Übersetzung von Gedichten - Rilke/Baudelair

Hallo,

ich frage mich gerade welchen Sinn macht eigentlich das Übersetzen von Gedichten ins Deutsche? Ist das nicht schon eine Form der Interpretation? Kann man damit überhaupt ein Gedicht so erfahren wie es vom Autor erdacht wurde?
Ist das nicht irgendwo wie den Geschmack von Bananen durch das trinken von „Kaba fix Banane“ erfahren zu wollen?

Gut mir fallen ein paar positve Beispiele ein, wie „How Fortunate The Man With None“ aber da stammen nehm ich mal an die dt. und engl. Fassung von Brecht selbst. Beide Fassungen haben ja ihren eigenen Reiz. Die engl. Übersetzungen von Rilke Gedichten gefallen mir auch sehr http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00006ZY6W , ich weiss leider nicht sehr viel über ihn - nur das er auch Gedichte in franz. geschrieben hat. Konnte er auch Englisch und hat er seine Gedichte selber übersetzt bzw. Einfluss auf die Übersetzung ?

Was mich zu der ganzen Frage überhaupt bringt, ist ein Gedicht von Baudelair aus den Blumen des Bösen. Ich habe da zwei Übersetzungen gefunden die sich im letzten Teil sehr stark unterscheiden.

Die Katze

_Komm, schöne Katze, an mein Herz,
Doch ziehe ein, die scharfen Klauen;
Lass mich in deine Augen schauen,
In Augen aus Achat und Erz.

Wenn ich dich dann geruhsam streichle,
Am Kopf und auf dem schlanken Rücken,
So bebt die Hand mir vor Entzücken,
Auf dass ich dich noch mehr umschmeichle.

Im Geiste seh’ ich die Frau in dir;
Ihr Blick gleicht deinem, liebes Tier.
Er geht mir weh durch Mark und Bein.
Vom Fuß zum Haupte hüllt dich ein
Ein feiner Hauch; gefährlich, schnell
Entströmt er deinem braunen Fell._
http://www.wortkunstwerke.de/katzen.htm

Die Katze

_Kommt an mein Herz, mein schönes Katzentier;
Zieh ein der Tatze Krallen,
Gönn einen Blick in deine Augen mir, Achatgesprenkelt und metallen

Wenn meine Finger müßig deinen Rücken
Und über Kopf dir streicheln,
Wenn meine Hand berauscht ist vom Entzücken,
Dem Leib, der sprüht, zu schmeicheln,

Seh ich im Geiste meine Frau. Sie blickt
Wie du, mein liebenswertes Tier,
So kalt und tief, als ob sie Dolche zückt,

Von Kopf bis Fuß entströmt ihr
Ein feiner Hauch, und Raubtierdüfte ziehn
An ihrem braunen Körper hin._
Reclam

Ich weiss nicht so recht was ich davon halten soll. Nur das ich jetzt gleich losziehe, mir die zweisprachige Reclam Ausgabe hole und mich mal etwas mit Französisch beschäftigen werde.

Gruss Jan

Hallo,

ich frage mich gerade welchen Sinn macht eigentlich das
Übersetzen von Gedichten ins Deutsche? Ist das nicht schon
eine Form der Interpretation? Kann man damit überhaupt ein
Gedicht so erfahren wie es vom Autor erdacht wurde?
Ist das nicht irgendwo wie den Geschmack von Bananen durch das
trinken von „Kaba fix Banane“ erfahren zu wollen?

Hallo Jan

Ein paar Gedanken:

Der Dichter und Philosoph José Ortega y Gasset meinte in dem Werk
„Miseria y esplendor de la traducción“ man koenne im Grunde gar
nichts uebersetzen.

Eine ideale Uebersetzung waere meiner Meinung nach so zu definieren:
Man denke sich zwei voellig gleiche Menschen, die sich nur in ihrer
Muttersprache (A und B) unterscheiden und von keiner anderen Sprache
Kenntnisse haben. Ein Text ist aus der Sprache A dann ideal in die
Sprache B uebersetzt, wenn er im Sprecher der Sprache B dieselben
Assoziationen und Gefuehle hervorruft wie im Sprecher der Sprache A.

Abgesehen davon, dass es keine zwei gleichen Menschen gibt, glaube
ich nicht, dass eine solche Uebersetzung moeglich waere. Denn schon
allein, wenn du einen Text innerhalb derselben Sprache umformulierst,
wird seine Wirkung auf denselben Menschen anders sein.

Man kann sich also nur annaehern. Dies geht umso besser, je
aehnlicher die Sprachen sind und je aehnlicher der kulturelle
Hintergrund der Leser ist. So ist es wesentlicher schwieriger vom
Chinesischen ins Norwegische als vom Schwedischen ins Norwegische zu
uebersetzen.

Sprache funktioniert nur im Zusammenhang mit menschlichem
Bewusstsein. Der Uebersetzer ist also keine passive
Uebersetzungsmaschine, sondern bringt sich nolens volens aktiv in die
Uebersetzung ein.

Und dann haengt die Uebersetzung selbstverstaendlich von der Textart
ab, womit ich zu deiner Frage komme. Eine Bedienungsanleitung oder
ein technischer Text ist relativ einfach (obwohl gerade fuer diese
Textart jedem die lustigsten Beispiele bekannt sind).
Ein Gedicht hingegen ist extrem schwer. Gerade deshalb bewundere ich
z.B. Uebersetzer von Opernlibretti: Nicht nur, dass der Inhalt
stimmen muss, sondern auch Reime und Silbenanzahl muessen uebertragen
werden.
So auch bei Gedichten. Und ganz besonders, wenn Wortspiele oder
idiomatische Wendungen auftreten. Weiterhin sind solche Dinge wie
Versmass, Rhytmus, Wortwahl (Stilebenen) u.s.w. zu beruecksichtigen,
was einen Kompromiss nach dem anderen erfordert.

Trotzdem bin ich ein Befuerworter von Uebersetzungen, denn durch sie
haben wir Zugang zu anderen Welten. Wenn es keine Uebersetzungen der
grossen russischen, griechischen, lateinischen oder sonstwelcher
Klassiker gaebe, sondern immer erst ein langes Sprachstudium noetig
waere, um Einblick in sie zu erhalten - dann stuenden wir ganz schon
engstirnig da.

P.s. Auch das Synchronisieren von Filmen ist eine schwierige Kunst
und oft sind faule Kompromisse noetig. Aber trotzdem verstehen die
meisten Menschen vom synchronisierten Film mehr als vom Film in der
Originalsprache mit Untertiteln, die natuerlich auch das
grundsaeztliche Uebersetzungsproblem haben, aber wenigstens keine
Lippensynchronitaet erfordern.

Gruss, Tychi

ich frage mich gerade welchen Sinn macht eigentlich das
Übersetzen von Gedichten ins Deutsche? Ist das nicht schon
eine Form der Interpretation?

Hallo, Jan,
dann sollte man aber auch fragen, ob nicht bereits das Lesen von Gedichten (oder jedes anderen Textes) die Intention des Verfassers interpretiert und verändert.

Nie wird ein Leser exakt die gleichen Assoziationen mit einem Text verbinden können, wie der Verfasser es tat, als er ihn schrieb.

Wenn das bereits für die gleiche Sprache gilt, um wieviel mehr für eine fremde, die, auf ganz anderen kulturellen Fundamenten ruhend, sprachliche Nuancen, Färbungen und Bilder vor einem gänzlich unterschiedlichen Hintergrund nachstellen soll.

Weil ich glaube, dass es zum Thema passt, mal seit längerem wieder ein Vers von Eugen Roth:

Gezeiten der Liebe
Ein Mensch schreibt mitternächtig tief
an die Geliebte einen Brief,
der schwül und voller Nachtgefühl.
Sie aber kriegt ihn morgenkühl,
liest gähnend ihn und wirft ihn weg.
Man sieht, der Brief verfehlt den Zweck.
Der Mensch, der nichts mehr von ihr hört,
ist seinerseits mit Recht empört
und schreibt am hellen Tag , gekränkt
und saugrob, was er von ihr denkt.
Die Liebste kriegt den Brief am Abend,
soeben sich entschlossen habend,
den Menschen dennoch zu erhören -
Der Brief muss ihren Vorsatz stören.
Nun schreibt, die Grobheit abzubitten,
der Mensch noch einen zarten dritten
und vierten, fünften, sechsten, siebten
der herzlos schweigenden Geliebten.
Doch bleibt vergeblich alle Schrift,
wenn man zuerst daneben trifft.

Du siehtst, das Problem liegt viel tiefer, weil wir eben Individuen sind, jeder mit seinem eigenen Satz an Erinnerungen, Stimmungen, Erfahrungen.

Besten Gruß
Eckard

Hallo Jan

eine Form der Interpretation?

Wenn man die Beispiele für die Katze sieht, gebe ich Dir völlig Recht. Da wurde teilweise interpretiert, und nicht Mal richtig.

Gedicht so erfahren wie es vom Autor erdacht wurde?

Glaube es ist nahezu unmöglich, da spielt vieles mit, nicht nur das Herz muss dabei sein, sondern auch die Sprache. Und wenn es sich auch noch reimen soll, ist es noch schwieriger.

Ist das nicht irgendwo wie den Geschmack von Bananen durch das
trinken von „Kaba fix Banane“ erfahren zu wollen?

lol - finde Dein Vergleich amüsant. Es hat was finde ich, doch wenn man die Sprache des Dichters nicht spricht, ist ein Hauch von Banane nicht besser als gar keine Banane??

Ich habe da zwei
Übersetzungen gefunden die sich im letzten Teil sehr stark
unterscheiden.

Mein Muttersprache ist Franz. und ich finde beide Übersetzungen wackelig, wobei aber die zweite der Sache schon näher kommt. Die Nuancen sind von grosser Bedeutung. Man spürt sie aber in beiden Versionen nicht so stark wie im Franz.

Beide fangen schon falsch an…es geht um ein verliebtes Herz, was sehr wichtig für die Steigerung des Textes ist finde ich. Weiter unten ist der Körper „elektrisch“, auch aus gutem Grunde, er sieht SEINE Frau nicht irgendeine (im 1. falsch).

Die Nuancen sind von Bedeutung, und man spürt sie in diesen Versionen nicht.

ich jetzt gleich losziehe, mir die zweisprachige Reclam
Ausgabe hole und mich mal etwas mit Französisch beschäftigen

sehr gute Idee. Viel Spass dabei…et bonne chance
Gruss
Cabochon