Übers. Hoffmannsthal-Gedicht ins Engl. -> Meinu

Hallo Ihr Lieben,

Diesmal ist weniger Wissen denn Meinung und konstruktive Kritik erwünscht.

wie Ihr ja schon wißt, bin ich immer wieder auf der Suche nach guten Übersetzungen deutscher Gedichte ins Englische.

In Ermangelung einer (guten) Übersetzung für H. v. Hoffmannsthals „Ballade des äußeren Lebens“ habe ich mich nun mal selbst daran begeben. Ich würde ich über Ratschläge und Meinungen zur Übersetzung freuen.
Bei der Übersetzung habe ich teilweise frei übersetzt, um das Versmaß und die „Musik“ des deutschen Textes wenigstens ansatzweise erhalten zu können.

Zur Erinnerung hier nochmal der deutsche Text:
________________________________________
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
und alle Menschen gehen ihre Wege.

Und süße Früchte werden aus den herben
und fallen nachts wie tote Vögel nieder
und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder
vernehmen wir und reden viele Worte
und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
und drohende, und totenhaft verdorrte…

Wozu sind diese aufgebaut? Und gleichen
einander nie ? Und sind unzählig viele ?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

Was frommt das alles uns und diese Spiele,
die wir doch groß und ewig einsam sind
und wandernd nimmer suchen irgend Ziele ?

Was frommt’s, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend“ sagt,
ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
__________________________

And children grow with deepest eyes
that know of nothing, grow and die
and all those people just walk by.

And tart fruits ripe to sweetness
and fall at night like dying birds
and lay neglected and decay.

And always blows the wind, and on and on
we hear and speak so many words
and feel our passion, and our tired limbs.

And roads run through the grass, and places
are here and there, with torches, trees, and terns
and threatening, and lifeless withered.

What are they built for? And never they
equate each other? And are a countless many?
What changes laughter, weep, and blanching?

Of what avail is this, and are these games,
for we are grand and are forever lonely
and, roaming, never quest a goal?

What serves it to have seen all this?
Yet: If you say „evening“, you say much,
a word, so soaked with pensiveness and grief

Like lumbering honey of those hollow honeycombs.
__________________________________________

Hmja. Wenn Ihr über die Übersetzung diskutieren wollt: Mir würd’s Spaß machen. Seid nicht zu hart: Es ist meine erste. Gedichte zu übersetzen ist einiges schwerer als ich dachte. :smile:

Liebe Grüße, Nike

Hi Nike!

Erstmal Glückwunsch! Wenn das wirklich dein erster Versuch ist, alle Achtung.
Beim Gedichtübersetzen hängt ja soviel am Einfühlen in das Gedicht und den Autor selbst.
Deshalb will ich mich beim “Kritisieren” auch gar nicht an den Inhalt usw. hängen, schon allein weil du Hoffmansthal übersetzen willst, zeigt ja, dass du mehr von ihm verstehst als ich. Ich will auch nicht in die Theorie einsteigen, wenn du z.B. eine Alliteration benutzt (torches, trees and terns), die im Original nicht zu finden ist, denn es gilt ja nicht nur (im optimalen Ergebnis) den Sinn, sondern auch das Versmass und alle anderen Feinheiten so weit als möglich zu übertragen, und da es das Optimale nicht gibt, muss man immer die Entscheidung treffen, was im einzelnen Fall das Wichtigere ist.

Mir sind nur ein paar Kleinigkeiten aufgefallen, die einfach im Englischen zu deutsch klingen. Here goes:

And children grow with deepest eyes (warum der Superlativ hier? oder vielleicht Tippfehler: “deep-set” gefällt mir persönlich)
that know of nothing, grow and die
and all those people (ich weiss, gender conscious, aber ‘men’ klingt im Sinn einfach ‘englischer’) just walk by.

And tart fruits ripe (die richtige Form is ‘ripen’) to sweetness
and fall at night like dying birds
and lay (“lie”) neglected and decay.

And always blows the wind (wind is blowing), and on and on
we hear and speak so many words
and feel our passion, and our tired limbs. (warum hier ‘passion’ statt ‘lust’ – das geht ans Interpretorische)

And roads run through the grass, and places
are here and there, with torches, trees, and terns ( die Alliteration hab ich schon angesprochen, aber mein Problem ist eigentlich ‘terns’, was ja ‘Seeschwalbe’, eventuell grad noch ‘Teichhuhn’ heißen kann, aber ich versteh die ‘Teiche” doch als ‘lakes’)
and threatening, and lifeless withered. (hier hab ich auch im Deutschen meine Verständnisprobleme, aber ‘lifeless withered’ klingt einfach nicht, wenn überhaupt wär’s ‘withered lifelessly’, aber das gefällt mir im Zusammenhang auch nicht, ‘blighted’ oder ‘decayed’ für ‘verdorren’, vielleicht: ‘death decayed’ oder: ‘blighted like death’ – spiel doch mal rum!)

What are they built for? (da die ganze Sprache sehr poetisch ist, könnte man es mit ‘Wherefore were they built?” probieren, ich weiss, das verändert auch den Tempus, wenn du auf Präsens beharrst, dann lieber mit ‘made’, oder ‘created’: Wherefore are they made? And never they
equate (mir gefiele hier ‘resemble’ besser: ‘Never resembling another’ klingt besser als ‘Never resembling each other’ ist allerdings durchaus zweitdeutig, ‘another’ KANN als ‘each other’ verstanden werden, aber auch als ‘einem anderen’) each other? And are a countless many? (‘And are so many.’)
What changes laughter, weep (weeping), and blanching? (das ist Gefühlsache, ‘blanching’ sitze mir nicht richtig, mir würde ‘growing pale’ besser gefallen, es ist eingängiger als ‘to blanch’, und hat den zusätzlichen Vorteil, dass wie im Original die Verbform [keine Vorsilbe, keine Vorsilbe, Vorsilbe] leicht geändert wird; allerdings müsste man das ‘und’ dem Versmaß ofpern; könnte dann’laughter, weeping, growing pale’ oder ‘laughing, weeping, growing pale’ heißen…)

Of what avail is this, and are these games,
for we are grand and are forever lonely
and, roaming, never quest a goal? (da ich auch keine bessere Idee hab, melde ich mal nur ganz leise mein ‘nicht-ganz-richtig-fühlen’ an)

What serves (‘what does it serve’ or ‘what is the use’) to have (having) seen all this?
Yet: If you say „evening“, you say much, (‘he who says ‘evening’ says much’ ??)
a word, so soaked with (‘seeped in’) pensiveness and grief

Like lumbering (die Konnotationen hier sind: unbeholfen schwer, also vielleicht besser: ‘concentrated’ oder ‘thick’ oder ‘viscous’ oder ‘viscid’ ) honey of (‘from’) those hollow honeycombs.

Ich hoffe, du siehst, wie ich’s meine. Ich hatt’s mit Kursivschrift versucht, aber Satz mit X.

Nochmal: tolle Arbeit! Und es ist ja immer leichter, hinterher ein paar kleine Striche anzubringen, als das ganze in Angriff genommen haben. Vielleicht akzeptierst du ja eine oder andere meiner Ideen.
Tschuess, Elke.