Text vs. Bild
Hallo Diana,
nicht einfach, diese Frage. Ich überlege schon dauernd, wie und ob ich das für mich so genau bestimmen kann, was stärker wirkt: Text und/oder Bild.
Für mich gilt wohl im wesentlichen folgende Trennung:
a) Abscheu/Widerwillen
b) Mit- und reinfühlen/-leiden
c) fiktiv und real
a) Abscheu/Widerwillen
Dabei geht es um Darstellungen - Text oder Bild -, die ich als widerlich oder abstoßend empfinde. Das können brutale Szene sein oder auch die Art, wie etwas fotografiert/gefilmt/beschrieben ist.
Direkt verglichen: Nachhaltigere Wirkung in puncto „Ekel/Abscheu“ hat hier für mich definitiv das Bild. Mir ist es schon passiert, dass ich irgendeinen Zeitschriftenartikel las und ein Bild auf der Seite abdecken musste, damit ich den Text lesen konnte. Auch wenn ich nicht „scharfgestellt“ hatte, hat mich das abstoßende Bild auch aus den Augenwinkeln heraus gestört.
Wenn es um eine textliche Darstellung geht, ist das nicht so schlimm für mich. Allerdings kommt hier, wie am Beispiel „American Psycho“ schon gesagt, der gesamte Kontext dazu: also WIE beschreibt der Autor die Sache und wie passt sie zur Situation zum Buch.
Das müssen übrigens gar nicht mal brutale Szenen sein. Es kann auch etwas sein, wo jemand sich abfällig oder unpassend oder gleichgültig über etwas oder jemanden äußert. Also geht nicht immer nur um „Splatter & Co.“.
[Obwohl, vergiss es: ich kann das gleich wieder relativieren. Als ich bei der Polizei gearbeitet habe, hat mir ein Chef mal einen echten Obduktionsbericht zum Lesen gegeben … erks … neneenee …]
b) Mit-/reinfühlen und -leiden
Hier komme ich am ehesten an meine Schmerzgrenzen: Wenn ich mich mit einer Szene/Person/Situation identifiziere. Andre hat in seiner Antwort hier im Thread als Beispiel den Tritt in die Weichteile genannt. Der tut mir auch weh (obwohl ich nicht entsprechend ausgestattet bin *hehe*) -> bei solchen Szenen ist es auch das Bild, das mir mehr zu schaffen macht. Wenn ich nur lese: Ja und dann tritt ihm einer in die Eier, dann find ich das weit weniger schrecklich als wenn ich es sehe.
Generell beim Thema Reinversetzen/Identifizieren kann ich für mich keinen Unterschied machen Bild/Text. Es gibt Kameraeinstellungen, die mehr als jedes Wort/jede Erklärung eine Situation/ein Gefühl/eine „Schmerzgrenz-Erfahrung“ vermitteln können.
c) fiktiv oder real
Auch schwierig. Natürlich ist die Frage, ist da jemandem etwas real passiert oder hat sich das jemand nur ausgedacht, ein Faktor. Mal ganz unabhängig von Text/Bild.
Dennoch haben „nur ausgedachte“ Situationen natürlich „Schmerzgrenz-Potenzial“ - besonders in Bezug auf b), wenn ich mich per Text/Bild mit der Person identifiziere.
Erst recht bei Szenen, wo ich denke: Was, wenn ich an der Stelle wäre?
–
Mein Kopf wird ganz wirr beim Überlegen und abwägen. Ich würde sagen, bei mir ist es so: Bilder „schocken“ mich mehr, verhaken sich im Kopf - und speziell Abscheu ist nachhaltiger für mich, was „innere Bilder“ angeht.
Texte hingegen sind aufwühlender und beunruhigender … vorausgesetzt, ich lasse mich darauf ein. Und hier ist es dann, wie gesagt, in der Regel der Kontext. In Texten bleibt meist Raum für mehr Zwischentöne und Andeutungen - und ich bestimme das Tempo. In einem Film passieren die Dinge Schlag auf Schlag, Szene folgt auf Szene … da hält niemand an und wartet, bis alles bei mir durchgesickert ist. Bei einem Buch ist das anders.
Ach, Du machst mich ganz kirre, jetzt hör ich auf ;o)
Viele Grüße
Gitte