Übersetzung allgemein - Stilfrage

Hi Forum,

mir fallen immer wieder freie Übersetzungen auf, die sich ziemlich vom Original
entfernen. Wie seht ihr dieses Beispiel hier? Sinngemäß ist die Sache klar, doch wie sieht es mit dem Stil aus, darf der Übersetzer mit dem Rotstift hingehen und doppelt Gemoppeltes einfach streichen?

Original:
L schloss sich einer Elitegruppe von Söldnern an. Nach jahrelangen triumphalen Siegeszügen geriet die Elitegruppe in eine Falle; L konnte als einziger Überlebender entkommen.

Übersetzung:
L schloss sich einer Elitegruppe von Söldnern an. Schließlich geriet die Elitegruppe in eine Falle; L konnte als einziger Überlebender entkommen.

Der Einfachheit halber, hab ich den Text beide Male auf Deutsch geschrieben. Über eure Meinung zu dem Thema würde ich mich
freuen.

Grüße
Sprite

Hallo Sprite,

es gibt tatsächlich viele Übersetzungen, die sich sehr weit vom Original entfernen - manchmal zu weit, wie ich finde.

Mit „Stil“ hat die Veränderung in deinem Satz aber wohl nichts zu tun. Ich denke eher, dass es sich hier um ein kulturelles Problem handelt. Mit anderen Worten: Es ist in dem Land, in dem die Übersetzung erscheinen soll, vielleicht nicht angemessen, von „jahrelang triumphalen Siegeszügen“ jener Söldner zu sprechen. Vielleicht waren nämlich die Leser der Übersetzung in diesem Fall die Besiegten, und finden das gar nicht komisch, wenn von den Eroberern nun plötzlich in diesem Tonfall gesprochen wird …

Schöne Grüße

Petra

Servus,

es wäre interessant zu wissen, um was für einen Text es hier geht. Möglicherweise ist er aus welchem Grund auch immer so billig wie möglich beauftragt worden. Eine Grundregel ist, dass man einen Begriff, der sich partout nicht recherchieren lässt, lieber nicht als falsch wiedergeben sollte.

Wenn nun aus Gründen der „Kostenoptimierung“ der Text z.B. einem Übersetzer in Almaty gegeben worden ist, der zu Zeilenpreisen von unter fünf Cent aus zwanzig in fünfzehn Sprachen übersetzt, von denen er keine einzige muttersprachlich beherrscht, greift die genannte Grundregel eben schon auf einem ziemlich tiefen Niveau.

In der Tat ist der gegebene Begriff (wie heißt er eigentlich im Original und in welcher Sprache) nicht mal eben so aus der Lamäng deutsch wiederzugeben. Kann also bei entsprechenden Zeilenpreisen auch eine Frage der verfügbaren Zeit sein.

Aber eine Stilfrage ists im gegebenen Zusammenhang nicht.

In der Tat gibt es auch in ganz oder weitgehend sachlichen Texten Stilfragen, die zu erheblichen Abweichungen von einer Übersetzung Wort für Wort führen. Kürzlich ist mir etwa ein Text von einem französischen Hersteller für Stadtmöblierung begegnet, der sich primär an kommunale Beschaffungsstellen richtet, und in dem im Zusammenhang mit den Produkten von „esprit citoyen“ die Rede ist. Wenn ein Übersetzer den Begriff in diesem Text wörtlich richtig mit „bürgerlich revolutionärem Geist“ übersetzte, bekäme er das Ergebnis mit Recht um die Ohren gehauen.

Im vorgelegten Text kann es außerhalb des Stils gute Gründe für die Verkürzung des Textes geben. Die kann man aber aus dem einen einzelnen Satz heraus nicht beurteilen, man müsste dazu alles wissen, von Autor über Textsorte, vollständigen Inhalt, Auftraggeber, Zielgruppe/Leserschaft bis zu den Vertriebswegen des Produktes.

Schöne Grüße

MM

Hallo Martin,

„Hersteller für Stadtmöblierung“ - Du solltest dich schämen! :wink:)

Grüße
Pit

Hallo,

Sprite!

Geht es wirklich in erster Linie um den Stil?
Die Frage ist doch:
Da sind eine Ausgangssprache (aus der) und eine Zielsprache (in die übersetzt wird).
Der Übersetzer muss sich im Klaren sein, an welche Adressaten er sich wendet:
Leute, …
… die den Inhalt flüssig lesen wollen (-> Übertragung in die Zielsprache, als wäre es das Original);
… die wissen möchten, welche Denk- und Satzstrukturen das Original aufweist (-> möglichst große Nähe zur Ausgangssprache: in Formulierungen, Satzkonstruktionen usw.).
Im ersten Fall ist das Extrem ein flüssig zu lesender Text (obwohl das Original u. U. schwer oder schwerfällig ist);
im zweiten Fall ist das Extrem eine Interlinearversion, in der gewissermaßen über jedem Wort des Originals die Übersetzung steht, aber den Satzbau muss man beim Lesen erst noch nachvollziehen.
Je ferner uns eine Sprache ist, umso mehr ist das beim Übersetzen zu bedenken.
(Ich habe in Klausuren im Leistungskurs Latein wiederholt als Aufgabe gestellt, mehrere Übersetzungen eines Textabschnitts unter dem Gesichtspunkt „Abstand zur Ausgangsspreche“ zu ordnen.)
Schöne Grüße!
Hannes

Servus Pit,

daran bin ich nicht schuld - das war schon! (möglicherweise ist der Begriff von den Brüdern Decaux nach D eingeschleppt worden)

Schöne Grüße

MM

Nach jahrelangen triumphalen Siegeszügen

Hi

Was hat das mit Stil zu tun, wenn eine ganze Wortgruppe einfach ausgelassen wurde? Nichts. Das hat eher mit Politik zu tun. Offenbar ist der Text ideologisch dem Publikum angepaßt worden.

Gruß
d.

Servus Data,

das ist eine Möglichkeit von vielen.

Schöne Grüße

MM

Hi Martin,

es wäre interessant zu wissen, um was für einen Text es hier
geht. Möglicherweise ist er aus welchem Grund auch immer so
billig wie möglich beauftragt worden. Eine Grundregel ist,
dass man einen Begriff, der sich partout nicht recherchieren
lässt, lieber nicht als falsch wiedergeben sollte.

Nach den vielen Reaktionen hier im Forum, die eine Kuerzung aus ideologischen Gruenden vermuten, faellt mir nun auch auf, dass der Kontext fehlt :wink:
Es handelt sich um die Synopsis eines Spieles. Der Text ist zu Werbezwecken gedacht.

Wenn nun aus Gründen der „Kostenoptimierung“ der Text z.B.
einem Übersetzer in Almaty gegeben worden ist, der zu
Zeilenpreisen von unter fünf Cent aus zwanzig in fünfzehn
Sprachen übersetzt, von denen er keine einzige
muttersprachlich beherrscht, greift die genannte Grundregel
eben schon auf einem ziemlich tiefen Niveau.

Die Kostenoptimierung spielt hier gewiss eine Rolle, zumindest ist mir in der Vergangenheit schon oefter die Schlampigkeit dieses speziellen Uebersetzers aufgefallen, der es oft nicht fuer noetig haelt, seine Texte auf Rechtschreibfehler hin zu ueberpruefen.

In der Tat ist der gegebene Begriff (wie heißt er eigentlich
im Original und in welcher Sprache) nicht mal eben so aus der
Lamäng deutsch wiederzugeben. Kann also bei entsprechenden
Zeilenpreisen auch eine Frage der verfügbaren Zeit sein.

Ich hab den genauen Text gerade selbst nicht vorliegen, die Uebersetzung ist vom Englischen ins Deutsche.

Aber eine Stilfrage ists im gegebenen Zusammenhang nicht.

In der Tat gibt es auch in ganz oder weitgehend sachlichen
Texten Stilfragen, die zu erheblichen Abweichungen von einer
Übersetzung Wort für Wort führen. Kürzlich ist mir etwa ein
Text von einem französischen Hersteller für Stadtmöblierung
begegnet, der sich primär an kommunale Beschaffungsstellen
richtet, und in dem im Zusammenhang mit den Produkten von
„esprit citoyen“ die Rede ist. Wenn ein Übersetzer den Begriff
in diesem Text wörtlich richtig mit „bürgerlich revolutionärem
Geist“ übersetzte, bekäme er das Ergebnis mit Recht um die
Ohren gehauen.

Schoenes Beispiel.
Ich habe die Frage ins Forum gestellt, weil ich immer mit den deutschen Uebersetzungen Aerger habe, ich vergleiche, was die Franzosen, Spanier und Italiener geschrieben haben, damit ich mir ein Bild darueber verschaffen kann, welche Spracheigenheiten eventuell nicht so einfach zu uebertragen sind. Genauer gesagt bin ich am ueberlegen, ob der Mensch einen Rueffel verdient oder nicht, obwohl die Orthographie hier gestimmt hat.

Im vorgelegten Text kann es außerhalb des Stils gute Gründe
für die Verkürzung des Textes geben. Die kann man aber aus dem
einen einzelnen Satz heraus nicht beurteilen, man müsste dazu
alles wissen, von Autor über Textsorte, vollständigen Inhalt,
Auftraggeber, Zielgruppe/Leserschaft bis zu den Vertriebswegen
des Produktes.

Der Originaltext ist nicht gerade brilliant geschrieben, von daher kann ich es verstehen, wenn ein Uebersetzer sich sagt, „Wie oft denn noch, da muss der Rotstift ran!“ Auf der anderen Seite haben die Texter versucht, wenig Information in viel Text zu stecken, damit die Website ein wenig voller wird. Die Website ist fuer die Fangemeinde dieses Spiels gedacht und soll beim Durchklicken die Atmosphaere des Spiels vermitteln. Die Zielgruppe ist ca. 18 bis 40 Jahre alt.

LG
Sprite

Hi Hannes,

… die den Inhalt flüssig lesen wollen (-> Übertragung in
die Zielsprache, als wäre es das Original);
… die wissen möchten, welche Denk- und Satzstrukturen das
Original aufweist (-> möglichst große Nähe zur
Ausgangssprache: in Formulierungen, Satzkonstruktionen usw.).

Gut, dass du das Stichwort Satzkonstruktionen erwaehnst; der Lesbarkeit wegen kann es Sinn machen, einen Satz zu splitten, und die gegebenen Informationen in die umliegenden Saetze einzufuegen. Dann faellt keine Information unter den Tisch und ich kann entspannt den Text lesen. Wenn mir jetzt bloss ein Bespiel einfiele…

Bei meinem Ausgangsbeispiel bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll, dass ein Stueck fehlt. Haette ich die Textversionen in anderen Sprachen nicht gesehen, wuerde mir inhaltlich nichts fehlen, der Text liest sich fluessig genug, von daher ist die Uebersetzung ok. Nur das eine Stueckchen fehlt.

Im ersten Fall ist das Extrem ein flüssig zu lesender Text
(obwohl das Original u. U. schwer oder schwerfällig ist);

Muesste man hier nicht die Schwerfaelligkeit mituebertragen?
Ich meine, wenn ein Text im Original schwer zugaenglich ist, sollte man doch nicht die Uebersetzung lesen muessen, um den Text leichter zu verstehen. Oder ist dies so ueblich!?

im zweiten Fall ist das Extrem eine Interlinearversion, in der
gewissermaßen über jedem Wort des Originals die Übersetzung
steht, aber den Satzbau muss man beim Lesen erst noch
nachvollziehen.
Je ferner uns eine Sprache ist, umso mehr ist das beim
Übersetzen zu bedenken.
(Ich habe in Klausuren im Leistungskurs Latein wiederholt als
Aufgabe gestellt, mehrere Übersetzungen eines Textabschnitts
unter dem Gesichtspunkt „Abstand zur Ausgangsspreche“ zu
ordnen.)

Das klingt sehr spannend, diskutiert ihr auch wie es zu der Einordnung kam?

LG
Sprite

Hallo!

der
Lesbarkeit wegen kann es Sinn machen, einen Satz zu splitten,
und die gegebenen Informationen in die umliegenden Saetze
einzufuegen. Dann faellt keine Information unter den Tisch und
ich kann entspannt den Text lesen. Wenn mir jetzt bloss ein
Bespiel einfiele…

Das ist z. B. bei Übersetzungen aus Griechisch und Latein üblich, wenn sie sich an Leser wenden, die inhaltlich, aber nicht philologisch interessiert sind. Die durch viele Partizip-Konstruktionen inhaltlich sehr „vollen“ Sätze bei Aristoteles werden für gewöhnlich so übersetzt.

Im ersten Fall ist das Extrem ein flüssig zu lesender Text
(obwohl das Original u. U. schwer oder schwerfällig ist);

Muesste man hier nicht die Schwerfaelligkeit mituebertragen?
Ich meine, wenn ein Text im Original schwer zugaenglich ist,
sollte man doch nicht die Uebersetzung lesen muessen, um den
Text leichter zu verstehen. Oder ist dies so ueblich!?

Immer unter dem Gesichtspunkt: Für welche Leute übersetze ich. Sicher gibt es auch Unterschiede, die in der Textgattung liegen: Mit einem wissenschaftlichen Werk wird man anders verfahren als mit Literatur, in der eben der Stil vom Inhalt gar nicht zu trennen ist.

(Ich habe in Klausuren im Leistungskurs Latein wiederholt als
Aufgabe gestellt, mehrere Übersetzungen eines Textabschnitts
unter dem Gesichtspunkt „Abstand zur Ausgangsspreche“ zu
ordnen.)

Das klingt sehr spannend, diskutiert ihr auch wie es zu der
Einordnung kam?

Ich muss das ja schon bei der Korrektur und Bewertung auf der einzelnen Arbeit begründen, um nicht nur Anstreicher zu sein.
Natürlich diskutieren wir das auch; denn die Kriterien haben wir uns ja vorher im Unterricht erarbeitet (Lehrplanforderung: Vergleich unterschiedlicher Übersetzungen).
Schöne Grüße!
Hannes