Über die (persönliche) Schmerzgrenze

Meine Frage an Euch: Gibt es Filme/Sequenzen, die ihr nicht
ertragen konntet, bei denen ihr wegsehen oder gar das Kino
verlassen mußtet?

Oh ja, die gibt es.

Bei mir hat ganz heftig der Film „American History X“ eingeschlagen. Mein Wohnzimmer musste ich nicht verlassen, aber ich war kurz davor. Die Szene am Anfang, wo er den Schwarzen mit dem offenen Mund auf den Bordstein legt und dann zutritt war sehr hart. Aber was mich mehr mitgenommen hat, war der kalte Blick, als die Polizei ihn festnahm. Da war eine Kälte in den Augen, die mir einen gruseligen Schauer über den ganzen Körper laufen ließ.

Dann gab es noch „Dead Man Walking“, als Sean Penn am Schluß auf der Bahre lag und dann, wie Jesus am Kreuz, aufgerichtet in den „Zeugenraum“ schaute. Da war es vorbei. Ich habe eine Stunde nach dem Film noch geheult.

Aber mein absoluter Favorit ist „Schindlers Liste“. Da habe ich das Kino verlassen müssen, als die Frauen in die Dusche gedrängt wurden und nicht wussten, ob da jetzt Wasser oder Gas rauskommt. Ich bin aus dem Kino direkt auf die Toilette und habe mein Essen weggebracht. Diesen Film werde ich mir nie, nie, nie, nie, nie wieder ansehen.

Gruß
Tanja

Hallo Diana,

Film (fiktiv): „Ichi The Killer“ von Takashi Miike
…war vor einigen Wochen der erste Film, den ich nach 30 Minuten verlassen musste, weil ich Angst hatte, mich zu übergeben. Vorm Kino dann Schweissausbruch, benommen und ziemlich traurig.
Die Brutalität mancher Szenen hatte sich in meinem Hirn schon so festgefressen, dass es auch nicht mehr half wegzuschauen.
Die meisten anderen Kinobesucher lachten bei diesen Szenen, denn sie waren total übertrieben und es war durchaus auch Humor dabei. Diese Kurve habe ich allerdings nicht mehr gekriegt.

Buch (real): „Desert Flower“ von Waris Diri
…als ich an die Stelle kam, wo sie ihre Beschneidung schildert, hatte ich die Szenen vor Augen. Es schnürte mir den Hals zu und ich schwitzte heftig. Ich musste die U-Bahn verlassen und mich an der Oberfläche beruhigen.

Bei mir wirkt sich das dann so heftig aus, wenn ich mich darauf einlasse. Wenn ich das gesehene oder gelesene als (mögliche) „Realität“ wahrnehmen kann und ich mich nicht mehr selbst berzeugen (oder besser ablenken?) kann, dass das ja nur ein Film ist, sondern dass es tatsächlich so geschehen kann.

Tschüß,
Thomas

Hallo Diana,

  1. hab beim Arzt den Stern oder Spiegel gelesen und bin in Tränen ausgebrochen, als in einem Bericht über Kinderpornographie ein Polizeimensch seine Erfahrungen geschildert hat, was es für Fotos gibt. Schrecklich. Mehr, als sich der Mensch ausmalen kann… Brauchte Tage, um das nicht mehr laufend vor mir zu sehen (zumal nur beschrieben wurde, aber das hat gereicht!)

  2. Der Film 8MM, mit N. Cage. Allein der Gedanke, daß es Snuff-Filme wirklich gibt - (hat der o.g. Bericht aus dem Stern oder Spiegel leider bestätigt) und Leute für sowas Geld - viel Geld zahlen - drehts mir den Magen um.

Gruß,

Silvia

(die bei dem Gedanken an den Artikel schon wieder den Tränen nahe ist)

hi diana,

die kalte filmische darstellung des zusammenhanges von macht,
unterwerfung und sadismus bei pasolinis verfilmung der „120 tage
von sodom“ hat mich das erste und einzige mal fast aus dem kino
getrieben.
selbst wenn pasolini auf einige szenen verzichtet hätte, wäre es
für mich immer noch unerträglich. es ist der bittere hauch der
realität, der die schmerzgrenze überschreitet.

mit jacksons „braindead“ kann ich mich dagegen prächtig
amüsieren, aber das wolltest du ja garnicht wissen…

gruß,
frank

gewalt…
…realistische gewalt erzeugt in mir ekel und den zwang, die fernbedienung zwecks umschalten zu betätigen oder wegzugehen… z.b. bei natural born killers am ende oder neulich in sonem eigentlich schlechten gefängnisfilm, wo die häftlinge revoltieren und brutalst die wärter zusammenschlagen, so richtig krass halt… eine frechheit übrigens, dass sowas nicht zensiert wird, wohl aber filme mit eher lächerlicher gewalt wie bloodsport oder so…

my 2 cents…

Kopieren von Hundeohren, Nachmittagsprogramm
Hallo Diana,

ein emotionales Thema, wollte eigentlich nur Stöbern, da ich auf jemanden warte, und dann lese ich Deine Frage…

Spontan fällt mir ein Fernsehbericht ein, der auf den Dritten lief, den ich sicherlich nie wieder vergessen werde.
Unsere Familie aß in der Wohnstube mal zu Mittag, der Fernseher wurde eingeschaltet (was ich eigentlich nicht ab kann)
Bericht über Kopieren von Hundeohren, Schwänzen.
*blabla* Über Sinn, Ästhetik etc.
Dann haben sie diesen Mischling gezeigt, auf dem Tierarzttisch-
eine TAhelferin hielt ihm die Schnauze zu, eine Person den Körper fest, und der „Ausführer“ hat mit einem komischen Buchpresse-ähnlichen Gerät die Ohren des Hunde langsam durchtrennt.
Die Zwinge wurde zugedreht…der Hund war nicht betäubt.
Mir war so schlecht, ich unterdrückte die Tränen am Tisch (war um die 15 Jahre), ich war so geschockt, dass ich erst Minuten später meine Mutter anfuhr wegzuschalten.
Danach habe ich zwei Nächte geheult, und konnte kaum ein Auge zumachen, und dass ist nicht untertrieben.

Solche Szenen, wo ein schwächeres Wesen von einem Stärkeren unterdrückt wird, und ihm physische und psychische Gewalt angetan wird, legen bei mir den Schalter um, ich fühle mich so hilf-und machtlos, und könnte heulen (aus Hilflosigkeit) danach meist Wut.

Schlimm waren auch Kriegserzählungen (!) von meiner verstorbenen Oma gewesen. (Familie mit Zungen am Tisch festgenagelt, die Frauen und Mädchen vor ihren Augen vergewaltigt …)

Was die Literatur betrifft, meine Mutter hat eine riesen Buchsammlung, und „verbotene“ Bücher (erotik, gewalt, horror) hat sie immer versteckt gehalten, oder sehr weit weggestellt, aber das hinderte mich nicht (als Kind) sie trotzdem zu finden.
Da fand ich eines Tages ein Buch über Folterungen.
Mit Bilder, Zeichnungen, Kupferstichen.
Es umfasste detailiert alle Arten von Folterungen und Verhören.
Mir war so übel, und in der darauf folgenden Nacht hatte ich Alpträume.

Ein Bild löst bei mir immer noch Entsetzen aus, kennt sicher jeder „Der Stumme Schrei“
Oder, ich weiss nicht, ob es vom selben Künstler stammt, ein Mann, der zusammengepfercht in einem Kasten sitz, und schreit, und oben fallen stetig Wassertropfen auf seinen Kopf… (chin. Folter?)
Schrecklich…

Ganz besonders geprägt und grässlich berührt hat mich das Schlachten von Nutztieren.
(Grosseltern haben grossen Hof der gleich an mein Elternhaus anschliesst, und damals noch Vieh gehabt, Kaninchen, Schweine, Geflügel)
Ich habe das Hausschlachtene immer gern gegessen, bis zu dem Tag, als ich zufällig früh auf war, und ein Schwein geschlachtet werden sollte.
Das Schwein quiekte und schrie und wehrte sich als es aus dem Stall gezerrt wurde, und als es erschossen war, und der Aderlass und das Blutumrühren, das Zucken…oh mir wird schwindlig…
Ganz besonders schlimm, wenn ein Kaninchen geschlachtet wird: die SCHREIEN unglaublich, mir ist sogar heute noch zeitweise schlecht, wenn ich gebratenes Kaninchenfleisch rieche, obwohl ich es Essen kann.
Dann die Geschichte vom Störtebecker…und dann siehst du wirklich ein Huhn mit abgeschlagenen Kopf über den Hof rennen!
Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ich der Stadt aufgewachsen.*flachs*

In der Schule hatte mal einer von den Film „Blutsport“ (Kampffilm) erzählt, wir waren so 5-6 Klasse.
Er hätte den Film wohl ungeschnitten gesehen.
Irgendwo dadrinnen kam ein offener Bruch vor, Oberschenkel.
Die blosse Erzählung hat mich so angeekelt, dass ich den Film nie sehen wollte, auch später nicht.

Jetzt ist mir komisch, ich höre lieber auf.
Ich hoffe, Du kannst mit meinen Alpträumen was anfangen.
sanfte Grüsse,
Nicole

Meine Frage an Euch: Gibt es Filme/Sequenzen, die ihr nicht
ertragen konntet, bei denen ihr wegsehen oder gar das Kino
verlassen mußtet?

====> ich hab ein Erlebnis im Kopf, bei dem allerdings ANDERE Leute das Kino verließen (unter lautem Gepöbel zum Teil), und zwar ein Andy Warhol Film, der war etwa 20 min. lang, bestand nur aus dem Geräusch einer fliegenden Chesna und dazu permanentem Stroboskop-Geflimmer (!), dem man sich nicht einmal entziehen konnte, wenn man die Augen schließt… Ich fand, es war eine interessante Erfahrung.
Bei einer anderen Filmszene (David Lynch „Fire walk with me“) sträuben sich mir persönlich immer noch die Nackenhaare, wenn ich daran denke, daß einer Toten in Nahaufnahme (über die komplette Leinwand) ein Fingernagel mit einer Pinzette hochgeklappt (also entwurzelt) wird, mit einer Geräuschverstärkung, die seinesgleichen sucht… *perfekt*. ;o)
Allerdings finde ich solche Szenen eher „fies witzig“, da man weiß, daß sie nicht real sind. Viel schlimmer finde ich es z.B., wenn bei Military-Hindernisrennen gezeigt wird, wie den Pferden beim Sprung-Aufprall-Sturz die Gelenke brechen und sie dann zitternd am Boden liegen! Sowas kann ich absolut nicht ertragen.