Umlage- oder Kapitaldeckungsverfahren?

Hallo zusammen!

Ich beschäftige mich zurzeit mit der Diskussion um die Entlastung der Gesetzlichen Rentenversicherung. Nun ist mir eines nicht ganz klar. Das Kapitaldeckungsverfahren kann staatlicher aber auch privater Natur sein. In den Diskussionen zum Übergang vom Umlage- zum Kapitaldeckungsverfahren kommt nun für mich nicht klar zum Ausdruck, ob dabei das staatliche Umlageverfahren durch ein staatliches Kapitaldeckungsverfahren ersetzt oder entlastet werden soll, oder ob die Belastung des Umlageverfahren durch ein privates Kapitaldeckungsverfahren, Riester-Rente, gemildert werden soll?
Die Frage, die sich daran anschließt ist, dass nach dem Flop, vielleicht auch Scheitern, der Riester-Rente, diese ganzen Diskussionen eh ad absurdum geführt werden?
Für die Beantwortung meiner Fragen bedanke ich mich bei euch im voraus.

Mit freundlichem Gruß,
Jan

Hallo,

im Augenblick sieht es - nicht nur in diesem Bereich - so aus, daß die Regierung das Problem der Bevölkerungsentwicklung wenn nicht ignoriert, aber doch zumindest nur durch das Drehen an den Stellschräubchen in den Griff zu bekommen versucht. Stellschrauben gibt es im Umlageverfahren nur drei: Einzahlungsbetrag, Einzahldauer (bedingt gleichzeitig die Auszahldauer) und Auszahlungsbetrag. Auf natürlichem Wege nähert man sich somit dem Kollaps des Systems.

In der Tat kommt als Lösungsansatz nur ein kapitalgedecktes System in Frage, das langfristig (im Prinzip über eine Generation hinweg) das Umlageverfahren ersetzen müßte. Im Verlauf dieser rd. 30 Jahre kämen erhebliche Belastungen auf die drei beteiligten Gruppen zu: Die derzeitigen Beitragsempfänger (müssen aus dem Umlageverfahren bezahlt werden), die die derzeitigen Einzahler und zukünftigen Beitragsempfänger (leisten in Umlage- und Anlagesystem, empfangen aus beiden) sowie die derzeitigen noch-nicht-Einzahler und zukünftigen Einzahler (leisten und empfangen nur noch in bzw. aus dem Anlagesystem).

Die Frage, ob die zukünftige kapitalgedeckte Rentenversicherung staatlicher oder privatwirtschaftlicher Natur sein sollte, ist eine Frage der Einstellung. Ich persönlich bin der Ansicht, daß das eine Angelegenheit ist, bei der Wettbewerb (bei strenger staatlicher Aufsicht analog der derzeitigen Bankenaufsicht) nicht schaden kann, gerade im Hinblick auf den Verwaltungsmoloch LFA/BFA. Die Antwort wird man wohl von den meisten hören, die voll und ganz vom Ansatz der kapitalgedeckten Versicherung überzeugt sind. Diejenigen, die eher für eine Umlagefinanzierung sind, sich aber aus dem Sachzwang heraus haben überzeugen lassen, werden für ein staatliches System sein.

Letzten Endes ist das wieder nur ein weiteres Schlachtfeld auf dem sich Liberalisierer und Vertreter der Staatswirtschaft die Köppe einschlagen können.

Gruß,
Christian

Hallo,

im Augenblick sieht es - nicht nur in diesem Bereich - so aus,
daß die Regierung das Problem der Bevölkerungsentwicklung wenn
nicht ignoriert, aber doch zumindest nur durch das Drehen an
den Stellschräubchen in den Griff zu bekommen versucht.
Stellschrauben gibt es im Umlageverfahren nur drei:
Einzahlungsbetrag, Einzahldauer (bedingt gleichzeitig die
Auszahldauer) und Auszahlungsbetrag. Auf natürlichem Wege
nähert man sich somit dem Kollaps des Systems.

In der Tat kommt als Lösungsansatz nur ein kapitalgedecktes
System in Frage, das langfristig (im Prinzip über eine
Generation hinweg) das Umlageverfahren ersetzen müßte.

Weil wir grad beim Thema sind:
Daß das Umlage-Verfahren bei der prognostizierten demographischen Entwicklung auf einen Kollaps zusteuert, ist wohl sehr schnell einleuchtend.

Das Problem:
Ich sehe solche Probleme auch bei einem kapitalgedeckten Verfahren. Klar, hört sich gut an, jeder „verdient“ in den Anspar-Jahren seine eigene Rente…

Meine Einwände/Befürchtungen:

  1. Worin wird Anlage-Geld investiert? Na klar - Aktien, Bonds, Immo’s.

  2. Mal 30 Jahre weitergedacht, die Alterspyramide ist bereits am Kippen…Jetzt wollen auf einmal viel mehr Leute Geld aus dem Aktienmarkt entnehmen, als Kaufinteresse von Frischlingen da ist. Was passiert? Die stetige Verkaufsnachfrage läßt die Aktienkurse in’s Bodenlose purzeln…Geld futsch.

  3. Sicherer Hafen Bonds? Der Staat leiht sich Geld, und zahlt es mit ZInsen wieder zurück. WER soll diese 3…4…5% p. a. erwirtschaften, wenn die Alterspyramide gekippt ist? Kann der Staat in einer solchen Situation noch die Rückzahlung seiner Bonds gewähren? Und darüber hinaus: Der Staat legt ja üblicherweise Bonds auf, um Investitionen (Infrastruktur, etc.) zu tätigen. Wer braucht dieses Mehr an Infrastruktur, wenn die Bevölkerungszahl eigentlich drastisch sinkt?

  4. Und Immo’s? Immo’s bringen ja deswegen einen Real-Ertrag, weil eine Nachfrage nach Büros, Wohnungen, etc. besteht - und die Nutzer auch „bereit“ sind, jährlich mehr dafür zu bezahlen. Aber wer braucht neue Büros und Wohnungen (vom Ersatz abgesehen), wenn die Bevölkerungszahl sinkt und die Anzahl der Erwerbstätigen ebenfalls?

  5. Vielleicht noch mal allgemeiner gefragt: WO soll das (expansive) absolute Wachstum in 30 Jahren herkommen, das nötig ist, unsere Kapital-Renditen zu erwirtschaften - wenn die Bevölkerungszahl sinkt, den aktiven Erwerbstätigen immer mehr passive Rentner gegenüberstehen, sich das Verhältnis Geber/Entnehmer zugunsten der Nehmerseite verschiebt?

Gruesse,
Ralf

Hallo,

die Frage habe ich vor einiger Zeit in kurzen Sätzen - wie ich fand und es kam auch in der Diskussion kein Widerspruch vom „Gegner“ beantwortet. Nun trage ich Deine Frage seit ein paar Stunden im Kopf herum und komme zu dem Schluß, daß die Antwort von damals gar nicht so richtig war und die Sache sehr viel komplizierter ist. Inzwischen habe ich das Gefühl, eine spruchreife Antwort zu haben.

Also: Als Anlageform kommen Aktien nicht in Frage, jedenfalls nicht zu einem nennenswerten Teil (Risko). Bleiben im Prinzip nur festverzinsliche Wertpapiere.

Wie läuft die Rentenfinanzierung im Augenblick ab? Die Beitragszahler zahlen ihre Beiträge ein, die BFA/LVA legen dieses Geld an und am Monatsende folgt die Rentenzahlung. Der Geldumlauf ist innerhalb dieses Systems relativ konstant: Rein–>Anlage–>Raus.

Beim anlagefinanzierten System im Aufbau strömt aber zunächst wesentlich mehr Kapital hinein als hinaus, während im umlagefinanzierten System weiterhin der alte Zyklus gilt, nur auf sich verringerndem Niveau.

Man könnte nun argumentieren, daß aufgrund des Liquiditätsstromes an den Kapitalmarkt die Renditen zurückgehen werden. Ich denke aber, es wird nicht so dramatisch, schließlich reden wir hier von vielleicht einer halben Billion Euro pro Jahr. Ob das in der Eurozone oder gar weltweit Einfluß haben wird? Selbst wenn: Der Staat wird die Gelegenheit zur weiteren Schuldenaufnahme nutzen, was zu einer Stabilisierung des Zinsniveaus führen wird. Ich glaube jedenfalls nicht daran, daß er die Gelegenheit nutzt, um mit den vermiedenen Zinsaufwendungen Schulden zu tilgen.

Aber selbst wenn: Wir befinden uns in der Phase des Aufbaus des Kapitalstocks. Irgendwann ist das Maximum erreicht und er wird langsam - aufgrund der umgekehrten Alterpyramide - wieder absinken und zwar im Zweifel langsamer als er aufgebaut wurde. Wir bewegen uns dann also nicht in ein Neuland sondern in Richtung der jetzt bekannten (und funktionionsfähigen) Realität am Kapitalmarkt.

Gruß,
Christian

Hallo,

Also: Als Anlageform kommen Aktien nicht in Frage, jedenfalls
nicht zu einem nennenswerten Teil (Risko).

Meinst Du das recht allgemein?
Oder im Bezug auf die kippende Alterspyramide?
Bei zweiterem stimme ich Dir zu (weil halbwegs stabile Kurse auf einem fast ausgeglichenen Nachfrage/Angebot-Verhältnis beruhen).
Im ersteren Fall nicht unbedingt, weil Aktien eben eine der Formen sind, sich am Unternehmensgewinn zu beteiligen.

Zum Rest Deines Posts:
Wahrscheinlich verstehe ich noch zu wenig von der Wirkungsweise von Bonds, obwohl sie ja auf den ersten Blick so einfach erscheinen. Sind sie ja eigentlich auch - außer wenn man eventuell, wie ich, lanfristige Betrachtungen, verändertes Angebot/Nachfrage-Verhalten, Alterspyramide mit einbezieht - und dann überlegt, wie es dem Staat geht.
Daß der Staat in 30 Jahren ev. weniger Bonds auflegen muß, weil weniger Erwerbstätige und weniger Investitionen - das ist sicher nicht so schlimm, besteht ja dann auch weniger Nachfrage.
Aber was passiert, wenn der Staat dann laufend immer Bonds netto AUSZAHLEN muß, ist mir doch noch nicht ganz klar. Geld (zur Entnahme, zum Konsum) wird ja im Prinzip nicht angespart oder so, sondern aus dem laufendem Kreislauf finanziert.

Gruesse,
Ralf