Besserungschancen? 1.ein bisschen 2.ziemlich viel
Hallo Karsten,
Erfahrungsberichte? Kann ich dir von zwei Seiten aus geben. Welche willst du zuerst? Passiv oder aktiv?
Ich fang mal mit „passiv“ an, weil das auch dem Zeitablauf entspricht.
Ich bin bei einer cholerischen Mutter aufgewachsen. Und einem nicht einschreitendem Vater.
Kleinste Anlässe genügten, einen „Vulkanausbruch“ zu verursachen. Dass die nicht vorhersehbar waren, weil meine Mutter auch noch sehr inkonsequent war, wird dich sicher nicht überraschen. Da sie bei einem solchen Ausbruch immer auch körperliche Gewalt ausübte war mein Verhältnis zu ihr, soweit ich zurückdenken kann, sehr sehr schlecht. Ich rede hier nicht von der berühmten „ausgerutschten Hand“ oder einem gelegentlichem Hinternvoll. Sondern von Strafen deren Durchführung so lange dauerten, dass sie mit der Aktivzeit des Vulkans nicht zu erklären waren. Mehr werde ich zu Einzelheiten nicht schreiben, du willst ja speziell etwas über Besserungen, oder eben nicht Besserungen wissen.
Also zurück zum schon seit frühester Kindheit sehr, sehr schlechtem Verhältnis zu ihr. Es bestand von meiner Seite nur aus: Angst, Hass, Versuch ihr auszuweichen, Angst, Lügen, Hass, Betrügen, Angst, Weglauftendenzen, Angst und Angst.
Das blieb bis in mein Erwachsenenalter so. Als ich ihr problemlos ausweichen konnte (eigene Wohnung) tat ich das auch ausgiebigst. Kam ich zu Besuch, und spürte innerhalb der ersten zwei Sekunden, dass „Stimmung“ war (so nannten die anderen vier Mitglieder dieser fünf köpfigen Familie den Zustand), drehte ich mich auf dem Absatz um, und war verschwunden. Egal, was der Anlass meines Besuches war. Geburtstagsfeier, Hilfe bei Großeinkauf, einfach nur so, Hilfe bei der Bewältigung irgendwelchen Ämterkrams. Egal, war „Stimmung“, war ich nach zwei Sekunden wieder verschwunden.
Himmel, hab ich das genossen!!
Genauso, wenn während meines Besuches durch irgendeinen, für Aussenstehende nicht erkennbaren, Anlass „Stimmung“ entstand. Eine Warnung von mir, dass ich gehen würde, wenn sie sich nicht zusammenrisse, bei Wiederholung, oder gerade an meiner Warnung austicken -------> Abgang meinerseits.
Das funktionierte natürlich unterschiedlich gut, hatte auch viel mit meiner eigenen Verfassung zu tun. Es gab lange Phasen des „Null-Kontakt“! „lange“ bedeutet hier mehrere Monate, auch über Geburtstage, Weihnachten o.ä. hinweg.
Nach einem letzten telefonischem Streit, brach wiedermal so eine Phase an, die dann sieben Jahre dauerte. Und nur durch den Tod meines Vaters endete.
Obwohl ich das anders vorhatte. Ich hatte mir natürlich vorher darüber Gedanken gemacht, wie ich auf den Tod einer der beiden reagieren wollte. Und für mich beschlossen, dass es nichts ändern würde. Ich würde bei der Kontaktverweigerung bleiben. Auch wenn mein Vater derjenige gewesen wäre, der „übrig geblieben“ wäre, wollte ich das so handhaben. Als Kind/Jugendliche hatte ich das anders gesehen. Da war mein Vater (den ich sehr liebte) unschuldig an der ganzen Situation. Schließlich litt er mit uns gemeinsam unter diesem Monster, das nicht zu bändigen war. Diese Sichtweise hat sich im Nachhinein verändert. Ich sah erst sehr spät, dass er eine Menge dazu beitrug, dass unsere Lebenssituation so Sche**, äähh unerfreulich, war. Es ist nicht die Aufgabe eines Vaters gemeinsam mit den Kindern unter einer cholerischen Ehefrau/Mutter zu leiden. Ein Vater hat seine Kinder zu beschützen. Und wenn er das aus den verschiedensten Gründen, die in seiner eigenen beschissenen Historie liegen, nicht kann, dann hat er dafür zu sorgen, dass Hilfe von außen kommt.
Nun, da er derjenige war der zuerst starb, stellte sich diese Frage nicht. Die Kontaktverweigerung auch meiner Mutter gegenüber aufrecht zu halten habe ich nicht geschafft. Ich half ihr bei allem, wobei sie Hilfe brauchte. Es dauerte keine drei Monate, da machte sie mir wieder eine dieser verhassten Szenen, inzwischen wenigstens ohne mich zu prügeln. Ich bin mir sicher, dass sie das aus Kalkül tat. Sie wusste, dass ich nach der ersten Ohrfeige weg gewesen wäre. Und nie zurück gekommen wäre. Soviel also meine Gedanken, zu der immer wieder zu hörenden Entschuldigung für Choleriker, dass sie nichts dafür könnten, sie könnten sich eben nicht mehr beherrschen, wenn der Zug erstmal losgefahren wäre! Das ist BS, gequirlte Xxxxx, (Rest wg. Unflätigkeit selbst zensiert)!
Ich ging sofort weg, schrieb ihr nach ein paar Tagen einen Brief. In dem erklärte ich ihr, was ich bereit wäre für sie zu tun. Hilfe bei Ämterkrams und Hilfe bei Einkäufen. Würde sie bei derartigen Gelegenheiten wieder ausfällig, würde ich jedesmal sofort gehen. Und es wäre dann ihre Sache sich zu entschuldigen und einen neuen Termin mit mir zu vereinbaren. So wie auch jetzt, nach ihrem letzten Ausbruch. Es läge in ihrer Hand, ob wir Kontakt zueinander hätten, und wie dieser sich gestalten würde.
Und siehe da, das Wunder geschah: Sie schrieb mir eine Antwort, entschuldigte sich und bat darum, dass wir uns telefonisch verabreden, wann ich wieder zu ihr käme. Ich musste nicht ein einziges Mal einen Besuch bei ihr abbrechen. Wenn sie anfing sich aufzuregen, bremste sie sich selbst. „Nein, nein, ist schon gut, du brauchst keine Angst zu haben, dass ich ausflippe. Ich darf ja nichts mehr sagen!“ Durchaus mit vorwurfsvollem Tonfall und beleidigtem Gesicht (daher das „ein bisschen“ im Titel). Aber damit konnte ich leben, ich habe keine grundlegende Veränderung erwartet, von einer 70-jährigen Frau, die sich ihr gesamtes Erwachsenemleben hindurch wie ein stets ausbruchsbereiter Vulkan verhalten durfte. Weil niemand ihr Einhalt geboten hat, weil sie nie die Erfahrung gemacht hat, dass jemand gesagt hätte „bis hierher und nicht weiter, wenn dir an mir liegt“. Immer haben sie sich nur einfach zurückgezogen, für kürzer oder länger, oder auch für endgültig.
Sie starb mit 73 Jahren, weil sie beschlossen hatte zu sterben. Wir hatten eine Patientenverfügung beim behandelden Arzt und eine in ihrer Akte im Pflegeheim, so dass apparatgestützte Intensivmedizin unterbunden war. Ihr Sterben war abzusehen, ich habe alle möglichen Leute, die es hätte interessieren können, rechtzeitig davon unterrichtet. Ihre Brüder konnten „aus Altersgründen die weite Reise“ (von Gießen nach Berlin) nicht machen, die Brüder ihres Mannes konnten auch alle nicht, weil „sie selbst nicht so gut beieinander“ waren, eine Freundin aus früheren Tagen aus gesundheitlichen Gründen wirklich nicht. Mein jüngerer Bruder wollte nicht. Sie war verdammt einsam!
Und wäre auch so gestorben, wenn nicht ich, aus Gründen die ausschließlich bei mir lagen, bei ihr gewesen wäre. Ich habe ihr nicht in einer rührseligen Szene am Totenbett verziehen. Das war einfach nicht drin. Ich kann nicht jemanden verzeihen, vor dem ich ein Leben lang Angst gehabt habe. Es reichte nur zu einem „in Frieden ziehen lassen“, nicht die Vergangenheit begraben, nicht so tun als hätten wir ein liebevolles Verhältnis zueinander. Aber ein „es war so wie es war, das ist nun nicht mehr zu ändern, und es ist nun nicht mehr wichtig. Wenn du es wirklich willst, wenn dich hier nichts hält, dann gehe hin in Frieden“. Hört sich furchtbar kitschig an, war aber in diesem Moment, das was ich empfand. Ich habe weder im Krankenhaus, noch bei der Trauerfeier, bei der ich die Trauerrede selbst hielt, geweint. Ich hatte nichts zu betrauern. Ich war nur froh, dass sie nicht allein sterben musste, und dass ich sie in Frieden ziehen lassen konnte.
Und damit sind wir endlich in der Gegenwart und bei dem im Titel angekündigtem „ziemlich viel“ angekommen. Mit dem „ziemlich viel“ bin ich gemeint. Ich bin ihre Tochter, je älter ich werde, umso mehr Punkte gibt es bei denen ich nicht umhin kann, zu sehen, dass ich ihre Tochter bin. Und wenn es so sein sollte, dass Cholerikertum genetisch bedingt ist, oder zumindest die Neigung dazu, dann hat sie mir per Gen gleich die doppelte Dosis verpasst.
Ich habe Wutimpulse, dass ich rote Schleier vor den Augen sehe, dass sich mein Gesichtsfeld verengt, ich nur noch (Speicheltröpfchen sprühend) stottern kann, ich keine zwei zusammenhängende Sätze rausbringe, Denken ist völlig abgeschaltet.
ABER
Ob ich als Kind vor diesem Monster Schritt für Schritt zurück wich, bis es nicht mehr weiterging, mir dabei vor Angst in die Hose pinkelte, oder ob ich zusah wie eine ganze Geburtstagsgesellschaft innerhalb von drei Minuten unsere Wohnung verließ, oder ob ich mitkriegte dass sie auf der Arbeit wie eine Aussätzige behandelt wurde, oder ob ich erlebte wie zu ihrem Geburtstag kein Besuch kam, weil der letzte Krach noch nicht lange genug zurück lag, immer, immer immer habe ich dabei gedacht „Ich nicht! Das wird mir nicht passieren! SO werde ich nie und nimmer“.
Vielleicht kannst du dir mein Entsetzen vorstellen, als ich das erste Mal von einer Klassenkameradin weggezerrt werden musste, weil ich nicht aufhörte sie zu schlagen. Eine Weile lang konnte ich mich in meiner selbstgestrickten Empörung „Die hat mich aber auch getriezt“ halten. Das stimmte zwar, ich war der Underdog der Klasse und sie eine, die das wirklich schlimm ausnutzte. Aber die Erkenntnis dass mir das keine Sympathien eingebracht hatte, ließ sich auf Dauer nicht vermeiden. Und die, dass ich reagiert hatte wie meine Mutter, auch nicht. Ich war auf dem besten Wege all das, was ich mir bei den Prügelorgien meiner Mutter vornahm nicht einzuhalten. Also??
Also lernte ich. Mich zu beherrschen, die emporschießenden Wut zu unterdrücken, nach Außen so zu tun, als hörte ich die für mich bestimmten „geflüsterten“ Kommentare über meine unmögliche Kleidung, meine schei** aussehenden Haare nicht. Lernte mit unbewegtem Gesicht wegzugehen, mich im Klo einzuschließen und zu heulen wie ein Wolf (nimm das ruhig wörtlich, denn irgendwo mussten die Wutimpulse ja hin).
Und dann kam Hilfe. Von meinem älteren Bruder. Der brachte mir bei, was ich beim Weggehen denken könnte, damit gelang das unbewegte Gesicht besser. Und er lehrte mich intellektuell zurückzuschlagen. Sprüche, die meine Erhabenheit über derartig kindisches Betragen beweisen sollten. Die Erhabenheit stimmte natürlich nicht, die Demütigungen und Spötteleien kränkten natürlich weiterhin, aber ich gönnte ihnen den Triumph einer sichtbaren Reaktion nicht mehr!
Auch ganz banale Tipps gab er mir, eher verhaltenstherapeutisch angelegt. Z.B. eine Vermeidungsstrategie: Mich in Situationen, von denen absehbar war, dass sie in einen sinnlosen Streit führten erst gar nicht hineinzubegeben. Jemand hat dir einen Parkplatz weggeschnappt, Leute stehen rücksichtslos in einer Türöffnung/an der engsten Stelle vom Flur um sich ausgiebigst zu verabschieden, drei Angetrunkene bemängeln dein Aussehen, phantasieren darüber wie es wohl sein müsste dich zu ****?? Herrgott, ist es das wirklich Wert, die Gefahr einzugehen, dass du dich binnen zwei Minuten als kreischendes, geiferndes, sinnlose Halbsätze stammelndes Fischmarktweib darstellst?
All das half, die immer noch verhandenen Impulse zu zähmen, zu beherrschen. Ich wollte auf keinen Fall sein wie meine Mutter, das erleben, was sie auf Grund ihrer Unbeherrschtheit erlebte. Das war sicherlich auch eine sehr gute Motivation. Was mehr half, woran es im Einzelnem lag, dass ich es gelernt habe, immer erfolgreicher, das kann ich dir nicht sagen. Ich weiß es nicht, ich bin nur einfach froh darüber. Ja, irgendwie sogar dankbar (keine Ahnung wem genau), dass ich die beschriebenen Strategien nur noch sehr selten brauche.
Obwohl ich mir darüber im Klaren bin, dass ich im Grunde meines Wesens eine Cholerikerin bin. Daran wird sich vermutlich auch nichts mehr ändern. Es gibt immer noch Situationen, in denen ich mich bemühen, innerlich denken muss „Nein, du wirst nicht wie Mutter enden!“ Es geht unterschiedlich gut, hat aber noch immer ausgereicht. Ich sehe es wie eine Sucht: Ich muss nur die erste Unbeherrschtheit stehen lassen. Meine letzte Wut-Szene ist Jaaaahhhhre her, ich weiß nicht, wie lange genau, aber sehr, sehr lange! Ich kann mir keinen besseren Lohn für meine Bemühungen vorstellen, als dies: Meine Freunde und Bekannten kritisieren mich. Ohne lange Vorab-Beschwichtigungslitaneien! Weil sie nicht wissen, dass sie mit einer „trockenen“ Cholerikerin sprechen.
Keine Ahnung ob es das ist, was dir vorschwebte. Falls nicht, verbuche es unter „Shit happens“.
Herzlichst
Renate