dass du noch 14 Jahre nach
ihrem Tod so von ihr berührt wirst, dass du hier einen Artikel
veröffentlichst. Sie wäre wahrscheinlich gerührt von deiner
Sensibilität, aber ganz bestimmt möchte sie auch, dass deine
Erinnerungen an sie dich zum Lächeln bringen, nicht zum
Grübeln über dich selbst.

Derzeit bringt es mich nur zum Weinen, alles verkrampft sich, das Atmen fällt schwer… aber vielleicht gelingt es mir ja irgednwann anders damit umzugehen.

Ich hoffe, dass du mit meinem Artikel ein bisschen das Gefühl
bekommen hast nicht alleine dazustehen. Und ich hoffe noch
viel viel mehr, dass du Nachsicht mit deinen eigenen Gefühlen
übst. Ich wünsche dir alles, alles Gute

Danke für Deine tröstenden Worte!
Ich weiss Deine Mühe und auch die der anderen, die mir geantwortet haben, zu schätzen und ziehe letztendlich serh viel mehr Kraft daraus, als es vermutlich jetzt den Anschein macht.

und finde übrigens,
dass der Begriff Trauerarbeit gar nicht so schlecht gewählt
ist. Wie wir beide sehen, ist es oft wirklich harte Arbeit
seine Gefühle zu erkennen und sie selbstschonend zu
verarbeiten.

Ich habe über den Begriff gar nicht groß nachgedacht. Er kam mir spontan in den Sinn… Arbeit ist ein aktiver Prozess, insofern sollte ich diese Form der Trauerbewältigung vielleicht endlich mal leisten, aufarbeiten, mich damit aktiv auseinadersetzen, statt mich immer nur von meinen Gefühlen überwältigen zu lassen. Ich weiss es nicht.

Greetings,
Marla