Hallo Laika,
… brachten die Kreuzzüge de facto z.B. bestimmte
Metallbearbeitungstechniken in den Oriet, die bis dahin
unbekannt waren.
Das ist sicher richtig, aber in der Summe der Kulturtechniken
waren die Europäer doch deutlich zurück. Da ist wohl so
ähnlich wie bei den Kelten und Römern. So weit ich gelesen
habe, haben letztere von den Kelten in Sachen
Metallbearbeitung auch einiges gelernt. Dennoch waren die
Römer zivilisatorisch doch wohl deutlich weiter - auch wenn
das ein brutaler Staat war.
Was wir zivilisatorisch als „höher“ bewerten ist eben immer genau das, eine Bewertung. Wir alssen dabei also unsere eigenen Vorstellungen einfließen. Dabei gehen wir das Risiko ein, Dinge unter- oder überzubewerten weil wir sie teilweise gar nicht erkennen. Die Römer bauten Riesenstädte und waren brutal. Die Germanen und weil das Stichwort weiter unten sowieso fällt, die Merowinger, bauten keine Städte und waren brutal. Also entsteht der Eindruck, als würden sie auf einer obskuren Zivilisationsleiter tiefer stehen.
Eines der Probleme ist unsere Bewertung von Schrift. Für uns ist Schrift Maß aller Dinge. Eine Kultur, die nicht über eine eigene Schriftsprache verfügt, muß zwangsläufig primitiv sein. Erst bei näherem Nachdenken stößt man auf den Haken an der Sache: Eine Kultur, die alles mündlich weitergibt muss im Gegenzug merh mit Musik und Poesie und weniger mit Literatur arbeiten. Es muss also eine sehr rege Kultur sein. Beispiele dafür finden wir u.a. im frühen Skandinavien und auch bei den angesprochenen Kelten. Das wir nun etwas im Hintertreffen sind, was das Verständnis einer solchen Kultur angeht, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie wirklich zurück waren. Es bedeutet eher, dass wir da was nicht verstehen. Kelten wie auch Germanen waren technologisch, das wissen wir, dem Rom der Endphase überlegen. Soziale Regeln die wir nicht im Detail kennen, dürften auch die Triebfeder der Reichsbildungen der Frühzeit gewesen sein, denn wenn sich ein Kleinkönigreich mal eben derartig aufblasen kann wie das Merowingerreich unter Chlodwig, und dann auch noch eigene Stabilität zeigt, dann muss es soziale Konsense gegeben haben und die beruhen meiner Erfahrung nach immer auf gemeinsamen sozialen, sprich kulturellen Kontext. Was Gregor von Tours über die Merowinger schrieb deutet vieles an. Seine Geschichte der Franken zeichnet das Bild einer echten Kultur. Alleine die Schrift ist Latein, alles andere ist bereits meilenweit von Rom entfernt und durchaus eigenständig.
Wenn wir jetzt zurückkehren zur Zeit der Kreuzzüge, dann finden wir im künstlerischen Bereich auf beiden Seiten ein reges Leben wobei das künstlerische Leben der Europäer natürlich kirchlich/religiös geprägt war.
Musikalisch war es für beide Parteien eine Zeit der Umbrüche. Europa entwickelte den gregorianischen Choral während man im Nehen Osten erstmalig mit Zupfinstrumenten experimentierte.
Technologisch lag der Schwerpunkt in Europa in den Bereichen Baustatik (wir erleben die letzte große Phase der Romanik und nach der Vermischung mit nahöstlichen Bauformen die beginnende Gotik) und Metallindustrie. In Arabien und Ägypten hatte sich das Interesse kurz vor den Krauzzügen der Holzbearbeitung zugewandt (weil man dort erst seit kurzer Zeit Holz in größeren Mengen bekam, nämlich aus Syrien und dem Libanon), Das Bezog sich auch auf die Verwendung in Bauten und die damit zusammenhängende Baustatik (dort taucht nach der Vermischung mit europäischer Technik der freistehende Rundturm auf, sowie die Hängebrücke).
Die Gebiete, auf denen man definitiv von einem Vorsprung der islamischen Welt sprechen kann sind Medizin und Philosophie. Wieder einmal erscheinen die Dinge auf den ersten Blick anders als sie waren. Denn wir haben natürlich immer noch die Vorstellung des finsteren Mittelalters im Hinterkopf, wenn wir an die Europäer der Kreuzzugsära denken.
Das ist jetzt grob vereinfacht. Russland bis tief nach Asien
hinein war weitestgehend leer. Bei den Einfällen aus dem Osten
wurde aber immer sehr schnell besiedeltes Gebiet erreicht. Der
Schaden war also ungleich höher. Die Zange von zwei Seiten war
immerhin eine Zange über Tausende von Kilometern.
Ich beziehe mich da auf ein relativ neues Buch (2007) von
Scholl-Latour, „Russland im Zangengriff“. Es ist vieles sicher
sehr stark Meinung von ihm, aber es regt doch zum Nachdenken
über so manche Stereotypen in Europa über die agressiven
Russen an - na ja, etwas off topic.
Ich weiß nie so recht, ob ich Scholl-Latour lieben oder hassen soll. Er hat das Talent viele Fakten zusammenzusuchen, bis zu einme bestimmten Punkt klare logische Schlußfolgerungen zu ziehen und dann in seiner Logik einen unmotivierten Knick zu beschreiben.
Ich finde „aggressives Russland“ gar nicht mal so off topic. Eigentlich ist es ein gutes Beispiel für die grundsätzliche Problematik über die wir auch beim Kulturzusammenstoß Kreuzfahrer versus islamische Welt sprechen. Bis Peter d. Gr. war Russland hinterher. Keiner sprach damals vom aggressiven Russland. Diese Vorstellung kam erst mit der Oktoberrevolution auf und vertiefte sich dann über den 2.Weltkrieg und den nachfolgenden Kalten Krieg. Was mit immer zu Russland einfällt ist eher der Begriff „Angstbeißer“. Schau mal, was jetzt da wieder passiert. Georgien hat in Süd-Ossetien zugeschlagen. Russland bekam es mit der Angst zu tun und hat über alle Maßstäbe hinaus zugeschlagen. Dann kam ein großer Spruch von der NATO. Eigentlich substanzlos, aber Russland reagiert automatisch wieder mit Drohgebärden. Das Schema kannst Du rückwärts bis Peter d. Gr. immer wieder beobachten.
Das grundsätzliche Problem mit den Russen, durch ihre Geschichte hindurch ist, dass sie immer in anderen Größenordnungen rechnen. Russland ist größer als die westeuropäischen Staaten zusammen. Das hat ihnen nicht nur ganz andere Probleme eingebracht sondern auch ein ganz anderes Denken. Wir haben das gleiche Verständnisproblem auch mit den Amerikanern immer wieder. Ein so großes Land zusammenzuhalten und zu verteidigen führt zwangsläufig zu einem gewissen Bodensatz an Paranoia. Aber da wir solche Probleme ja nicht haben, erkennen wir sie nicht einmal in anderen. Das Bild vom „aggressiven Russland“ ist also ein in erster Linie westliches und vor allem westeuropäisches Bild.
Die römische Zivilisation war schlicht und ergreifend
brutal und oft auch ungerecht. Eine der ersten
zivilisatorischen Leistungen der Germanen war z.B. die
Einführung eines bindenden Zentralrechts, das mit der
Carolina, so brutal sie uns auch erscheinen mag, einen ersten
Höhepunkt fand.
Meinst du die Carolina von Kaiser Karl V. 1532? Das ist doch
mehr als 1000 Jahre nach dem Fall von Westrom! Und das war
doch die „Peinliche Gerichtsordnung“: Peinlich heißt
foltern.
Da habe ich mich undeutlich ausgedrückt. Was ich hier klar machen wollte ist, dass von den Erlassen eines Chlodwig über die Kapitularien Karls des Großen (und seine Stammesrechtsordnung wie z.B. das Friesenrecht) über die Rechtsprechung der Ottonen hin bis zur Carolinga eine Entwicklung nachvollziehbar ist, die sich bereits in ihren Anfängen vom alten römischen Recht löste. Alle diese Rechtssysteme kannten die Folter, das ist also nicht der springende Punkt. Der Punkt der untergeht ist die Fragestellung nach der Gültigkeit des Rechtes. Im alten Rom diente das Recht mehr oder weniger den Kaisern. Es war ein ausgehöltes Recht trotz aller Trsdition in der es entstanden war. Nun geschah etwas bis dahin einmaliges als germanische Herrscher Schritt für Schritt Rechtssysteme schufen die über dem Adel, ja teilweise sogar über ihnen selbst standen. Das diese Entwicklung tausend Jahre dauerte ist in Anbetracht dessen, was da alles in den Köpfen vor allem der Juristen zu verändern war, kein Wunder.
Es mag sein, dass es in der globalen Betrachtung ein
Rückschritt war, aber der Rückschritt waren sicher keine 500
Jahre.
Worauf ich meine Meinung beziehe:
- Die Geschichtsschreibung ist ja eine der herausragenden
Leistung einer Zivilisation (das wussten auch schon die alten
Griechen). Die Germanen kannten das überhaupt nicht. Nach dem
Fall Roms erstirbt das Wissen über die Germanen ziemlich
stark. Über die Merowinger wissen wir doch nur sehr
bruchstückhaft. Erst Einhard/Karl d.Gr. haben das dan wieder
aufgegriffen.
Da gibt es zwei Probleme. Die Germanen als ursprünglich schriftlose Kultur hatten andere Mechanismen solches Wissen weiterzugeben. Daher der germanische Sagenschatz. Das unterzubewerten und als „nicht-existent“ abzustempeln mag sich im Verständnis derartiger Kulturen als Fehler erweisen. Zweitens gab es durchaus Chronisten. Gregor von Tours schrieb beispiels die Geschichte der Franken. Dessen Weiterführung durch einen Fredegar den wir nicht näher identifizieren können ist trotz der Autorenzweifel sicher nicht schlechter als das, was wir von römischen Historikern kennen. Ab dem 8.Jhdt wurde diese Chronic dann von den karolingischen Herrschern als Hauschronic weitergeführt, das ist wahrscheinlich was Du damit meinst, wenn Du schreibst erst K.d.G haben das wieder aufgegriffen. Aber da waren das Ding schon 2 1/2 Jahrhunderte munter fortgeschrieben worden. Es gab also eine Geschichtsschreibung und parallel dazu noch immer die alten Strukturen der mündlichen Überlieferung (das muss was Germanisches sein, doppelt gemoppelt hält besser).
- Eine halbwegs vernünftige Schrift hat erst Karl d. Gr. mit
der lateinischen wieder eingeführt. Bis dahin hat jeder „mit
den Runen auf seine Weise herumgemalt“ (Quelle: ein Buch über
Karl d.Gr.). Die Runen wurden auch mehr für kultische Zwecke
als zur Verständigung benutzt.
Sachlich falsch. Es galten überall zwei Hauptschriftformen, wenn auch mit lokalen Abwandlungen. Das zog sich von Rom bis zu den Westgoten (und den dazwischen sitzenden Saal-Franken). Das von Gregor verwendete Latein unterscheidet sich stark vom klassischen Latein (was natürlich zum Begriff Vulgärlatein führen musste, weil bewerten immer einfacher als verstehen ist). Wir erleben hier den Übergang vom römischen Latein zu den romanischen Sprachen, also wieder einen Hinweis auf ein eigenständiges Kulturschaffen das umfangreich genug war um eine eigene Schriftsprache zu initiieren.
Was allerdings ein Problem war, war die Tatsache, dass es neben dem römischen Latein weitere Sprachen und Schriftformen gab. Man darf nicht vergessen, dass das Reich Karls d. Gr. nicht ganz klein war und mehrere Dutzend Völkerschaften als Minderheiten umfasste, die alle einen eigenen kulturellen Hintergrund besaßen. Die Leute malten also nicht die Runen wie es ihnen gerade passte, sie schrieben sie so, wie sie es seit langer Zeit bereits getan hatten, bevor sie von den Franken erobert worden waren. Und irgendwann musste die Vielfalt natürlich dazu führen, dass man sich auf eine Amtssprache und eine Amtsschrift einigen musste. Es wurde Latein (aber bei weitem nicht klassisches Latein) und die karolingische Minuskel. Die Aussage „bis dahin hat jeder mit den Runen auf seine Weise herumgemalt“ dokumentiert also lediglich das fehlende Verständnis kombiniert mit dem unbeugsamen Verurteilungswillen des mir unbekannten Autors, aber weiter nichts.
Und das Mittelalter selbst war eine Zeit der
Entwicklung und der Erfindungen.
Ja, in letzter Zeit stellt man das Mittelalter in einem
besseren Licht dar, als es lange gesehen wurde. Weiss nicht,
warum. Vielleicht mag man unseren direkten Vorfahren nicht so
viel Schlechtes anhängen, will sie in einem besseren Licht
darstellen. Auch bleibt ja viel an der (christlichen) Kirche
hängen, die hatte ja in genau diesen 1000 Jahren die
Oberherrschaft in jeder Beziehung. Es es gibt Historiker,
Schriftsteller, die vom „bleiernen Jahrtausend“ (ca. 500 -
1500) sprechen.
Es gab auch mal Historiker, die von jüdischer Weltverschwörung sprachen. Und andere mit anderen Ideen. Halten wir fest, dass Historiker Menschen sind und zu allen Zeiten waren. Die Abkerh von der ethnozentrischen Bewertung ist eine relativ neue Sache. Über lange Zeit hinweg wurde munter gewertet, vor allem auch auf der Basis fehlenden Faktenmaterials. So ist es kein Wunder, dass die abstrusesten Bilder entstanden, die erst in jüngerer Zeit korrigiert werden (wir haben so etwas in Skandinavien, wo man in den letzten 30 Jahren erkannte, dass die meisten Menschen dort Bauern und keine Wikinger waren). Auch für die Frankenreiche ist der Begriff des „bleiernen Jahrtausends“ sicher so nicht mehr haltbar je mehr Material wir zur Verfügung haben. Auch die Rolle der Kirche wird immer differenzierter betrachtet. Gerade im Zusammenhang mit den Kreuzzügen habe ich dazu ja in anderen Diskussionen schon mehr geschrieben.
Interessant war auch eine Meinung, die ich vor einer Weile in
einem Radiobeitrag hörte: Wenn vor 1000 Jahren zur
Milleniumswende jemand um die Welt gereist wäre, um
herauszufinden, wo denn der zukünftige kulturelle,
zivilisatorische Schwerpunkt liegen könnte, wäre er auf alles
andere als Europa gekommen.
Ich liebe solche Beispiele. Sie zeigen ganz klar, welche Probleme mit einem derartig poulistischen Geschichtsverständnis auftreten. Natürlich wäre keiner auf Europa gekommen. Es wäre aber auch keiner auf Arabien oder Ägypten gekommen. Eher schon wäre man auf China gekommen. Wäre man?
Aus dem heutigen lückenhaften Verständnis heraus sicherlich. Weil nämlich der Herr Radiomoderator wenig von der islamischen Welt gewußt hat (weil wir alle immer noch viel zu wenig von der islamischen Welt dieser Zeit wissen), noch weniger von der europäischen Welt dieser Zeit (er glaubt ja an den netten plakativen Ausdruck vom finsteren Mittelalter) und er von Angkor, Surayavarman oder auch Kanem-Bornu noch nie was gehört hat. Wie soll er beispielsweise auch auf die Idee kommen, dass es in Ghana bereits seit 5 Jahrhunderten das Reich der Sorninke gab, das flächenmäßig und Einwahnerzahlmäßig mit China und den Frankenreiche locker konkurrieren konnte, aber durch seine ausgedehnten Handelsbeziehungen ungleich reicher war?
Du siehst, wenn jemand ums Jahr 1000 wirklich mit offenen Augen um die Welt gereist wäre, er hätte wahrscheinlich überhaupt keinen der aus unserer Sicht „üblichen Verdächtigen“ gewählt.
Gruß
Peter B.