Überall Party-Tourismus?

Hallo,

ich schreibe meinen „Aufreger“ hier rein, damit ich mal sehe, ob es nur mir allein so geht.

Letztens im TV: Vergleich ITALIEN VS. KROATIEN.
Unter anderem wurde auch das Partyleben verglichen. Ein junger Tourist, der in Kroatien Urlaub machte, sagte sinngemäß: Die Kroaten müssen von den Italienern noch viel lernen, was z.B. das Partyleben angeht.

Ich hätte spucken können, denn wenn die Kroaten den Italiern alles nachmachen würden, könnte man dort so nen günstigen und TOLLEN RUHIGEN Urlaub wohl kaum noch verbringen.
So ist das in jedem „neuen Tourismus-Land“! Muss das denn sein?
Ich bin auch erst 23, aber ich gehe in Urlaub, um mich zu erholen und brauche im Urlaub keine Disco und auch keine Wiener Schnitzel, denn es gibt viele Touristen, die können ohne „deutsches“ Essen keinen Urlaub genießen. Aber das kann ich doch hier auch alles haben…
Mir ist klar, dass die Länder was verdienen wollen, aber immer mehr mehr mehr?!

Was haltet ihr davon?
Neugierigen Gruß
anke

Hallo Anke,

ich bin 24 und auch nicht „partysüchtig“ im Urlaub. Deswegen liebe ich die kroatischen Strände und Ortschaften. Weniger Stress am Strand, und abends kann man immer noch ein bisschen bummeln, ein Eis essen oder was trinken gehen. Ich hasse Hotels, in denen dann bis nach Mitternacht unterm Zimmerfenster auf voller Lautstärke musiziert wird (egal ob Disco- oder Volksmusik).
Wenn jemand dauernd ausgehen will, soll er nach Ibiza, Rimini oder Jesolo fahren.
Aber auch in Italien gibts nicht nur Partyortschaften, ich kenne an der Adria auch Dörfchen, die noch ruhig sind. Da gibts aber auch keinen Sauerbraten und kein AI-Hotel :wink:

Liebe Grüße,
Sabs

Hallo Anke,

Letztens im TV: Vergleich ITALIEN VS. KROATIEN.
Unter anderem wurde auch das Partyleben verglichen. Ein junger
Tourist, der in Kroatien Urlaub machte, sagte sinngemäß: Die
Kroaten müssen von den Italienern noch viel lernen, was z.B.
das Partyleben angeht.

Das liegt wohl auch am Sender. Wenn ich auf RTL(2) einen Bericht über Mallorca sehe, schalte ich schnell ab. Mallorca ist eine so schöne Insel und viele kennen nur den Bereich zwischen Palma und El Arenal. Schade, aber „oben ohne“ Bilder bringen mehr Quoten als die Landschaft.

Ich bin auch erst 23, aber ich gehe in Urlaub, um mich zu
erholen und brauche im Urlaub keine Disco und auch keine
Wiener Schnitzel, denn es gibt viele Touristen, die können
ohne „deutsches“ Essen keinen Urlaub genießen. Aber das kann
ich doch hier auch alles haben…
Mir ist klar, dass die Länder was verdienen wollen, aber immer
mehr mehr mehr?!

Ich „brauche“ auch keine Disco und deutsches Essen. Aber es stört mich auch nicht. In Tunesien wäre ich dankbar für deutsches Bier und Schnitzel gewesen. Im übrigen muss man ja nicht immer landestypisch essen. Hier bin ich auch öfter beim Griechen als beim Deutschen essen.
Da ich mehrere Urlaube mache variiere ich gerne. Mal Party, mal Kultur und jetzt im September ist der Amazonas dran.

Weiter unten steht der Artikel über Tunesien und was da alles schief gelaufen ist. Die Reaktionen waren überwiegend Unverständnis, aber ich finde, dass Massentourismus zwangsläufig ist. Millionen Engländer, Deutsche, Niederländer usw. können nicht alle in einsamen, idylischen Fischerdörfern Urlaub machen.
Außerdem ist einfach ein Markt da für Party-Tourismus. Jeder so wie er will ist da meine Devise.

Gruß, Joe
noch28tagebisbrasilien

Hallo Anke,

du sprichst mir aus der Seele. Meine Frau und ich sind durch den Job meiner Frau jede Woche mindestens auf zwei gesellschaftlichen Ereignissen. Seien es Schützenfeste, Betriebsjubiläen, Einweihungen, … Keine Frage, privat mal in die Disco zu gehen oder „Party machen“ ist da zusätzlich wirklich nicht mehr gewünscht. Wenn wir Freunde einladen, dann um gemütlich zusammenzusitzen und ohne Lärm und den Stress ständigen Programms mal ganz privat reden zu können.

Und der wenige mögliche Urlaub sollte dann bitte Entspannung pur sein, und dazu gehört Ruhe, Ruhe und noch mal Ruhe. Und dieses Ruhebedürfnis schränkt die Wahl der Ferienorte leider zunehmend dahingehend ein, dass mehr und mehr Urlaubsorte ihren natürlichen Charme für den billigen Massentourismus verkaufen und nur noch Krawallurlaubern als Ziel dienen. War schon so glücklich, als auf den Ballearen die Ökosteuer eingeführt wurde, und dachte, jetzt könne man dort auch bald mal Urlaub machen, ohne ständig über Betrunkene gröhlende Landsleute zu stolpern, aber zu früh gefreut (wobei mal fairerweise sagen muss, dass meine Eltern neulich mal bei einem befreundeten Ehepaar in deren Haus im Landesinneren eingeladen waren und zwei Wochen dem Massenrummel nie begegnet sind).

In Bosnien habe ich neulich auch ein paar schöne Ecken entdeckt, die man man besuchen könnte, aber da erzählte dann der Kollege meiner Frau gleich stolz, dass man groß am Wiederaufbau plane, mit jeder Menge Discos, Bettenburgen, … Also da fahren wir doch lieber im Oktober mal wieder für eine Woche nach Dänemark. So weit rein, bis es keine deutschen Nummernschilder mehr gibt, mieten uns ein Häuschen mit Kaminofen, nehmen ein paar Flaschen Roten mit, und haben den ganzen Strand wieder für uns.

Gruß vom Wiz

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Hallo Anke!

So sehr ich auch vom Massentourismus lebe, so sehr verstehe ich persönlich Dich auf der anderen Seite.

Hier einige meiner Thesen. Numeriert, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit und logische Reihenfolge :wink:

  1. In den westlichen Gesellschaften ist das Bedürfnis zu verreisen in den letzten Jahrzehnten von einem Luxusbedürfnis zu einem Grundbedürfnis mutiert. [Dabei ist es im Grunde genommen sekundärer Natur, weil nämlich gesellschaftlich erzeugt, aber das ist ein anderes Thema.] Daraus folgt

  2. Das Hauptproblem heißt insofern nicht „Partytourismus“ sondern „Massentourismus“ schlechthin. Denn

  3. Die Masse tendiert zur Oberflächlichkeit und zum billigem Amusement. [Z.B. wird ein Weinfest auch von wesentlich mehr Menschen besucht als ein am selben Ort und zur selben Zeit stattfindendes Synphoniekonzert.] Daraus folgt

  4. Überall dort, wo sich Massentourismus entwickelt, wird sich auch - in unterschiedlichem Umfang und in unterschiedlicher räumlicher Ausdehnung - Partytourismus entwickeln.

  5. Jedes Land das sich auf Massentourismus als Devisenquelle bedingungslos einläßt, wird also früher oder später diesen Weg gehen. Nenne es freie Marktwirtschaft, Kapitalismus, Imperialismus: Angebot und Nachfrage bestimmen nicht nur den Preis, sondern sich auch gegenseitig qualitativ.

  6. Das führt nicht nur zu „Partytourismus“, sondern auch zu zahlreichen anderen negativen Veränderungen: Schädigung der Umwelt, Veränderung der Sozialstrukturen etc.

  7. Zum Glück ist von solchen Entwicklungen meist nie das gesamte Land betroffen. Topographische oder infrastrukturelle Gegebenheiten manchen Massentourismus in manchen Regionen schlicht unrentabel und verhindern ihn dadurch.

  8. Da sich Massentourismus mit all seinen Folgen in dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht verhindern läßt, bleibt Dir als logische Konsequenz eigentlich nur die Lösung, die massentouristischen Destinationen zu meiden und die eher individuelleren Gebiete aufzusuchen.

Also z.B. in Italien eine Ferienwohnung in Umbrien statt ein Hotel in Rimini, auf Gran Canaria eine Finca im Landesinneren statt eine Bettenburg in Playa des Ingles, auf Mallorca ein Landhotel in den Serras Tramuntana statt Eimersaufen am Ballermann etc. Diese Reihe läßt sich beliebig fortsetzen. Selbst in der Türkei, deren Südküste der architektonische Horrortrip schlechthin ist [Wobei es ausgerechnet die Türkei war, die Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre immer wieder vollmundig erklärte, die Fehler der anderen Mittelmeerländer nicht wiederholen zu wollen] gibt es noch lauschige Ecken.

Gruß, Hartmann,
der sich auch irgendwie mit dem Widerspruch abgefunden hat,
daß er einen Großteil der Reisen, die er anderen verkauft,
um keinen Preis der Welt selber machen würde :wink: