Hallo Elbin,
der Tod eines nahen Angehörigen im Buddhismus, d.h. in dem buddhistischen Volksglauben im ländlichen Japan (einen anderen kenne ich nicht), wird intensiver und weniger unpersönlich begangen als im heutigen Deutschland.
Feuerbestattung ist die Norm. Nach der Verbrennung kommen die Rückstände in eine große Schale, aus der die engsten Angehörigen die Knochenteile mit einer Art Eßstäbchen klauben und in die Urne legen.
Manche Familien bewahren die Urne zuhause auf. Mein Schwiegeropa, ein wohlhabender Bauer, wurde auf dem kleinen Familienfriedhof auf eigenem Boden beigesetzt. Die Familie besitzt auch eine buddhistische Tempelanlage, ihr Friedhof liegt aber in großer Entfernung davon.
Bei der ersten Totenfeier wird die Traueransprache von engen Angehörigen gehalten, die ihr Gefühl ungehemmt der Öffentlichkeit zeigen. Danach aber soll man sich zusammennehmen. Der Abschied vom Verstorbenen ist ein langer, abgestufter Verlauf, der viel Arbeit macht.
In der ersten Woche mußte die Witwe morgens um 5 Uhr und nachmittags zu ritueller Trauerarbeit zum Grab. Ich kam erst in der zweiten Woche ins Trauerhaus. Überhaupt hat die Witwe ständig viele Gäste zu versorgen. Verwandte, Freunde und Nachbarn gehen ein und aus.
Sieben Wochen lang kommt jeweils am Todestag der Pfarrer und hält eine Art Messe mit den versammelten Angehörigen. Eine Stunde lang wird eine individuell zusammengestellte Litanei auf Sanskrit gebetet. Die dafür vorgeschriebene Körperhaltung ist für viele Japaner schwer erträglich, für mich erst recht. Von Woche zu Woche strebt die Verwandschaft nach der Litanei schneller nach hause, doch gehört ein gemeinsam genossenes Getränk danach unbedingt dazu.
Nach sieben Wochen wird nur noch der monatliche Todestag begangen, die Anwesenheitspflicht der Verwandten ist gelockert; ein Jahr lang, dann der jährliche Todestag. Nach zehn Jahren ist der Prozeß abgeschlossen.
Der Friedhof meines Schwiegeropas ist ohne Blumenschmuck, und es gibt auch keine Totenbretter, wie man sie woanders in Japan häufig sieht. Die Grabdenkmäler sind aus hellem Fels. Es gibt kleine Grabsteine für Kinder, ein Hauptgrabdenkmal und einige ältere Grabsteine, die wohl früher einmal das Hauptgrabdenkmal waren. Beachtung findet nur das Hauptdenkmal.
Der Besucher bringt kleine Opfergaben zum Hauptdenkmal, etwas Reis, oft aber auch eine kleine Dose Bier oder eine Schachtel Zigaretten für den Verstorbenen, der diese Dinge zu Lebzeiten mochte.
Man gießt Wasser auf den Grabstein oder legt einen Kieselstein darauf.
Zum Totentag, wenn im August die Seelen der Verstorbenen ins Haus zu Besuch kommen, wird am Grabe grüner Bambus angezündet, der mit einem lauten Knall explodiert.
Zuhause ist ein Bild des Betrauerten im Buddhaschrein angebracht. Als Besucher grüßt man ihn, indem man dort die Glocke läutet und zu seinem Gedenken ein Räucherstäbchen anzündet (oder auch eine Zigarette).
Gruß,
Wolfgang Berger