Hallo Antje,
Reorientierung bei schweren Dissoziationen (Wegdriften) kann schwierig sein und auch eine ganze Zeit dauern.
Die Maßnahmen, die du beschreibst, wie Ansprechen und fragen, ob sie weiß, wo sie ist, sind genau richtig.
Hilfreich können Anweisungen sein, wie z.B.:
- stelle beide Füße fest auf den Boden
- setze dich gut in deinen Stuhl
- spürst du die feste Rückenlehne?
- greif mal die Armlehen deines Stuhls/Sessels und halte dich mal ganz doll fest daran
- drück mit deinen Händen fest zu
- versuch mal deine Füße in den Boden zu drücken
- merkst du, dass der Boden ganz fest ist?
Die Betroffenen sind praktisch in einem hilflosen Zustand und können manchmal einfache Fragen bzgl. ihrer Umgebung nur schwer oder gar nicht beantworten. Geschlossene Fragen (antworten mit ja bzw. nein) sind dabei leichter zu beantworten als offene.
Gibst du klare, einfache, ungefährliche Unweisungen, schaffst zu eine Art Rahmen, der bei der Reorientierung hilft. Durch den Körperkontakt mit Gegenständen, erfährt die Betroffene ihre eigenen Körpergrenzen und kann wieder Kontakt zu ihrer eigenen körperliche Kraft aufnehmen.
Basis dieser Arbeit ist immer der Kontakt zwischen dir und dem Mädchen. Hilfreich beim Herstellen von Kontakt ist z.B. auch, das Mädchen mit ihrem Namen anzusprechen.
Ein anderes Hilfsmittel ist deine Stimme. Arbeite auch hier wieder mit sanften, beruhigenden Anweisungen, z.B.:
Lisa, ich möchte, dass du mir zuhörst. Da, wo du gerade bist, ist es nicht gut. Ich möchte, dass du wieder hierher zurückkommst. Ich helfe dir dabei. Versuche mal, dich auf meine Stimme zu konzentrieren. Stell dir vor, meine Stimme ist ein Band zwischen uns. Versuch mal, an diesem Band entlang wieder hierher zurück zukommen.
Dadurch hälst du Kontakt und zeigst dem Mädchen, wie sie selbst (mit deiner Hilfe) den „Rückweg“ aus der Dissoziation finden kann.
Erinnere das Mädchen daran, dass es jetzt in Sicherheit ist. Erinnere daran, wo sie ist.
- du bist hier sicher
- du bist hier in der Jugendhilfe
- wir sitzen gerade hier in unserem Besprechungszimmer
- ich bin Antje
- du bist jetzt in Sicherheit
UND es kann dauern…
Vertrau dem Mädchen, dass sie es schafft. Sie hat es bis hierhin geschafft. Sie kennt das. Sie kommt wieder zurück. Neu für sie ist, dass sie jetzt nicht mehr alleine damit ist.
Und - vertrau dir. Du begleitest. Du unterstützt. Du trägst, indem du da bist, bei ihr bist, bei ihr bleibst. Du musst sie nicht „auf deine Schultern packen und zurücktragen“. (Falls das missverständlich sein sollte, melde dich bitte noch mal.)
Für dich und dein Team, die ihr als Professionelle dieses Grauen täglich aushalten müsst, noch etwas für euch:
Wenn es länger als „üblich“ dauert oder es zu Selbstverletzungen kommt, kann das bei den Betreuern Gefühle von z.B. Hilflosigkeit verursachen. Dann: Atmen, mit Kollegin sprechen, gegenseitig unterstützen, etc.
Wenn der Grad der Dissoziation über ein Maß hinaus geht, dass ihr begleiten könnt/wollt, wäre eine Besprechung mit den behandelnen ÄrztInnen, TherapeutInnen wichtig. Z.B.:
Diagnose - wurde was übersehen/noch nicht entdeckt?
Behandlung - stimmt das gemeinsame Vorgehen?
Traumainhalte - gibt es unbekannte Trigger? (kalte Dusche o.ä.: Skill oder Trigger?)
Das ist ein sehr komplexes Thema. Wenn du Nachfragen hast, melde dich einfach nochmal.
Wenn ihr Fortbildungen machen wollt, schau mal auf die Seite von Michaela Huber.
Einen Link dazu findest du auf meiner Internetseite:
www.gestalt-hl.de
Moon