Übersetzung lateinischer Satz

Hallo zusammen,

ich suche schon ein Weilchen herum, wie ich den lateinischen Satz „Ceterum censeo societatem civilem esse delendam“ übersetzen könnte.
Vielleicht kann mir ja ein Crack von euch dabei behilflich sein?

Schönen Gruß

Frau Kant

Hallo Frau Kant,

wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen missglückten Versuch, den deutschen Satz „Im übrigen bin ich der Meinung, dass die bürgerliche Gesellschaft zerstört werden muss“ ins Latein zu übertragen. Dieser im Deutschen ein bissel abgedroschene, aber immerhin einen Sinn ergebende Satz wird im Lateinischen sinnlos, weil es eine „bürgerliche Gesellschaft“ mitsamt dem zugehörigen Begriff in der Antike nicht gegeben hat. Die Verwechslung beruht auf dem römischen cives = (mit entsprechenden Rechten ausgestatteter) Bürger und dem Bourgeois des 19. Jahrhunderts. Im Französischen wäre die Unterscheidung etwa citoyen vs. bourgeois, im Deutschen sinds halt beides Bürger.

Volksgemeinschaft ist im Deutschen wohl kein geeigneter Begriff, das würde mitsamt dem Haut-Goût von Blut und Boden, der an diesem Begriff hängt, in Richtung gens oder tribus gehen.

Wenn dieser deutsche Satz gemeint sein sollte, sehe ich keine Möglichkeit, ihn im Lateinischen adäquat wiederzugeben.

Das lateinische Original ist, wie Du wohl eh weißt, von Cato und bezieht sich auf Carthago.

Schöne Grüße

MM

Hallo Martin,

ich habe gerade überlegt, dass man es in der Antike vielleicht mit „res publica“
verstanden hätte, wenn man den Begriff recht frei als „öffentliche Ordnung“
ansieht und den dann auch wieder relativ weit fasst?

So long
Christian

Vielen, vielen Dank, Martin! (owT)
.

Auch hallo,

„Ceterum censeo societatem civilem esse delendam“

Eine Übersetzung hast du ja schon. Aber die eigentliche Aussage steckt ja wohl in der Abwandlung des Satzes „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“, den der ältere Cato regelmäßig am Ende jeder Senatssitzung (oder welches Gremium das auch immer gerade war) gesagt haben soll. Na ja, Karthago wurde dann ja auch plattgemacht.

Den Kontext kenne ich nicht, aber es klingt ein bisschen so, als würde ein Linker in polemischer Absicht einem Rechten unterstellen, er wolle die Gesellschaft plattmachen. In diesem modernen Zusammenhang könnte man da wahrscheinlich auch „Zivilgesellschaft“ für die Neuprägung „societas civilis“ sagen.

Gruß,

Beate

Servus Beate,

wenn man das interpretieren will, ist es sicherlich nützlich, ein wenig in den ollen Kamellen zu kramen:

Die Begriffe „Links“ und „Rechts“ wurden spätestens seit Mitte der 1970er Jahre in Westdeutschland genauso verblasen verwendet wie heute. Der Unterschied im Zeitgeist liegt wohl darin, daß es ab ca. 1970 bis ca. 1985 in den meisten Subkulturen von mehr oder weniger intellektuellen Jugendlichen ein „must“ war, „irgendwie links“, furchtbar systemkritisch, revolutionär und gefährlich zu sein.

Dazu gehört, daß man sich des Abends in der Schänke in Verbalradikalismen nach Kräften überbot, und sehr wichtig dabei war, daß man für das leere Bankkonto, den Liebeskummer, das schlechte Vordiplom, den kaputten Anlasser und werweißwasnoch das „bürgerliche System“ verantwortlich machen musste. Daraus ergibt sich auf dem Weg über weitere eher rhetorische als logische Akrobatik, daß die einzige Heilung für den Liebeskummer und die übrigen anstehenden Probleme die restlose Zerstörung des „Bagno“ der bürgerlichen Gesellschaft ist: „Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler“ gehört in diese Kante.

Der Refrain „Der bürgerliche Staat muss weg, damit ein richtiges (glückliches, gutes etc.) Leben überhaupt erst möglich wird“ kann mit der diskutierten Cato-Leihgabe formuliert werden.

Daß „Linke“ - was immer das auch sein mag - sich zu tragenden Stützen der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt haben, folgte erst später - vgl. das Büchlein von Ossi Metzger, mit dem er die Grundlagen des Neoliberalismus bei den Grünen populär machen wollte … wenn ich im Kontrast dazu ein bissel davon zitiere, was er als Autor in der Schussenrieder Szenezeitung „Dr Motzer“ in den 1970er Jahren geschrieben hat, bekomm ich von ihm sicher postwendend eine Abmahnung zugestellt. Zu diesem Zeitpunkt warn wir nämlich alle wütende Anarchisteriche, und das größte Kompliment war, wenn man von einem Vertreter des „Systems“ als „Sympathisant“ bezeichnet wurde.

Von der Diktion her gehört der lateinische Satz, von dem wir herkommen, klar in diesen Kontext.

Soviel zum Thema „links“, „rechts“ und Beseitigung des „bürgerlichen Systems“.

Schöne Grüße

MM

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Hallo Christian,

„res publica“: Auffassung des Staatswesens als (wörtlich) „öffentliches Gut“ = die Angelegenheit von allen zusammen, zumindest denjenigen, die im Genuss römischen Bürgerechtes sind, ist halt auch wieder ein wenigstens neutraler, tendenziell positiv wertender (beim Römer im Kontrast zum überwundenen Königtum und der gefürchteten Tyrannis) Begriff.

In dem vorgelegten Sätzlein, bin ich sicher, ist der Begriff „bürgerlicher Staat“ im Sinn seiner politisch-ökonomisch orientierten Kritiker seit dem 19. Jahrhundert verwendet: Das bürgerliche Staatswesen als politisch-ideologische Manifestation des dekadenten, zum Absterben verurteilten Kapitalismus - das man bloß noch vollends abräumen muss, damit die Sonn’ ohn’ Unterlass scheint…

Es dürfte hierfür schon einen Begriff im neuen Latein geben, zumal Jesuiten die letzten sind, die eine Diskussion mit einem gestandenen Revolutionarius scheuen täten. Ich habe allerdings keine Vorstellung davon, wie man diesen konstruieren müsste.

Vieles an modernen lateinischen Begriffen ist durch Vergleich des aktuellen Sprachgebrauches in den romanischen Sprachen entwickelt worden. Wenn man auf diese Weise einen geeigneten Begriff finden wollte, läge es nahe, von „Bourgeois“ auszugehen. Das klappt aber nicht, weil dieser von „le bourg“ eine germanische Wurzel enthält.

Schöne Grüße

MM