…lieb, dass Du Dir so viel Zeit für mich nimmst
Hallo Janin!
dein Artikel hat mich sehr berührt und ich denke
nachvollziehen zu können, wie du dich fühlst. Ich habe meinen
Vater vor fast genau 10 Jahren verloren, ebenfalls an einer
schweren Krankheit. Ich war damals 12 Jahre alt. Man hat
sicher ein gesondertes Trauerverhalten als Kind, das ich hier
jetzt erst einmal ausspare, da du in deinem Artikel dein Alter
nicht erwähnst und dieser Sachverhalt deshalb für dich
vielleicht nicht interessant ist.
Ich war 22, als sie starb. Als meine Mutter erkrankte, war ich gerade dabei, mich von meinem Elternhaus abzukoppeln. Einerseits wollte ich gerade aus dem Nest entschlüpfen, andererseits war gerade das nicht möglich…
Zu deiner Frage bezüglich des Friedenschließens: Wenn ich dich
richtig verstehe, bedeutet Frieden zu schließen für dich ohne
negativbehaftete Gedanken an den Tod deiner Mutter denken zu
können.
Ich weiss es selbst nicht recht. Ich wünschte, meine Mutter wüsste, wie ich gedacht habe und denke und sie würde mir meine Verhalten nachsehen. Ich ahbe schon immer das gefühl gehabt, meinen Eltern nicht zu genügen, zu viel falsch zu machen, einfach nicht dem zu entsprecehn, was sie von mir erwartet haben… ich habe immer um Anerkennung gerungen… vielleicht vermittelt mir mein Vater eines Tages noch das Gefühl, nicht immer bloß auf ganzer Linie zu versagen… meiner Mutter kann ich das nicht mehr beweisen.
Vielleicht beruhigt es dich einerseits, wenn ich dir
ehrlich schreibe, dass ich genauso wenig wie du das Gefühl
habe damit „ganz abschließen“ zu können. Ich hatte zwar keine
derartigen Spannungen mit meinem Vater wie du mit deiner
Mutter vor ihrem Tod, aber dennoch frage ich mich oft, warum
ich keine intensivere Beziehung zu ihm hatte, weshalb ich mich
als Kind so oft mit ihm gestritten habe, zumal ich mir doch
einfach nur seine Liebe herbeisehnte.
Ich will Deine „Schuldgefühle“ jetzt nicht herunterspielen, das ganz sicher nicht, aber als Kind trägt man keine solche Verantwortung für sein Handeln und jeder wird es einem nachsehen, wenn man anders reagiert hat, als es wünschenswert gewesen wäre. Man ist dann schließlich noch voll in der Persönlichkeitsentwicklung.
Es mag schockierend für
dich klingen, aber ich denke, dass ich nie komplett mit diesen
Gedanken abschließen werde. Ich denke aber, dass wir uns im
Laufe der Zeit von diesen Gefühlen mehr und mehr distanzieren,
bis sie nicht mehr die kleinste Chance haben über uns
hereinzubrechen.
Für mich ist es so, dass sie derzeit besonders starkt zum Vorschein kommen, nachdem ich sie manchmal doch wahrlich schon für „verarbeitet“ gehalten habe. Derzeit holen sie mich wieder ein.
Wir erinnern uns dann an sie, wenn wir es
wollen, wenn wir einfach mal traurig sein wollen und uns die
Tragik unseres Lebens bewusst machen wollen. Dazu bedarf es
aber wahrscheinlich mehr als ein oder zwei Jahrzehnte.
Vielleicht interpretiere ich die von dir beschriebenen Gefühle
falsch, dann korrigiere mich bitte. Wenn ich nun deine
Emotionen zu einem Begriff zusammenfassen sollte, würde mir am
ehesten das Schuldgefühl einfallen.
Ja, ich denke, das wird es sein.
Es muss schwer für dich
sein, von deinem Vater das Gefühl bekommen zu haben, du
hättest nicht genug um deine Mutter getrauert. Und dann
erfährst du auch noch über Ecken, dass sich deine Mutter von
dir vernachlässigt gefühlt hat.
Was ich aber viel wichtiger finde, ist, wie du beschreibst,
dass du dich bemüht hast dein bestes zu geben, deine Mutter
-so weit es in deiner eigenen Kraft lag- zu unterstützen und
eigentlich noch soviel auf dem Herzen hattest, was du ihr
sagen wolltest. Aus diesen Dingen spricht eine große Liebe zu
deiner Mutter, sonst hättest du wohl kaum das Bestreben gehabt
klärende Gespräche mit ihr zu führen. Und auch wenn du dich
mit der Situation überfordert gefühlt hast, so ist dies kein
Grund sich Vorwürfe deswegen zu machen, denn jeder Mensch hat
das Recht schwach zu sein und bestimmten Situationen nicht
gewachsen zu sein. Wir wären wohl Roboter und keine Mensche,
wenn dies nicht der Fall wäre.
Sehe ich selbst genau so. Trotzdem fällt es sehr schwer, sich das selbst zuzugestehen.
Diejenigen, die ihre
„Erwartungen von außen“ an dich gerichtet haben,
konnten/können nicht nachvollziehen, wie du dich in dieser
Lage gefühlt hast. Es ist immer einfach zu sagen „Mach das so,
das kann doch nicht so schwierig für dich sein!“, denn man hat
doch immer eine andere Ausgangsposition und Beziehung zu den
Dingen als sein Gegenüber. Ebenso dein Vater; er hatte
scheinbar eine völlig andere Art um deine Mutter zu trauern
als du, und das muss für ihn unbegreiflich gewesen sein.
Vielleicht hätte er gerne seinen Schmerz mit dir geteilt, hat
es aber nie gewagt das auszusprechen. Ich weiß nicht, wie eng
deine Beziehung zu deinem Vater ist, aber ich denke, dass ihr
euch gegenseitig, wenn ihr euch gemeinsam an deine Mutter
erinnert, sehr viel Kraft geben könnt.
Mein Verhältnis zu meinem Vater ist nicht das beste. Dass er sich alleine Zeit für mich nimmt, kommt nicht vor, immer ist meine Stiefmutter dabei, die sich dann so aufspielt, als habe sie meine Mutter gut gekannt, dabei ist sie ihr allenfalls mal flüchtig begegnet.
Ich blättere zum
Beispiel manchmal mit meiner Mutter die Fotoalben meines
Vaters durch und wir erzählen uns dann gegenseitig, wie wir
ihn wahrgenommen haben. Am Ende dieser Gespräche kommt es mir
manchmal so vor, als würde er bei uns sitzen und lächelnd
zuhören. Es mag sich komisch anhören, aber ich denke
gelegentlich, dass er plötzlich ganz nah ist und über das, was
ich mache, aufmerksam wacht.
Diese gemeinsamen Erinnerungsmomente würde ich mir manchmal wünschen, denn ich stelle es mir auch schön vor, sich positiv an den Menschen zu erinnern und ihn durch die Erinnerungen am Leben zu halten…
Dann habe ich das Gefühl -mehr
als ich es je zu seinen Lebzeiten hatte-, dass ich ihm meine
Liebe in Gedanken übertragen kann und sie ihn erreicht.
Andererseits habe ich nie das Gefühl bei ihm zu sein, wenn ich
an seinem Grab stehe, weshalb ich kaum noch dorthin gehe,
außer um es zu pflegen.
Geht mir auch so. Ich finde meine Mutter an anderen Orten als auf dem Friedhof, dort verbindet mich nichts mit ihr. Ich spüre sie in verschiedenen Situationen, manchmal in meinem eigenen Verhalten, bei dem ich dann denke, das war jetzt eben Mutti, die da aus mir sprach… nur mal so als Beispiel.
Mögen andere sagen, es sei makaber,
entscheidend ist doch für sich selbst den richtigen Weg zu
finden mit seiner Trauer und dem Verlustgefühl umzugehen.
Deine Mutter hätte sich mehr Unterstützung von dir gewünscht,
hat sie einer Freundin anvertraut; wie oft kommt es vor, dass
sich Menschen mehr Unterstützung, Liebe, Aufmerksamkeit etc
von ihren Liebsten wünschen? Kommt das nicht –bei uns selbst-
fast jeden Tag vor? Warum hat deine Mutter dich nicht direkt
darum gebeten? Hättest du ihr die Unterstützung verweigert?
Ich denke nicht, oder? Es liegt nicht in unserer Macht
Gedanken zu lesen, wir können uns lediglich bemühen unser
bestes zu geben, und zwar angesichts der Dinge, die wir
kennen. Auch wenn deine Mutter sich mehr von dir gewünscht
hätte, so bin ich mir dennoch sicher, dass sie deine Liebe
gespürt hat und tief in ihrem Innern wusste, dass du sie nicht
aus Gehässigkeit „vernachlässigt“ hast. Und dass du ihr nicht
während ihrer Krankheit in Form klärender Gespräche das Gefühl
des Abschieds geben wolltest, zeugt nur von deiner
Rücksichtnahme ihr gegenüber.
Zu meinem Vater hat sie gesagt, sie habe das Gefühl gehabt, ich hätte mich für sie geschämt, als wir sie mit dem Rollstuhl durch die Stadt geschoben haben. Es kam mir so völlig absurd vor und ich frage mich bis heute, wie sie auf diesen Gedanken überhaupt hat kommen können. Warum nur, hat mir niemand mal vorher etwas gesagt, damit ich es hätte richtig stellen können, damit ich ihr das Gefühl hätte geben können, was sie bei mir offenbar vermisst hat. Inzwischen stelle ich so viele meiner damaligen Verhaltensweisen in Frage. Was für ein Bild muss meine Mutter von mir gehabt haben…
Meine Mutter hat einmal zu mir
gesagt, dass das eigene Kind so einige Dinge verzapfen kann
und eine Mutter dennoch nicht aufhören kann dieses Kind zu
lieben. Nach all den Jahren weißt du vielleicht zum Teil
wörtlich, was du deiner Mutter unbedingt noch sagen wolltest.
Versuch einmal bei der nächsten Gelegenheit, in der du das
Bedürfnis hast mit ihr zu sprechen, dieses laut oder leise zu
tun. Nicht so, als wenn du in der Defensive bist und dich
gegen die Vorwürfe verteidigst, die man dir gemacht hat. Denke
daran, deine Mutter hat dich trotz allem, was vielleicht
geschehen sein mag, geliebt, und sie steht dir wohlwollend
gegenüber Also tritt ihr aktiv gegenüber und erzähle ihr von
den positiven Gefühlen und Gedanken, die du mit ihr in
Verbindung bringst. Es gibt keinen Grund für dich
Schuldgefühle zu haben; was glaubst du, wie bewegt deine
Mutter wäre, wenn sie sehen würde, dass du noch 14 Jahre nach
ihrem Tod so von ihr berührt wirst, dass du hier einen Artikel
veröffentlichst. Sie wäre wahrscheinlich gerührt von deiner
Sensibilität, aber ganz bestimmt möchte sie auch, dass deine
Erinnerungen an sie dich zum Lächeln bringen, nicht zum
Grübeln über dich selbst.
Derzeit bringt es mich nur zum Weinen, alles verkrampft sich, das Atmen fällt schwer… aber vielleicht gelingt es mir ja irgednwann anders damit umzugehen.
Ich hoffe, dass du mit meinem Artikel ein bisschen das Gefühl
bekommen hast nicht alleine dazustehen. Und ich hoffe noch
viel viel mehr, dass du Nachsicht mit deinen eigenen Gefühlen
übst. Ich wünsche dir alles, alles Gute
Danke für Deine tröstenden Worte!
Ich weiss Deine Mühe und auch die der anderen, die mir geantwortet haben, zu schätzen und ziehe letztendlich serh viel mehr Kraft daraus, als es vermutlich jetzt den Anschein macht.
und finde übrigens,
dass der Begriff Trauerarbeit gar nicht so schlecht gewählt
ist. Wie wir beide sehen, ist es oft wirklich harte Arbeit
seine Gefühle zu erkennen und sie selbstschonend zu
verarbeiten.
Ich habe über den Begriff gar nicht groß nachgedacht. Er kam mir spontan in den Sinn… Arbeit ist ein aktiver Prozess, insofern sollte ich diese Form der Trauerbewältigung vielleicht endlich mal leisten, aufarbeiten, mich damit aktiv auseinadersetzen, statt mich immer nur von meinen Gefühlen überwältigen zu lassen. Ich weiss es nicht.
Greetings,
Marla