Trauriger Japaner in Deutschland

Diesen Artikel veröffentliche ich unter der Rubrik Reisen, da ich hoffe, Menschen zu finden, die Japan ausführlich bereist haben - und mir speziell etwas über das Kontaktverhalten von Japanern schreiben können. Vielen Dank Nelly

Liebe Japan-Freunde und Freudinnen,

wir sind Ralph und Nelly aus Köln. Seit Januar haben wir Koichi aus
Osaka bei uns zu Gast. Er ist 22 Jahre alt, Verkäufer im Laden seines
Vaters (Heizöl im Winter/Eisstangen im Sommer) und besucht hier einen
Sprachkurs. Jetzt bleiben ihm noch 2 1/2 Wochen. Er spricht noch
wenig Deutsch, und sein Englisch ist auch nicht besonders gut. Wir
stellen fest, dass er abends nie mit anderen Studenten der Schule
ausgeht, und immer zu Hause sitzt, oft schlecht schläft und etwas
traurig aussieht.

Ich habe ihn heute morgen gefragt, ob er sich hier einsam fühlt. Er
meinte, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich weiß nicht sehr viel
über die japanische Kultur und Mentalität, habe aber oft gelesen,
dass Japaner ihre Gefühle nicht so offen zeigen wie Europäer. Und das
man über Gefühle auch nicht spricht - zumindestens nicht mit
Außenstehenden.

Und nun meine Fragen:

  1. Stimmt das so?
  2. Wie machen junge Japaner im Heimatland Kontakte?
  3. Welche Tipps könnte man Koichi geben, damit er nicht bis zum
    Schluss des Aufenthaltes einsam bleibt?
  4. Sonstiges?

Vielen Dank für deine Mühe,
Nelly

Hallo,

denke zunächst einmal nicht, dass die ein speziell „japanisches“ Problem ist. Es gibt einfach Menschen die mehr in sich gekehrt leben als ander oder die einfach auch schwerer Kontakte finden als andere, oder die in ihrer Gruppe eben nicht „am richtigen Platz“ sind.

Wenn er mit seiner Gruppe nichts unternimmt, dann kann dies einen oder mehrere der oben genannten Gründe haben. Und wenn er dann eher nicht so der Typ ist, der alleine loszieht, hängt er eben bei euch auf der Bude fest. Alleine etwas unternehmen ist übrigens tatsächlich ein japanisches Problem, denn die gemeinsamen Unternehmungen mit Kollegen haben da einen ganz anderen Stellenwert als bei uns, und der abendliche Gang zum Karaoke o.ä. ist oft einfach ein Teil des Arbeitsalltags.

Als Gastgeber dürft ihr aber selbstverständlich auch Angebote machen und wenn es eure Zeit und euer Budget zulässt würde ich dies auf jeden Fall auch machen. Dabei ruhig mal „typisch deutsch“ anfangen. Habe bislang jedenfalls noch keinen Japaner kennen gelernt, der dies hier nicht auch mal erleben wollte (dabei daran denken, dass viele Japaner nur wenig Alkohol vertragen). Dann würde ich aber auch die Gelegenheit nutzen, Vorurteile abzubauen und mal zu zeigen, was ihr denn selbst sonst so unternehmt.

Gruß vom Wiz

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi Nelly,
zunächst finde ich es schön, dass Du so verantwortungsvoll mit den Gefühlen Deines Gastes umgehst.
Gibt es in Köln nicht auch einen Japanischen Club o.äh. (haben wir hier in Frankfurt). Da findet in der Regel allabendlich Karaoke statt… die Japaner sind glaube ich das sangesfreudigste Völkchen der Welt (vielleicht weil sie da ihre Gefühle rauslassen können?).
Ich würde ihm (mich wiz anschliessend) zwei Abende hintereinander einen typisch deutschen Abend (im „Päffgen“ vielleicht? Diese typische Kölsch-Kneipe - weiss den Namen nicht mehr genau) und dann einen typisch japanischen Abend vorschlagen - da ergibt sich dann sicher auch viel Diskussionsstoff über unterschiedliche Mentalitäten.
Sollte es keinen japanischen Club geben geht japanisch essen und lasst Euch alles genau erklären (ist nur leider schweineteuer, seufz…).
Vielleicht ladet ihr einfach mal einen oder zwei seiner Sprachschulkollegen nach Hause oder zu einer Rheinfahrt o.äh. ein?
LG,
Anja

Vielen Dank für die beiden Beiträge. Ich glaube ich werde eine Gebrauchsanweisung für Japaner in Deutschland schreiben und sie in Japanisch übersetzen lassen. Habt ihr vielleicht eine Idee, wer das machen könnte? Gruß
Nelly

Das Gesicht …
… zu verlieren,

liebe Nelly,

ist das Schlimmste, was einem Japaner passieren kann. Und wenn ihn etwas traurig
macht, von dem er meint, er hätte selbst Schuld daran, wird er es nie und nimmer
sagen. Die Methode, ihm etwas an Zestreuung anzubieten, finde ich daher die
beste.
Gruß
Bolo2L

Gebrauchsanweisung…

Vielen Dank für die beiden Beiträge. Ich glaube ich werde eine
Gebrauchsanweisung für Japaner in Deutschland schreiben und
sie in Japanisch übersetzen lassen. Habt ihr vielleicht eine
Idee, wer das machen könnte?

Hallo Nelly,

das wurde schon mal gemacht. Zwar nicht konkret für Japaner in Deutschland, aber es gibt im Piper Verlag eine „Gebrauchsanweisung“-Reihe. Darin ist zum einen eine Gebrauchsanweisung für Japan erschienen (sicher sinnvoll für dich, um Verhalten etc. besser zu verstehen) und auch eine für Deutschland (vielleicht für ihn?). Die Bücher sind sehr humorvoll und doch zutreffend (hab den England-Band schon mal gelesen) - vielleicht wär das ja was für dich!

Gruß, Annegret

Dambmann, Gerhard: Gebrauchsanweisung für Japan.
Serie Piper Bd.7513. Überarb. Neuausg. 2002. 183. 19,5 cm. Kartoniert. 272gr.
ISBN: 3-492-27513-3 Buch anschauen, KNO-NR: 10 68 47 22
-PIPER-
Kaum ein Land bleibt dem Fremden so ein Rätsel wie Japan. Aus langjähriger Kenntnis des Inselstaates und seiner Bewohner gelingt es dem Autor, mit Einfühlungsvermögen und Witz den ‚Gebrauch‘ japanischer Denk- und Lebensart für den Europäer zu ermöglichen.Zwischen Sushi und Sony
Wenn ein Japaner höflich ja sagt, kann ein Nein gemeint sein. Mißverständnisse sind unausweichlich, wenn Europäer und Japaner sich begegnen und sich an die Regeln ihrer jeweiligen Kulturkreise halten. Doch bei aller Verbundenheit mit alten Traditionen sind die Japaner ein modernes Volk und der Zeit meist um eine Nasenlänge voraus. Ob Tamagotchi oder Sushi, Autos oder Computer - die Japaner setzen Trends. Die verblüffende Mischung aus Tradition und Modernemacht dieses asiatische Land für westliche Besucher so anziehend. Und wenn Sie sich beispielsweise an die Regel halten, Ihr Geld nie öffentlich nachzuzählen, werden Sie in Japan viele Freunde finden.

Gorski, Maxim: Gebrauchsanweisung für Deutschland.
Serie Piper Bd.7506. Überarb. Neuausg. 2002. 172 S. m. 11 Zeichn. v. Heinz Birg. 19,5 cm. Kartoniert. 247gr.
ISBN: 3-492-27506-0 Buch anschauen, KNO-NR: 10 20 10 54
-PIPER-
Dieses Buch braucht jeder, der es mit Deutschland zu tun bekommt: sei es als Reiseland, als Heimat oder als Phänomen. Nie zuvor wurde die deutsche Gemütlichkeit zwischen Saumagen und Sinnsuche, zwischen Autobahn und Ahnentreue liebenswürdiger und hinterhältiger beschrieben. Maxim Gorski kennt Deutschland wie seine Hosentasche: Ost und West sind ihm wohlvertraut, und all die Abgründe, die sich dem Fremden wie dem Einheimischen in diesem Land auftun, weiß er mit Ironie und Feingefühl auszuloten.