Trauma

Hallo,

ich arbeite in der Jugendhilfe. Wir haben Mädchen in unserer Wohngruppe die auf Grund von sex. Missbrauch und/oder anderer Gewalt immer mal wieder massiv wegdriften. Im Normalfall klappt es die Mädchen durch ansprechen und Fragen: " Wo bist du, wer bin ich, sag mir 2 Sachen die hier in diesem Raum rot sind" oder durch Ammoniakampullen, oder Eiswürfel wieder ins hier und jetzt zu holen. Letztens hatten wir aber einen Fall, da half noch nicht mal eine kalte Dusche. Um es kurz zu machen:

Ich suche nach Anregungen was man tun kann wenn jemand sehr stark Dissoziert und tatsächlich nicht mehr ansprechbar ist und dieser Zustand länger andauert.

Im Nachhinein konnte sich das eine Mädchen überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass sie wie wild ihren Kopf an die Wand gehauen hat. Ein anderes Mädchen kriegt so starke körperliche Schmerzen und fühlt sich zurückversetzt in Situationen von früher.

Viele Dank für jeden Tipp!

ANTJE

Liebe Antje,

ich habe eine Tochter, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leidet und das, was Du dort beschreibst, über 2 Jahre ebenfalls gemacht hat. Wir haben ähnliches probiert wie ihr, bevor ich meine Freund kennen gelernt habe. Mit mäßigem Erfolg.
Mein Freund ist erfahrener Traumatherapeut, wenn Du möchtest, kannst du sicherlich unverbindlich mit ihm telefonieren und er kann Dir für Deine speziellen Fragen Ideen geben.
Ich denke, aus der Ferne betrachtet, die Kinder benötigen spezifische Therapie, die die Dissoziation unnötig macht. Meine Tochter taucht inzwischen, nach 6 Jahren, nicht mehr ab, geht nicht mehr in die körperliche Lähmung, die Möbel bleiben inzwischen ganz, aber ist immer noch in ähnlichen Situationen wie die Auslöser sprachlos und kann nicht für sich sorgen. Leider hatte sie bis heute keine adäquate Therapie, es wurde immer nur verhaltenstherapeutisch - symptomatisch behandelt, gegen unseren Willen. Aber für Kinder war und ist es schwer, gute Therapie zu finden.

Melde Dich, dann geb ich Dir seine Telefonnummer [email protected]

LG

Angel

Hallo Liebe Antje,
zunächst einmal möchte ich dir sagen das ich dir da leider nicht helfen, für mich ist das auch neuland und meine sache mit meiner freundin und deren problem ist ganz anders.
Es tut mir sehr leid aber ich kann dir leider dabei nicht helfen.

Gruß gerd

Hallo Antje,

Die Arbeit hört sich ja schon nach einer psychiatrischen Abteilung an. Zunächst ist es wichtig, dass die Mädchen bereit sind, selbst an sich zu arbeiten. Die dissoziativen Störungen können sehr effektiv mit EMDR behandelt werden, was leider nur wenige Therapeuten richtig beherrschen. Ebenso ist eine beziehungsorientierte Arbeit mit den Mädchen wichtig, dass sie sich angenommen fühlen und mit ihren Gefühlen oder Gedanken wieder besser in Kontakt kommen. ROMPC wäre hier eine holistische Methode, die Traumata nachhaltig aufzuarbeiten. Dieses Verfahren ist auch ein gutes Werkzeug für die Pädagogen und Sozialarbeiter in der täglichen Arbeit.
Es gibt auch Medikamente, die im Einzelfall dem beschriebenen Ausfall vorbeugen können. Diese sollten aber nur für eine begrenzte Zeit, am Anfang der Traumatherapie, eingesetzt werden. Das sollte aber ein Psychotherapeut im Einzelfall entscheiden.

Guten Morgen Antje,
eine harte aber sehr wertvolle Aufgabe die Sie an diese
Mädchen haben. Bei epileptische Anfälle ist es etwas anders. Jeder der mit mir ein Anfall erlebt weiß, daß
ich höchstens nach 10 Minuten wieder da bin. Es kann
sein, daß ich tatsächlich in diesem Zeitraum die unmö-
gliste Sache anstelle und weiß nacher nichts mehr da-
von. Aber es bleibt in einer begrenzten Zeit. Während
dieser Zeit können die Personen die bei mir sind nur
schützen, aufpassen,daß ich nicht umfliege oder mein
Kopf irgendwo stoße. Sie reden mit mir, verstehe sie
in Unbewußtsein aber weiß später überhaupt nichts mehr
davon. Ich weiß nicht ob daß Ihnen ein Hilfe werden kann da ich Sie nicht pers.kenne aber wenn ich ein
etwa wuchtigerer Anfall habe, Freunde die dabei waren
haben gebetet und sie haben festgestellt, daß ich in der Zeit entspannter geworden bin.
Unsere beste Bekannte hat zwei Töchter die von ihrem
ehemaligen Man in Kinderalter missbraucht worden sind.
Die heutige Auswirkung sind lang nicht so heftig als
bei ihren Mädchen. Das eine ist verheiratet, hat Kin-
der aber kennt keine Grenze in sexuellen Bereich.(Sie
will auch keine kennen). Das andere hat auch diese
Neigung aber nicht so stark und will die Sachen mit ihrem Vater auf dem Grund gehen. Wenn die Möglichkeit
besteht, es ist sehr wichtig, daß diese Leute eines Tages sich mit dem Täter wieder zusammensitzen. Es
kommen Regungen hoch wovon sie und ihre Umfeld davor
nichts wußten. Es kann auch ein Stück Heilung werden.
Ich kann Ihnen nichts weiteres sagen, hoffe von Ihnen
ein Antwort oder Stellungsname zu diesem Schreiben zu
bekommen. Es kann immer für beide Seite behilflig sein,
auch wenn negative aber ehrliche Aussage aus der Erfah-
rungen zurückkommen.
Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Mut in Ihrer Aufgaben,
Grüße
Shabd

Hallo Antje,

Reorientierung bei schweren Dissoziationen (Wegdriften) kann schwierig sein und auch eine ganze Zeit dauern.

Die Maßnahmen, die du beschreibst, wie Ansprechen und fragen, ob sie weiß, wo sie ist, sind genau richtig.

Hilfreich können Anweisungen sein, wie z.B.:

  • stelle beide Füße fest auf den Boden
  • setze dich gut in deinen Stuhl
  • spürst du die feste Rückenlehne?
  • greif mal die Armlehen deines Stuhls/Sessels und halte dich mal ganz doll fest daran
  • drück mit deinen Händen fest zu
  • versuch mal deine Füße in den Boden zu drücken
  • merkst du, dass der Boden ganz fest ist?

Die Betroffenen sind praktisch in einem hilflosen Zustand und können manchmal einfache Fragen bzgl. ihrer Umgebung nur schwer oder gar nicht beantworten. Geschlossene Fragen (antworten mit ja bzw. nein) sind dabei leichter zu beantworten als offene.

Gibst du klare, einfache, ungefährliche Unweisungen, schaffst zu eine Art Rahmen, der bei der Reorientierung hilft. Durch den Körperkontakt mit Gegenständen, erfährt die Betroffene ihre eigenen Körpergrenzen und kann wieder Kontakt zu ihrer eigenen körperliche Kraft aufnehmen.

Basis dieser Arbeit ist immer der Kontakt zwischen dir und dem Mädchen. Hilfreich beim Herstellen von Kontakt ist z.B. auch, das Mädchen mit ihrem Namen anzusprechen.

Ein anderes Hilfsmittel ist deine Stimme. Arbeite auch hier wieder mit sanften, beruhigenden Anweisungen, z.B.:
Lisa, ich möchte, dass du mir zuhörst. Da, wo du gerade bist, ist es nicht gut. Ich möchte, dass du wieder hierher zurückkommst. Ich helfe dir dabei. Versuche mal, dich auf meine Stimme zu konzentrieren. Stell dir vor, meine Stimme ist ein Band zwischen uns. Versuch mal, an diesem Band entlang wieder hierher zurück zukommen.

Dadurch hälst du Kontakt und zeigst dem Mädchen, wie sie selbst (mit deiner Hilfe) den „Rückweg“ aus der Dissoziation finden kann.

Erinnere das Mädchen daran, dass es jetzt in Sicherheit ist. Erinnere daran, wo sie ist.

  • du bist hier sicher
  • du bist hier in der Jugendhilfe
  • wir sitzen gerade hier in unserem Besprechungszimmer
  • ich bin Antje
  • du bist jetzt in Sicherheit

UND es kann dauern…

Vertrau dem Mädchen, dass sie es schafft. Sie hat es bis hierhin geschafft. Sie kennt das. Sie kommt wieder zurück. Neu für sie ist, dass sie jetzt nicht mehr alleine damit ist.
Und - vertrau dir. Du begleitest. Du unterstützt. Du trägst, indem du da bist, bei ihr bist, bei ihr bleibst. Du musst sie nicht „auf deine Schultern packen und zurücktragen“. (Falls das missverständlich sein sollte, melde dich bitte noch mal.)

Für dich und dein Team, die ihr als Professionelle dieses Grauen täglich aushalten müsst, noch etwas für euch:
Wenn es länger als „üblich“ dauert oder es zu Selbstverletzungen kommt, kann das bei den Betreuern Gefühle von z.B. Hilflosigkeit verursachen. Dann: Atmen, mit Kollegin sprechen, gegenseitig unterstützen, etc.

Wenn der Grad der Dissoziation über ein Maß hinaus geht, dass ihr begleiten könnt/wollt, wäre eine Besprechung mit den behandelnen ÄrztInnen, TherapeutInnen wichtig. Z.B.:
Diagnose - wurde was übersehen/noch nicht entdeckt?
Behandlung - stimmt das gemeinsame Vorgehen?
Traumainhalte - gibt es unbekannte Trigger? (kalte Dusche o.ä.: Skill oder Trigger?)

Das ist ein sehr komplexes Thema. Wenn du Nachfragen hast, melde dich einfach nochmal.

Wenn ihr Fortbildungen machen wollt, schau mal auf die Seite von Michaela Huber.
Einen Link dazu findest du auf meiner Internetseite:
www.gestalt-hl.de

Moon

Hallo Antje,
Leider gibt es keine allgemein gültigen Rezepte, doch will ich versuchen mit meinen Gedanken einige, hoffentlich nützliche, Anregungen zu geben.
-Die kalte Dusche kann durchaus als Gewalt, Ohnmacht, Fremdbestimmung und somit als Retraumatisierung erlebt werden.
-sowohl der Mensch, als auch eine Traumatisierung sind so komplex, dass man eigentlich nie weiß wie das Ergebnis einer Intervention ausfällt.
-Andererseits ist das traumatische Erleben, in das die Betroffene in einer Dissoziation ja zurückfällt,immer mit dem Gefühl der Ohnmacht und der Bedrohung verbunden. Dies heißt im Umkehrschluss, dass sich die Frage stellt „wie kann ich für die Betroffene mehr Sicherheit und mehr Selbstbestimmung herstellen?“ da leider jeder und alles ein Trigger sein kann (Auslöser einer Dissoziation), weiß man nicht genau wie diese Frage zu beantworten ist. Aber, wenn man diese Person ein wenig kennt, kann man sich meist gut auf seine Intuition verlassen. So kann zum Beispiel eine Decke, in die das Mädchen eingewickelt wird oder mit der es zugedeckt wird, für sie einen Schutz bedeuten. E abbenso kann ein eigenes Kuscheltiere des Mädchens für Sicherheit sorgen. Als sehr hilfreich wird auch sehr oft eine Wärmflasche empfunden. Häufig erzeugen auch viele Menschen, Geräusche oder andere Reize Angst und das Gefühl von Bedrohung. In diesem Fall wäre es nützlich, ein größtmögliches Maß an Ruhe herzustellen.
-Natürlich ist es wichtig möglichst selbst verletzendes Verhalten in der Dissoziation zu verhindern.man kann versuchen die Betroffene wie ein Baby oder ein Kind in den Armen festzuhalten, so dass sie zwar ihre Wut oder andere Gefühle leben kann, ohne dass sie sich jedoch selbst verletzt.
-dies alles sind natürlich nur Tipps, die im Einzelfall überprüft werden müssen, da sie unter Umständen ebenso verstärkend wirken können.
-für die betroffenen Mädchen sollte natürlich baldmöglichst an eine Traumatherapie gedacht werden.im stationären Bereich ist hier die Station neun der Asklepiosklinik in Göttingen besonders zu empfehlen.
-als Literatur für das Thema Trauma weise ich zum Einstieg auf Michaela Huber und Ulrich Sachsse (der die Station in Göttingen geleitet hat und dort noch immer mitarbeitet) hin.
-Weiterhin möchte ich noch auf meine eigene Website verweisen (traumainfo.de)

Ich hoffe, dass ich etwas weiter helfen konnte und würde mich über einen weiteren Austausch freuen!

Thomas Kühn

Im Nachhinein konnte sich das eine Mädchen überhaupt nicht
mehr daran erinnern, dass sie wie wild ihren Kopf an die Wand
gehauen hat. Ein anderes Mädchen kriegt so starke körperliche
Schmerzen und fühlt sich zurückversetzt in Situationen von
früher.

Liebe Antje

Solch schwere Fälle benötigen therapeutische Unterstützung. Darüberhinaus würde ich Euch Betreuerinnen den Besuch eines entsprechenden Kurses empfehlen. Bei Interesse melde Dich doch mit Persönlicher Nachricht bei mir, dann kann ich Dir je nach Deiner Arbeits- oder Wohngegegend etwas empfehlen.

Herzlich, Andre Jacomet