Umgang mit Wutanfällen

Hallo Psychologen und sonstige Menschenkenntnis-Experten,

eine Freundin von mir neigt zu Wutausbrüchen, die aus der Situation heraus nicht wirklich zu verstehen sind und die auch ziemlich unberechenbar erfolgen; sie streitet in völlig überzogener Weise.

Meist lasse ich den Ausbruch einfach vorübergehen, ich denke in der Situation, daß ihr nach einiger Zeit der Atem ohnedies ausgeht, und vorher hat es keinen Sinn, Contra zu geben. Obwohl ich weiß, daß sie mich nicht persönlich meint, kann ich meistens nicht darüberstehen und fühle mich einfach verletzt.

Bevor ich mehr erzähle, gleich meine Frage: habt Ihr Ideen, wie ich konstruktiv damit umgehen kann? - also die Situation ins Positive wenden und nicht eine tagelange beidseitige Verstimmung zu haben. Oft bekomme ich den Rat, von ihr die Finger zu lassen, da sie krank sei und mir weh tue. Ich habe mich aber dafür entschieden, den Kontakt zu ihr aufrecht zu erhalten, da ich zu ihren engsten Freunden gehöre.

Ich möchte sie kurz schildern:
Sie ist äußerlich und in ihrem Wesen sehr anziehend, sehr intelligent, sensibel, warmherzig. Mir scheint, sie kann mit Nähe und Distanz nicht umgehen: sie sucht Nähe, mitunter bis zur Verschmelzung im Gespräch, oft wunderschöne Begegnungen. Aber dann oft brutales Zurückstoßen durch Streit und unhöfliches Verhalten, sehr schnell mit dem Vorwurf der Übergriffigkeit zur Hand.

Laut ihrer Aussage extreme Einsamkeitsgefühle. Sie inszeniert sich ihre Beziehungen so, daß diese ihr schaden. Beispiel: sie zog in eine fremde Stadt, weil sie dort eine Arbeitsstelle bekam, fühlte sich aber nicht wohl. Lernte dort einen Mann kennen und verliebte sich in ihn. Er war ihr anfangs äußerst zugetan und von ihr fasziniert, als er ihre Problematik mit der Zeit mitbekam, ging er auf Distanz. Sie wurde arbeitslos, sie konnte sich seinetwegen (seit nunmehr fast einem Jahr) nicht dazu entscheiden, aus dieser Stadt wegzugehen, obwohl er sie ziemlich links liegen läßt. Sagt zu mir oft: sie sei in ihn verliebt, aber ich würde ihr viel besser tun.

Große Sehnsucht nach Sexualität, diese ist aber real kaum oder nicht vorhanden, Annährungsversuche weist sie als Übergriffigkeit zurück.

Alkoholabhängigkeit.

Kann sich nicht entscheiden, holt Meinungen von diversen Leuten ein (die dann natürlich einander widersprechen). Wartet dann, bis die Situation eine Entscheidung in eine bestimmte Richtung erzwingt. Unbeholfen in der Organisation von Alltagsdingen.

Angst. Hebt z. B. die Post deshalb oft lange nicht aus, erfährt dadurch mitunter wichtige Termine nicht, so daß dadurch wieder neue Schwierigkeiten entstehen.

Nochmals also meine Frage: konstruktiver Umgang mit von ihr inszenierten Streits. Würde mich über Eure Ideen dazu sehr freuen.

Liebe Grüße,

I.

Hallo Idomeneo, re di Creta

Ich fuehle mich nur als Menschenkenner angesprochen, Experte bin ich
nicht in psychologischen Dingen. Aber ich schaetze, dass diese Frau
nicht „ganz rund laeuft“ und sich professioneller Hilfe zuwenden
sollte (evtl. Borderline-Stoerung). Oder ist sie gluecklich mit ihrem
Leben?

Gruss, Tychi

P.s. Du wirst bestimmt bessere Antworten bekommen, aber ich hatte
einfach Lust etwas zu schreiben.

Hallo Idomeneo,

schon aufgrund der Alkoholabhängigkeit sollte Deine Freundin eine Therapie machen. Ob etwas und was hinter der Abhängigkeit steckt, kann man nach einer Entgiftung und während einer Reha herausfinden. Vielleicht handelt es sich bei dieser Abhängigkeit nur um einen Versuch, andere Probleme mit Alkohol zu „behandeln“. Untypisch wäre das nicht.

Alkoholabhängige haben häufig Defizite in sozialen Kompetenzen und zeigen aggressives Verhalten. Die Wutanfälle selbst könnten eine direkte Folge des Alkoholkonsums sein. Schlechte Stimmung und Unzufriedenheit mit sich selbst können unter Alkohol verstärkt werden. Der Alkohol vermindert die Fähigkeit, sein Verhalten zu steuern, so daß emotionale Impulse „durchbrechen“ können. Und wenn unabhängig davon schon Defizite in sozialen Kompetenzen vorhanden sind, treten diese unter Alkohol besonders deutlich hervor.

Dir würde ich empfehlen, Dich nicht auf Streits mit ihr einzulassen, ruhig und sachlich zu bleiben und wegzugehen. Bevor Du weggehst, kannst Du ruhig Deine Meinung kurz sagen, z.B.: „Ich weiß, daß Du es auf einen Streit anlegst. Ich denke, daß Du Dir helfen lassen mußt. Ich würde Dir versuchen zu helfen. Solange Du aber selbst nicht dazu bereit bist, kann ich Dir nicht helfen. Deshalb gehe ich jetzt.“

Du kannst auch Deine eigenen Gefühle schildern. Dabei solltest Du es aber vermeiden, vorwurfsvoll zu klingen oder Vorwürfe zu machen. Eine Möglichkeit wäre: „Ich fühle mich von Dir sehr angegriffen und bin verletzt. Ich fühle mich traurig. Ich ertrage das nicht und werde jetzt gehen.“

Das kannst Du unabhängig davon machen, ob Deine Freundin gerade betrunken ist oder nicht.

Grüße,

Oliver Walter