Hallo Karin,
seit mehreren Jahren kümmere ich mich um meine depressive Schwester, es ist für mich gut vorstellbar, dass du den Kontakt gemieden hast. Die Angst, nicht helfen zu können oder sich etwa falsch zu verhalten, ist sehr groß. Dennoch kann ich aus heutiger Sicht sagen, dass ich erfolgreich unterstützend dazu beigetragen habe, dass meine Schwester an einer Psychotherapie teilnimmt und es ihr seit über 4 Jahren erstmalig wieder zunehmend besser geht.
Jetzt habe ich ein Problem: Ich weiß nicht, wie ich mich
verhalten soll!
Soll ich diskutieren, dass nicht alles auf dieser Welt nur
schlecht ist?
Soll ich zustimmen, dass der Mensch am Ende seines Lebens
„schon irgendwie kleingemacht wird“
Es ist wichtig zu dieser Person ein wirkliches Vertrauensverhältnis zu haben. Dabei spielt es oftmals keine Rolle nahstehend zu sein, da selbst nahstehende Personen den inneren Kontakt zur Person verloren haben. Vertrauen zu gewinnen tue ich zunächt durch zuhören, wie du richtig geschrieben hast.
Ich selbst habe mir sehr viel Mühe gemacht, meiner Schwester eine wirkliche Hilfe zu sein. Tausende zuvor geführte Gespräche habe ich genutzt, um herauszufinden, wie tief die Depression ist. Mein Zuhören und nicht Gegenhalten hat dazu geführt, dass sie mir vertraut. Ich habe ihr immer wieder gesagt, dass ich immer für sie da bin, dass sie jederzeit mich anrufen kann, wenn sie mich braucht. Manchmal hat sie mich aus dem Schlaf geholt, weil sie wieder geweint hat…aber ich war einfach nur da, habe zugehört. Nebenbei habe ich sehr viel im Internet recherchiert und mich über die Krankheit informiert. Das erste von mir erreichte Ziel war, dass ich ihr klar machte, dass sie an ihrem Verhalten nicht schuld ist, sondern dass eine Depression eine Krankheit ist. Ich legte ihr meine Recherchen vor und konnte sie so nach und nach davon überzeugen, dass die eigene Selbsthilfe manchmal nicht mehr ausreicht und so nur eine Therapie Abhilfe tut. Irgendwann war sie bereit, eine Therapie anzustreben. Ich hatte ihr Adressen vorgelegt, alles für sie vorbereitet, selbst den Termin gemacht…sie brauchte nur noch hingehen. Ich denke, dass ist die Hilfe, die sie brauchte…denn sie hätte wohl nie erkannt, dass sie krank ist, sondern hätte heute noch gesagt, dass sie nicht mehr kann…nicht mehr will…usw.
Kann ich durch falsches Verhalten eine Eskalation
herbeiführen?
Sicher kommt es immer auf diesen depressiven Menschen an. Diskutieren, Streiten hilft niemanden an dieser Stelle. Aus diesem Grund solltest du das vermeiden, immer im Hintergrund, derjenige braucht dich und deine Hilfe. Ich weiss, dass es manchmal verdammt schwer ist…aber wenn du helfen willst, demjenigen einen Weg aufzeigen kannst, aus dem schwarzen Loch herauszukommen, ihm/ihr wieder ein Licht am Himmel zeigen kannst, motivierst du dich und der Person doppelt.
Ich bin sehr verunsichert, ich weiß absolut nicht, ob
einerseits nur zuhören bereits ausreicht, was andererseits ich
mir damit antue. Ich bin neuerdings sehr geschwätzig, während
ich schlafe.
Vielleicht recherchierst du im Vorfeld mal einwenig im Internet und kannst so zum nächsten Gespräch langsam und behutsam auf das Thema „Depression“ kommen. Ich weiss nun nicht, inwiefern hier Offenheit und Einsicht bei der Person herrscht, aber ich weiß auf jeden Fall, dass Gespräche wie „du bist selbst dran schuld“, „du musst positiv denken“ etc.pp. bei wirklicher Erkrankung an Depression nichts bringen, ausser der Verstärkung der Depression. Nahe zu bringen, dass er/sie nicht daran schuld ist, jedoch unbedingt Hilfe notwendig ist (womöglich eine Phsychotherapie), ist schon der erste Weg.
So, vielleicht konnte ich dir ein paar Anregungen geben. Bitte bedenke, dass der Weg sehr lang und steinig ist - für dich und der Person …aber es lohnt sich auf jeden Fall.
Viel Erfolg,
liebe Grüße
Cindy