Überschätzung der Bergpredigt

Von allen Predigten und Gleichnissen, die Jesus gesagt hat oder gesagt haben soll, halte ich die Bergpredigt für eine der aggressivsten und merkwürdigsten. Ich halte es für möglich, dass irgendein späterer Eiferer dem guten Jesus das Ding sozusagen untergeschoben hat. Was ich allerdings am merkwürdigsten dabei finde, ist die Tatsache, dass so viele Leute nun gerade auf DIESE Predigt so abfahren. Ich persönlich unterstelle Jesus jedenfalls nicht soviel Wut, Hass und Übers-Ziel-hinaus-Moralisieren wie da drin steht. Jedesmal, wenn ich sie wieder lese, erschrecke ich mich aufs neu und denke: Ich würde sanfter mit meinen Feinden umgehen.
Was meint Ihr dazu?

Hallo Branden,

sicherlich klingt mancher Anteil der Bergpedigt fragwürdig. Aber vergessen werden darf dabei nicht, dass Jesus von sich selbst nicht behauptet, als „Verteiler der Liebe“ erschienen zu sein. Vorallem bedenke auch bitte, wie Jesus über seine eigenen Gleichnisse spricht und warum er diese benutzt. Man muss sie hören, aber auch verstehen. Und ich denke, wir sind sicherlich in der Lage, jedes seiner Gleichnisse zu hören (oder zu lesen), nicht aber zu verstehen. Die Erklärer seiner Gleichnisse waren immer die Apostel (unter denen es verschiedene Gruppen gibt) - oder im lat. die Missionare - und selbst diese wussten nicht immer genau bescheid. Hierzu bedarf es dem Tiefenstudium des christlichen Glaubens und seiner Schriften. Eine Eigenauslegung kann in diesem Sinne ebenso schadhaft sein, wie eine Selbstdiagnose, vor der jeder Arzt seinen Patienten warnt.

Ob nun Eiferer dem Herrn Jesu gewisse Dinge untergeschoben haben, das lasse ich mal dahingestellt. Die Bergpredigt ist Teil des Apostelwortes, und wenn wir nun damit beginnen, das Wort der Apostel Christi zu glaubensmäßig zu bezweifeln, dann kommen wir dabei schnell in den Bereich, in dem sich konfessionelle Sekten ansiedeln, nämlich dort, wo bestimmte Lehren oder Gedanken dem eigentlichen Wort beigestellt werden, oder es durch solche ergänzt wird.

Grundsätzlich darf man sich Deiner Einschätzung des etwaigen „Unterschiebens“ aber nicht verschliessen. Denn es gab stets Zeiten, in denen die Kirche (vorallem natürlich die katholische Kirche des frühen Mittelalters) die Lehre des Herrn Jesu gerne zu ihren Zwecken auslegte und mithin veränderte. Vor Gott ein sträflicher Umstand, wie es uns die Offenbarung des Johannes erklärt. Ich versuche stets, wenn ich mich mit derartigen Fragen konfrontiere, einen Abgleich zwischen „Lutherbibel“ und der „Jerusalemer Bibel“ zu fahren.

Es würde mich aber freuen, wenn Du mir einmal beschreiben könntest, welcher Teil der Bergprädigt Dir besonders negativ erscheint, und ich könnte dann versuchen, Dir exemplarisch eine Auslegung bereitzustellen, die für Dich dann vielleicht ganz anders klingt, als das ursprüngliche Gleichnis.

Mit freundlichen Grüßen

Mike

Lieber Mike,
Dank Dir für Deine ausführliche Antwort.
Ich finde z.B. den Satz „wer einen anderen als Narren bezeichnet, der ist des höllischen Feuers schuldig“ unglaublich aggressiv. Jedes Kind streitet jeden Tag mit einem anderen, wobei die gegenseitigen Titulierungen und Ausdrücke nicht eben zimperlich sind. Und der Jesus, der gesagt haben soll „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ wird sie ja kaum wegen dieser kleinen Schlagabtausche in den Höllenschlund wünschen, denke ich mal.
Das führt mich auch grundsätzlich zu der Frage, ob nicht innerhalb der (christlichen u. auch anderen) Religionen nach wie vor mit sehr aggressiven Einschüchterungen gearbeitet wird. Ich denke z.B. an die sogenannten Todsünden, die mir alle recht harmlos, ja nachgerade menschlich, allzu-menschlich vorkommen. Wer z.B. wäre noch nie von GIER oder von NEID geplagt gewesen? Das Ideal des Heiligen scheint mir ein zu hoch gehängtes. Das alles könnte man jetzt natürlich auch noch sehr viel ritischer, nämlich politisch sehen. Aber soweit wollte ich erst einmal garnicht gehen; ich wollte ursprünglich (zumindest als jüngerer Mensch) diese Bibelstellen eigentlich ernst nehmen - jetzt muss ich sie wohl mal ernsthaft unter die Lupe nehmen.
Auf weitere Erläuterungen und Bibel-Vergleiche hoffend grüße ich Dich - bis dann - Branden

Salü Branden

Ich möchte mich nicht in tiefgründige theologische Diskussionen einmischen, aber bitte doch, zu bedenken:
Jesus ist als Gottes Sohn Mensch geworden, und hat als solcher auch als Mensch gehandelt (siehe Tempelaustreibung der Händler und Geldwechsler). Daher kann er auch Zorn zeigen.
Er hat den neuen Bund geschlossen zwischen Gott und den Menschen. Aus einem allmächtigen, die Masse strafenden Herrgott wurde ein das Individium liebender, gnädiger Erlöser. Die Seligpreisungen der Bergpredigt zeigen den Weg, dieses Kind Gottes zu sein. Als Bestätigung und nicht als Belohnung für besonderes Verhalten.
Wünsche eine gute Nacht.

Ich finde z.B. den Satz „wer einen anderen als Narren
bezeichnet, der ist des höllischen Feuers schuldig“
unglaublich aggressiv.

Hallo, Branden,
Du meinst hier Matth. 5.22 ff
Damit wir wissen wovon wir sprechen, hier das Zitat:
[5.22] Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

Ich kann nicht finden, dass das so aggressiv klingt. Hier wird die Bedeutung des Gebotes der Versöhnung, der Nächstenliebe präzisiert.
Wir dürfen auch den Worten „Nichtsnutz“, „Narr“ nicht unbedingt unsere heutige Bedeutung hinterlegen. Vielleicht kann uns ein Kundiger das hier verwendete Wort (Racha) übersetzen und erläutern. Das Verwerfliche liegt in der Herabwürdigung des Mitmenschen. Die angedrohten Strafen mögen uns heute drastisch erscheinen, Aber vor dem Hintergrund öffentlich abgehaltener Hinrichtungen wegen Hühnerdiebstahls zur damaligen (Luthers) Zeit sind sie geradezu human!

Grüße
Eckard.

Hallo Branden,

dieser von Dir beschriebene Satz macht natürlich hellhörig. Er wurde sicherlich so - oder ähnlich - von Jesus gesagt und von den Aposteln aufgeschrieben. Wichtig ist bei der „Bibelzerlegung“ immer, dass man darauf achtet, dass die Apostel - um Gegensatz zu Jesus - unvollkommen waren. Jesus hat uns mit seinen Gleichnissen göttliches Wort hinterlassen und ein göttliches Wort vollbracht. Nicht ganz zu unrecht sage ich gern: „Gottes Wort und Werk in des Menschen Ohr und Hand…das kann eigentlich nur schiefgehen.“ :wink:

Um die Kinder brauchst Du Dir dabei gar keine Sorgen machen. Das schlimmste Kind ist dem Herrn das liebste Kind.

Aber ich denke auch daran, dass Jesus im Prinzip überall sagt, dass jedem alles vergeben wird, wenn er Vergebung sucht (lediglich einmalig sagt er dass es nicht zu einer Vergebung kommen kann, als er von der Beleidigung des Heiligen Geistes spricht). Und zwar nicht Vergebung nach dem Verstand (auf dem Totenbett nochmal schnell beten), sondern Vergebung nach dem Herzen im Glauben an das Erlösungswerk. Und nichts ist bei Gott für immer verloren. Denkst Du z. B. an die Tage Deiner Kindheit zurück, so ist es auch Dir sicherlich vorgekommen, dass Deine Eltern Dir gewissen Umstände angedroht haben, wenn Du dies oder das tust oder es nicht tust. Manchmal kam es Dir dabei ungerecht oder fies vor. Das aber eben nur, weil Du den „höheren“ Sinn nicht verstanden hast. Ich z. B. habe jetzt Verständnis dafür, dass meine Eltern erheblich meinem jugendlichen Nikotingenuss mit empfindlichen Strafen entgegenwirkten. Ich war damals darüber oft stinksauer und dachte, ich hätte ein Anrecht aufs Rauchen, weil die anderen Jugendlichen es ja auch taten. Jetzt kann ich meine Eltern gut verstehen, weil ich weiss, was das Rauchen anrichten kann.

So ist es mit dem Herrn auch. Er droht uns eine bestimmte Strafe an, wenn wir ein Fehlverhalten begehen. Aber er sagt von sich selbst, dass er ein barmherziger Gott ist. Das heisst, er wird uns vergeben, wenn wir seine Vergebung suchen. Obwohl wir seinen eingeborenen Sohn verspottet, gequält und gemordet haben, hat er uns vergeben, weil er uns liebt. Wir haben in Jesus selbst einen mächtigen Fürsprecher, wenn wir erkennen, dass er für unsere Sünden, die wir gestern begangen haben und heute wie morgen begehen werden, am Kreuz von Golgatha gestorben ist.

Weisst Du, lieber Branden, insbesondere aber sollten wir Abstand davon nehmen, immer zu denken, dass eine Strafe „von Gott“ einer irdischen Strafe ähnlich ist. Da Du sich selbst mit der Psychologie beschäftigst, wirst Du wissen, dass manche Menschen sich bestimmte Fehler nicht vergeben können. Vielleicht hast Du mal einem anderen Menschen Unrecht getan und Du wirst den Gedanken an Deine Schuld nicht los. Es belastet Dich Tage, Monate, Jahre. Bei einigen Menschen ist es gar so schlimm, dass derartige (oder ähnliche oder andere) Fehler ihr ganzes Dasein belasten und sie in ein tiefes Loch reissen. Der Absturz. Einige von diesen Menschen verinnerlichen diese Fehler so sehr, dass sie anfangen, es sich in ihrem „Loch“ bequem zu machen, gar nicht mehr erkennen (oder erkennen wollen), wie schlecht es Ihnen geht und wollen gar nicht mehr aus ihrem Loch heraus oder finden einfach keinen Ausweg mehr und sagen sich daher, dass es leichter ist, sich in einer solch miesen Umgebung einfach einzurichten. Ohne Hilfe kommen sie da nicht raus.

Und ich denke, so wird es auf der anderen Seite sein. Es wird vor dem Tag der Tage dieser Welt kein Richter kommen und sagen: „Du bist schlecht, aber Dein Nachbar war gut.“ Nein. Vielmehr denke ich, dass wir hier in dieser Welt noch einer Wahrnehmungstrübung unterliegen (weshalb wir auch Gottes Ratschluss nur schwer verstehen können). Fällt aber diese Wahrnehmungstrübung weg, so wird uns unser seelisches Elend umso stärker bewusst. Wir sehen uns in einem tiefen, dunklen Loch. Unser Seelenzustand wird sich auf unsere Umgebung reflektieren. Für viele wird dann die innere Dunkelheit und Kälte zur räumlichen Umgebung. Ist es nicht auch in dieser Welt vielfach so? Haben wir böses im Sinn, suchen wir uns eine Umgebung, in der wir diese Bosheit ausleben können. Eine sozusagen eigene kleine Hölle. Der Weg durchs Feuer, welches in vielen anderen Religionen als Energie der Reinigung und Erneuerung betrachtet wird, steht bevor, um die Seele vielleicht von Schmutz und Unrat zu befreien, um dem Feuer die Schlechtigkeiten zu übergeben, welches sie für immer verbrennt (wem Gott einmal vergeben hat, dem ist für immer vergeben). Und dass es eine Qual werden könnte, ist sicherlich klar. Denn ziehe Deine Hand aus dem Schnee und lasse warmes Wasser darüber laufen…es tut tierisch weh, Du denkst, Du verbrühst Deine Hand, es brennt wie Feuer. Aber in Wirklichkeit ist es nur eine wohlige Wärme, die in Dich einzieht. Doch Deine Hand war nur noch die Kälte gewohnt. Ähnlich stelle ich mir diese „Hölle“ vor. Jemand landet nach seinem Tod in seiner persönlich durch ihn entwickelten Hölle. Er fühlt sich dort wohl und unwohl zugleich. Der Weg der Reinigung, der Abstreifung dessen, was wir so oberflächlich als „Sünden“ bezeichnen, erscheint ihm schwer, denn er müsste die „Hand aus dem Schnee ziehen“ und – Du weisst schon…er lässt sie lieber drin, denn die Wärme könnte noch schmerzhafter sein.

Somit denke ich, dass das, was Jesus in diesem von Dir bezeichneten Gleichnis beschrieben hat, gar nicht so boshaft und ungerecht ist, sondern lediglich ein Hinweis darauf, dass wir mit der Kränkung eines anderen Menschen unsere Seele beschweren, die diese Last wieder loswerden muss, um irgendwann in höhere „Sphären“ gelangen zu können. Der Weg durch das Feuer ist ein Gleichnis. Es bedeutet, dass die Seele versuchen wird, sich von selbst der kleinsten Ungerechtigkeit zu befreien und dass sowas schwer sein kann. Und dass Gott nur reine Seelen an sich heranlässt, steht ihm meines Erachtens nach auch zu. Gleichzeitig aber zeigt uns Gott in Jesus, dass Gott selbst die „unreinen“ Seelen kennt, sie liebt und sie nicht vergisst. Denke nur daran, was David in den Psalmen darüber sagt, wo Gott ihn überall findet und erreicht.
Aber Gott will auch, dass wir seinem Sohn ähnlich werden. Und sowas bekommen wir sicherlich nicht auch noch geschenkt. Dafür gibt es eben den steinigen Weg der Erkenntnis und Selbsterkenntnis. So wie es für den Jugendlichen schwer zu erkennen ist, warum andere Jugendliche rauchen dürfen, er selbst aber nicht.

Damit steht dieser Teil der Bergpredigt nicht im Gegensatz zu der von Jesus ansonsten gepredigten Gnade des Herrn. Nein, ganz im Gegenteil. Jesus sagt damit, dass uns in Ewigkeit alle Chancen offen bleiben, aber dass unsere Seele nach den höheren „Sphären“ strebt und ihre Erwärmung und Reinigung jedoch oft als Qual betrachtet.

Und an dieser Stelle wird meine Bewertung, wie ich meine, schlüssig: „…der wird des höllischen Feuers schuldig.“. Ich habe gegenüber dem Feuer eine Schuldigkeit. Ich muss etwas an dieses Feuer abtreten. Ich habe ihm meine „Sünde“ zu übergeben, die in ihm auf ewig verbrannt wird, was aber für mich vielleicht nicht unbedingt schön ist, denn ich habe meine Hand aus dem Schnee zu ziehen. Aber es steht uns dennoch offen, uns selbst zu retten. Denn allein der Glaube herzinnigste Glaube an die Erlösung von Golgatha macht uns frei. Denn Jesus hat den Schuldschein mit unseren Sünden mit sich ans Kreuz schlagen lassen und Gott hat vergeben.

Ich denke, all das, was ich hier geschrieben habe, ist für diesen einen Teil der Bergpredigt von Bedeutung, um das Gleichnis zu erklären. Hierin sieht man wieder die Unvollkommenheit des Menschen, der Seiten damit füllt, was der Herr in einem Satz sagt.

Viele Grüsse
Mike

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Hallo Mike, Eckhart, Robert,
danke für Eure Stellungnahmen zur Bergpredigt. Ich vestehe, dass es ein Stück weit relativiert bzw. in der damaligen Zeit gesehen werden sollte. Vielleicht ist auch das Temperament des etwa 30jährigen Jesus von Nazareth eben das eines feurigen Revolutionärs. Ich denke drüber nach.
Es grüßt Euch zu später Stunde:
Branden

Lieber Branden

Ich denke z.B. an die sogenannten Todsünden, die mir
alle recht harmlos, ja nachgerade menschlich, allzu-menschlich
vorkommen. Wer z.B. wäre noch nie von GIER oder von NEID
geplagt gewesen?

Ich denke diese Worte sagen 2 Sachen aus:

  1. Ein Lebensstil mit einem oder mehreren Todsünden nehmen wir als Bsp mal Gier ist wirklich etwas schreckliches. Stell Dir ein wirklich gieriger Mensch vor, nicht Einer der einmal in einer bestimmtên Situation gierig war, sondern der als Typ einfach gierig ist. Diese Gier bestimmt sein ganzes Leben und ein ganzes Leben und das in in seiner Umfeld wird dadurch verpfuscht. Das gleiche gilt für die anderen Todsünden
  2. Wenn wir gemäss Bibel Busse tun, dh unsere Sünden erkennen, bekennen und Jesus um Vergebung bitten, dann wird er uns vergeben (können), da er diese Schuld schon bezahlt hat am Kreuz.
    Mit anderen Worten die Sünde ist ausgelöscht, auch eine Todsünde. Und eine Ausgelöschte Sünde hat keine Auswirkungen mehr auf den Verursacher, wir „sind reingewaschen“ wie es in der Bibel heisst.

Das Ideal des Heiligen scheint mir ein zu

hoch gehängtes.

Wie Du es schaon schreibst, es ist ein Ideal, welches wir als Menschen zwar anstreben können, aber nie erreichen können. Bei manchen Religionen ist genau das das Problem, welches ein echter Christ nicht hat, da er ja unperfekt sein darf, Fehler etc machen darf, wegen der Vergebung (obiger Pkt 2). DAS ist der grosse Unterschied zu anderen Glaubensrichtungen, ein Christ muss sein Heil nicht mit guten Taten etc erarbeiten, da er Erlösung und Gnade durch den Tod Jesus Christus hat.

Gruss
Beat

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