Hallo Kasl,
das klingt mir doch sehr nach gelerntem Verhalten. Das Grundproblem ist sicher ihre Unsicherheit. Und leider habt ihr wohl nicht nur einen unsicheren Hund zu euch geholt, sondern auch einen, der nicht positiv auf Menschen sozialisiert wurde. Die Konsequenz daraus ist, dass er Menschen nicht vertraut bzw. sie nicht als Bindungspartner akzeptiert. Dass es dem Hund egal ist, wenn ihr weggeht bedeutet, dass ihr ihm egal seid. Er erwartet keine Sicherheit von euch, sondern bestenfalls Futter.
Das ist nicht eure Schuld, sondern das Problem der Aufzucht. Ihr müsst nun irgendwie mit den Folgen leben. Fehlt die positive Prägung und Sozialisation auf den Menschen, ist diese nie wieder nachzuholen oder auszugleichen. Leute, die eine bestimmte Sorte von ehemaligen Straßenhunden zu sich holen, haben oft das gleiche Problem.
Wovon ich zudem ausgehe ist, dass der Hund inzwischen gelernt hat, wie so ein Spaziergang aussieht. In jedem Fall gehört eine Menge „Getue“ in Form von Locken und Rufen dazu. Ein unsicherer Hund wird dadurch aber nicht motiviert, sondern zusätzlich verunsichert.
In meinen Augen gibt es zwei Möglichkeiten:
- Ihr lasst es wie es ist.Letzten Endes könnte man ja mit dem Verhalten leben.
- Ihr verändert euer Verhalten komplett und lasst aus Unsicherheit Führung werden. Dazu braucht ihr ein Brustgeschirr, damit ihr dem Hund nicht am Hals rumzerrt und damit er nicht rausschlüpfen kann. Des weiteren braucht ihr eine normale Leine, keine Flexi. Und dann geht ihr einfach los, egal, was der Hund macht. Das wird bedeuten, dass ihr den Hund vermutlich eine ganze Zeit lang mehr oder weniger hinter euch herschleifen werdet. Sie hat lange Zeit gelernt, dass hinter euch bleiben das Richtige ist.
Während der Aktion sprecht ihr nicht mit ihr und schaut sie auch nicht an. Ihr geht einfach solange, bis sie sich entschließt, euch freiwiliig zu folgen. In dem Moment, wo sie ihren Widerstand aufgibt und an lockerer Leine an eurer Seite trabt, kriegt sie ein kurzes, freundliches Lob und - wenn sie es nimmt - ein Leckerchen. Dieses taucht erst im Moment des Lobens auf, der Hund wird keinesfalls mit Futter gelockt.
Wenn ihr das konsequent macht, wird der Widerstand jedesmal kürzer dauern. Der Hund wird nach und nach lernen, dass er anders laufen soll. Eure Sicherheit wird ihm Sicherheit geben.
Unabhängig davon lohnt es sich sicher, mit dem Hund viel auf Nähe zu spielen. Also keine weggeworfenen Bälle, sondern Spiele, die mit euch und in engem (Körper-)Kontakt zu euch stattfinden. Auch wenn die fehlende Bindungsbereitschaft nicht ersetzt werden kann, kann dennoch Vertrauen zu euch aufgebaut werden.
Schöne Grüße,
Jule