Hi Kroeti!
Lange Story, kurzer Sinn:
Nach meiner Alk-Therapie bekam ich nach längeren Tests wieder die Möglichkeit zu studieren, an einer FH an der auch „Behinderte“ ausgebildet werden.
An meinem ersten Tag kam ich in eine bestehende Klasse um mich vorzustellen. Ich betrat also den Raum und stand gegenüber einer Gruppe, die mir fremd war, ja auch fremd artig , „Freaks“,
verschiedene Behinderungen, Rollstühle, Krücken und alle Hilfsmittel die „man“ kannte oder auch nicht.
Dann wechsle ich die Seite, setze mich auf einen der freien Plätze, mitten hinein. In den folgenden Tagen lerne ich die Leute so langsam kennen:
Wir sind ca. 25 Menschen , die hier an der Hochschule studieren. Wir können laufen, mit Krücken gehen, mit
dem Rollstuhl fahren oder zumindest gefahren werden.
Wir können mehr oder weniger Sehen und Hören.
Wir können schreiben oder tippen unsere Klausuren mit einem Stift, der auf den Handrücken mittels eines Lederriemens befestigt wird in einen Laptop.
Essen und Trinken funktioniert so ähnlich.
Wir können unsere Bedürfnisse artikulieren, auch wenn mancher von uns für einen kurzen Satz mal eben so 2 Minuten braucht.
In unserer Gruppe gibt es liebenswerte Menschen, Menschen, die einen gleichgültig lassen und echte A…öcher.
Das Verhalten untereinander: Hart aber herzlich.
„Wenn Du nochmal ‚piep‘ machst stellen wir Dich mitsamt deinem Elektrorollstuhl aufs Lehrerpult!“
„Piep.“ (Derjenige wurde aber nach kurzer ‚Strafzeit‘ auch wieder heruntergehoben)
Falls jemand mal was nicht kann, wie zum Beispiel eine Flasche aufmachen, etwas vom Boden aufheben oder ein Buch umblättern, so fragt er einen Anderen ob er das tun kann oder der Andere fragt ihn/sie ob er helfen kann.
Falls jemand Mist baut bekommt er das gesagt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er rumläuft oder in einem Rollstuhl sitzt.
Soweit so gut.
Was ich aus dieser Zeit und auch aus meinem Jahr im Rollstuhl gelernt habe:
Der „Behinderte“ ist ein Mensch, wie Du und ich und er will auch so behandelt werden.
Falls er/sie Hilfe braucht kann und wird er es sagen.
Hilf nicht bevor Du gefragt wirst oder Du den/diejenige/n gefragt hast.
Im Rollstuhl konnte ich es absolut nicht ab, wenn irgend so ein Idiot ungefragt angefangen hat zu schieben (von der Verletzungsgefahr ganz abgesehen).
Der Grund?
In dem Moment in dem Du beginnst zu helfen nimmst Du dem Anderen einen Teil seiner Entscheidungsfreiheit ab und bevormundest ihn.
Das mag keiner so gerne.
Wenn Du fragst, mach nicht ein Riesen-Theater draus:
„Ich helfe ihnen doch gerne, weil sie doch so arm und behindert sind.“
Wenn er nicht fragt und Du siehst, daß er Schwierigkeiten hat, genügt ein kurzes
„Soll ich?“
Eine weitere Beobachtung, die ich gemacht habe:
Die einzige Person, die das Handicap zum Thema macht, ist die Person selbst!
Ich habe am Anfang in der Klasse nur eisiges Schweigen geerntet, als ich das Thema ansprach.
Vermeide in fachlichen Gesprächen Formulierungen wie
„Gut was Du da gemacht hast, trotz Deiner Behinderung.“ Den Nachsatz auch nicht implizit, obwohl das manchmal schwer ist.
(wobei ich natürlich nicht weiß inwieweit Du Deine Chefs überhaupt kritisieren „darfst“)
Und wenn er Mist gebaut hat: Kritik!
Aber nicht mit der Vorrede:„ich möchte ja nichts sagen, weil Sie …“
Sondern:„Gutgemacht!“, „Mist gebaut!“ und fertig.
Eben genauso, wie bei allen anderen auch!
Nimm Dir die Zeit ihn ausreden zu lassen und unterbrich ihn nicht.
Ich kann mich erinnern, daß in unsrer Gruppe einer einen mathematischen Beweis geführt hat, elend langsam, weil er nur sehr mühsam Worte artikulieren konnte. Alle hörten zu bis zum Schluß, schweigend, keiner unterbrach ihn: aus Respekt und weil nur vielleicht die Hälfte der Leute in der Lage war, das nachzuvollziehen was er gerade aus dem Kopf vormachte…
Ein Gedanke zum Schluß (bevor ich noch länger werde):
Gibt es Behinderte?
Nein!
Gibt es Normale?
Nein!
Es gibt nur besondere Menschen!
HylTox