ein paar Tipps
Hi Abby,
wie die meisten schon schrieben, ist das Zuhören wichtiger als das Sagen. Dabei bedeutet Zuhören mehr als nur zu schweigen und ab und zu „hmm“ zu sagen oder zu nicken, sondern gemeint ist das aktive Zuhören. Hin und wieder eine Zwischenfrage stellen, um eine Präzisierung bitten. Je nachdem, wie gut ihr euch kennt, wie indiskret du sein darfst, würde ich nicht nur nach Sachverhalten, sondern auch nach Gefühlen oder Gedanken fragen: „Was hast du in dem Moment gefühlt/gedacht/gewünscht/gehofft?“ Hier musst du aber behutsam sein, denn Menschen mögen es nicht, analysiert zu werden. Wenn du mit sanfter, einfühlsamer Stimme und mitleidig-verständnisvoll-gütigem Blick solche Fragen stellst, dann fühlt dein Gegenüber sich schnell unwohl und vielleicht nicht ernst genommen.
Die Fragen dürfen auch nicht mechanisch oder gar zusammenhangslos kommen. Es ist wichtig, dass du dich erst in deinen Gesprächpartner einfühlst, ihr gewissermaßen erstmal in Resonanz schwingt, bevor du Fragen stellst. Denn wenn die Fragen distanziert-analytisch wirken, verfehlen sie ihre Wirkung, dem anderen das Gefühl echter Anteilnahme und echten Interesses deinerseits zu geben.
Statt zu fragen, kannst du auch etwas paraphrasieren oder ergänzen: „Und dann wurde er superwütend“ „…und hat rumgeschrien, wie ich ihn kenne“ „Ja, genau. Und mit dem Fuß gegen die Wand getreten.“ „Oje, ich kann’s mir vorstellen.“
Aber auch hier liegt ein möglicher Fallstrick: „Ich kann’s mir vorstellen“ ist besonders bei Berichten extremer Erfahrungen vorschnell und kann beim Gegenüber den Gedanken „einen Scheiß kannst du dir vorstellen“ hervorrufen. Anzunehmen, du kenntest das Erlebnis oder die Gefühle des anderen (schon), wird manchmal als Zeichen dafür aufgefasst, dass du nicht (mehr) zuhören willst. Deine Erfahrungen sind bestenfalls ähnlich aber nie gleich denen des Anderen.
Ein großer Fehler, den viele hier machen, ist, anzufangen, ein ähnliches, eigenes Erlebnis zu erzählen: „Ich habe die ganze Nacht nur gekotzt“ „Das hatte ich auch mal. Sieben oder acht Mal musste ich raus. Ich konnte schon gar nicht mehr. Mir tat alles weh. Das war richtig schlimm.“ Das ist kein Zuhören und interessiert den, der seine Probleme besprechen will, überhaupt nicht. Am Ende seines Berichts kannst du nach einer Pause vielleicht von einer ähnlichen Erfahrung erzählen, wenn du das Gefühl hast, diese Erfahrung würde ihm helfen, weil sie beweist, das er nicht allein ist mit seinem Problem, oder weil deine Geschichte ein gutes Ende nahm oder so etwas.
Ratschläge sind zweischneidig und sollten nur vorsichtig geäußert werden, vielleicht nur auf Nachfrage. Das hat mindestens zwei Gründe: 1. Wenn jemand mit seinem Problem zu dir kommt, dann hat er es und sich meistens schon ausführlich analysiert und über Lösungen nachgedacht. Daher ist es nicht wahrscheinlich, dass du eine gute Lösung hast. Natürlich, wenn dir etwas Schlaues einfällt und das Problem eines ist, dass mit einem praktischen Ratschlag gelöst werden kann, dann nur zu. Aber wenn dir jemand von komplexen Beziehungsproblemen erzählt oder davon, dass sein Hund überfahren wurde, dann sind Ratschläge kritisch. 2. Du begibst dich als Ratgeber leicht in eine überlegene Position („Aha, so ist das. Aber das ist doch ganz einfach. Hör auf … und fang an …“). Nicht nur, dass der, der sich dir anvertraut, sich unverstanden fühlt, er kommt sich dann auch noch dumm oder unfähig vor.
Du kannst deine Ratschläge aber vielleicht in Fragen verpacken: „Hast du schon mal xyz probiert? Wäre abc nichts für dich?“
Je nachdem, wie intim du mit der Person bist, sind Gesten und Berührungen oft besser als Worte. Eine Frau, die ihrem Mann ihre Probleme erzählt, will nicht analysiert, nicht mit Phrasen getröstet und nicht mit praktischen Lösungen verarztet werden. Viele Männer hören Problem und denken Lösung. Sie fühlen nicht, was hinter den Worten der Frau steckt und hören nur ihre Worte und auch das nur halb. Und dann kommen sie mit Ratschlägen und Tipps und Problemlösungen. Das ist gut, wenn das Auto kaputt ist, aber nicht, wenn die Frau Sorgen hat, schlecht gelaunt oder traurig ist. Hier würde ich genau hinhören, wenig sagen und sie fest in die Arme schließen. Oder sie herumwirbeln, aufs Bett werfen und leidenschaftlich küssen. Dafür muss man ein Gefühl haben. Das kann auch nach hinten losgehen („Ich erzähle dir von einem Problem und du denkst nur an Sex“). Es hängt hier vom generellen Umgang miteinander ab. Es geht jedenfalls darum überzeugend zu zeigen: Ich liebe dich. Dagegen werden die Probleme oft klein und die Frau fühlt sich viel besser.
Dies war jetzt ein spezielle Konstellation (Mann und Frau als Paar). Worum es mir geht ist, dass Berührungen oft viel mehr ausdrücken und besser helfen, als Worte. Man kann einem Freund auf die Schulter klopfen oder auch eine Kollegin umarmen. Nicht rumlabern, sondern Liebe und Freundschaft ausdrücken.
Tja, ich geriet ein wenig ins Plaudern. Ich kann nur sagen: Beherzige ein paar Grundregeln (z.B. meine oder die eines Buches, wenn es sein muss) und dann sammle Erfahrung.
Viele Grüße, Tychi