Leider läuft die Firma meines Mannes noch so schleppend, dass
er kaum in der Lage sein wird, ab April seinen Lebensunterhalt :zu bestreiten.
Hallo Sylvia,
die paar Monate Überbrückungsgeld reichen i. d. R. weder zeitlich noch der Höhe nach, um eine Existenzgründung auf sichere Füße zu stellen. Hier zeigt sich der erste Mangel im Geschäftsplan. Gibt es einen Geschäftsplan? Falls nicht, wird es jetzt höchste Zeit! Der Geschäftsplan ist in erster Linie nicht für die Augen Dritter bestimmt. Egal wie bitter die Wahrheiten sind, der Plan muß so realistisch wie irgend möglich sein.
Zum Geschäftsplan gehört neben der Finanzplanung eine Vorstellung von der Zielgruppe. Es reicht wirklich nicht, wenn man glaubt, seine Zielgruppe zu kennen. Man muß es zu Papier bringen! Du wirst erstaunt sein, wieviel Klarheit dabei entsteht. Die unausgesprochenen „wird-schon-gutgehen-Lücken“ werden dabei offenkundig. Wenn man die Zielgruppe kennt, braucht man eine Idee, wie man die Zielgruppe anspricht/erreicht, man braucht also ein Vertriebskonzept. Das hat Rückwirkungen auf den Finanzplan, denn Vertrieb kostet Geld und seien es nur Telefonate oder Briefmarken. Einfach abwarten, auf Bekannte und ehemalige Arbeitskollegen hoffen, kann man jedenfalls nicht. Jeder, vom Schuster bis zum Unternehmensberater, braucht ein Vertriebskonzept.
Wenn Du vor dem Hintergrund des bisher schleppenden Geschäftsverlaufs (eine wertvolle Erfahrung!) zu einem realistischen Geschäftsplan mit Finanzierungsbedarf, Zielgruppenbestimmung und Vertriebskonzept kommst, wird klarer, ob und wie die ganze Idee weiter verfolgbar ist.
Manche Leute erstellen Geschäftspläne (schlimmer noch: Lassen erstellen), um an das Überbrückungsgeld zu kommen. Entsprechend illusorischer Schwachsinn steht da denn auch drin. Wenn sich jetzt eine Geldquelle auftäte, die wieder begrenzte Zeit einen monatlichen Zuschuß bietet, würde dieses Geld vermutlich sinnlos verbraten und die Zeit vergeudet, wenn man der Sache einfach ihren Lauf ließe und abwartet, ob sich das Geschäft verbessert. Es verbessert sich nicht! Jedenfalls nicht von alleine und nicht durch Abwarten. Man braucht also eine Marschrichtung, einen realistisch gangbaren Weg. Die erste Sorge muß deshalb sein, dieses Konzept in Gestalt eines Geschäftsplans zu erstellen. Erst dann weiß man, wieviel Geld gebraucht wird und ob ein paar Monate weiterer bescheidener Zuwendungen überhaupt etwas bewirken.
Der Geschäftsplan vor dem Hintergrund der ersten Erfahrungen kann ergeben, daß das bisherige Produkt- oder Dienstleistungsangebot am Markt vorbei orientiert war. Dann muß man am Angebot etwas ändern oder eine geeignetere Zielgruppe wählen oder eine geeignetere Vertriebsmethode.
Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wenn Du Angaben zum Geschäftszweck und zur Zielgruppe machst, können hier durchaus Anregungen kommen. Wenn Angebot, Zielgruppe und Vertriebsmethode stimmen, hat man in einer Keinfirma mit ein oder zwei Alleinunterhaltern eher das Problem, die viele Arbeit kaum bewältigen zu können.
Gerade die Beschränkung auf eine bestimmte Zielgruppe begreifen viele Gründer nicht. Dafür ein paar Beispiele: Vor einem Penny-Markt lagen gestern Handzettel zum Mitnehmen. Da bot jemand Webdesign an und versuchte natürlich, sich zu profilieren. Das tat der Verfasser mit einem Kauderwelsch, das nur jemand versteht, der ganz gewiß in der Lage ist, seine Webseite selbst zu gestalten. Außerdem trifft man bei Penny einen breiten Bevölkerungsschnitt an, aber gewiß nicht vorzugsweise die Leute, die nennenswertes Geld für eine Webgestaltung bezahlen. Bei der Handzettelaktion stimmte also nichts, weder die Zielgruppenauswahl noch deren Ansprache.
Ein anderes Beispiel: ES gibt viele arbeitslose Bauhandwerker. Einige machen sich selbständig und bieten förmlich alles an, Innenausbau, Fenstermontage… und klagen über Auftragsmangel. Auf dem Sektor habe ich selbst vor ein paar Jahren die Probe aufs Exempel gemacht. Beschränkung nur auf Trocknung feuchter Keller. Eine einzige Zettelaktion an Haushalte mit Tagespost, die zum Glück (weil ich mit dem Falten und Bündeln der Zettel nicht nachkam) nur regional eng begrenzt lief und nicht wie vorgesehen im ganzen Landkreis und dann im ganzen Bundesland), ließ das Telefon ununterbrochen klingeln. Ich fuhr von Auftraggeber zu Auftraggeber. Nach wenigen Tagen wäre ein Dutzend Baufirmen für die absehbare Zukunft mit Aufträgen vollgestopft und ich hätte meine eigene Firma schließen müssen, weil dafür keine Zeit mehr blieb. Deshalb verkaufte ich die Idee, nach der inzwischen eine ganze Franchisekette bundesweit arbeitet. Würde diese Kette alles an Bauarbeiten anbieten, wäre sie augenblicklich kaputt. Das Ding brummt durch die enge Beschränkung auf eine klar umrissene Zielgruppe und deren gezielte Ansprache.
Gruß
Wolfgang