Unfähigkeit erste Hilfe zu leisten

Hallo im Forum,
ich habe die Erfahrung gemacht, ein nervöses zittriges Häufchen Elend zu sein, nachdem ich einen Unfall gesehen habe, der wenige Meter von mir entfernt passierte. Eine ältere Frau ist von einer Treppe im Bahnhof gestürzt, blieb am Boden liegen und aus dem Kopf begann eine immer größer werdende Blutlache auszutreten. Ich sah dies und mir war zum Weglaufen, ich hatte den Reflex zum Weglaufen, nicht
zum Hingehen, nachsehen, helfen. Zum Glück waren andere Menschen da, die nach der Frau sahen und die die Wunde notdürftig versorgten. Ich hatte einen Poncho an und es war sehr zugig im Bahnhof,
da bin ich dann doch hin, habe den Poncho über die Beine gelegt, um wenigstens das Gefühl zu haben, etwas für sie getan zu haben. Bis der Notarzt kam, stand ich also daneben, zwei andere Personen kümmerten sich um die Verunfallte, und ich war nur am Zittern.

Erste-Hilfe-Kurse habe ich schon mehrere gemacht in meinem Leben. Ich glaube, ich kann kein Blut sehen, bei Blutabnahmen aus meinem Arm bin ich des Öfteren ohnmächtig geworden. Vor Fleisch und Tierblut ekel ich mich auch.

Kann man lernen, cool zu reagieren, um helfen zu können?
Wie sind Eure Erfahrungen?

Chrys

Hallo,

Kann man lernen, cool zu reagieren, um helfen zu können?
Wie sind Eure Erfahrungen?

natürlich kann man das, am schnellsten, wenn man täglich
mit solchen Tatsachen konfrontiert wird.

Ärtzte, Krankenschwestern, Rettungssanitäter, Gerichts-
mediziner, Feuerwehrleute und Polizisten kommen nicht
abgebrüht auf die Welt. Auch Fleicher sind ansonsten
ganz normale Menschen.
Es ist letzendlich nur eine Frage der Gewöhnung.
Gruß Uwi

Hi!

Kann man lernen, cool zu reagieren, um helfen zu können?
Wie sind Eure Erfahrungen?

Es gibt Versuche, in denen die „Hilfsbereitschaft“ von Menschen untersucht wurde. Dazu ließ sich ein (gesunder) Mensch im öffentlichen Raum einfach fallen und blieb liegen. So als ob er ohnmächtig geworden wäre. Dann wurden die umstehenden Leute beobachtet und gemessen, wie lange es dauert, bis jemand hilft.

Erschreckendes Ergebnis: An sehr belebten Plätzen (zB Bushaltestelle, Plätze, …) dauerte es wesentlich länger als in einsamen Gassen. Also grade dort wo eigentlich viele Leute sind, die helfen sollten/könnten, gibts die größte Zurückhaltung. Erklärt wird das damit, dass sich die Leute denken „Wieso soll grade ich helfen, sind doch so viele andere da?“ oder „Was ist wenn ich was falsch mache?“ oder „Dann starren mich ja alle an“. Man versucht also so anonym wie möglich zu bleiben. Am stärksten ist dieser Effekt in Großstädten (wo sich oft nicht einmal die Nachbarn kennen).

Ich bin mir sicher, dass es auch viele Leute gibt, die einfach zu nervös sind oder bei Blut ohnmächtig werden, und deshalb nicht helfen. Aber ich denke, dass das ein sehr kleiner Anteil der Gaffer ist.

Bye
Hansi

sicher richtig
Hi Hansi!

Allerdings kommt wohl noch hinzu, dass es drei Typen von Menschen gibt, unterschieden nach ihrem Verhalten in Stresssituationen:
a) Der Mensch macht alles intuitiv richtig und meistert die Situation
b) er rennt davon und flieht
c) er erstarrt und ist handlungsunfähig.

Scheint wohl jeweils 1/3 der Menschen zu treffen.

Aber Du hast sicher recht: Wenn die Situation nur noch wenig Stress auslöst (=Gewöhnung), dann dürfte sich das Handeln der drei Grundtypen aneinander annähern…

Grüße
Jürgen

Huhu!

Stimme dir ja größtenteils zu, mit einem großen ABER:

Den ersten Punkt würde formulieren als:
a) Der Mensch versucht angemessen zu handeln.
Wobei dann a1) wäre

Der Mensch macht alles intuitiv richtig und meistert die
Situation

und a2) Der Mensch scheitert, aber hat es versucht.

Grüßlis!
Scrabz aka Philipp (aka Drache).
Der glaubt, das man das Verhalten im Krisenfall trainieren kann.

hallo chrys,

in situationen, wo jemand hilfe braucht, bin ich komischerweise cool, obwohl ich sonst etwas ängstlich bin (gestern stand ich zitternd vor einer schulklasse wie vor einem rudel löwen).

mir ist aufgefallen, daß man in notsituationen eingeschränkt denkt. man nimmt nur teile der situation wahr, die dann das denken beherrschen. bei dem einen ist es vielleicht „ich muß helfen, ich muß xy tun“, bei dem anderen ist es „oh schreck!“ und der ist so gebannt, daß im das xy gar nicht einfällt.

vielleicht wäre es in der von dir beschriebenen situation anders verlaufen, wenn du alleine gewesen wärst. ich denke, nach kurzer zeit hättest du den schock überwunden und dir wäre xy auch wieder eingefallen. in der tat war es ja so: dir fiel ein, daß die frau wärme braucht und du hast ihr geholfen. den körper nach einem unfall warm zu halten, ist wichtig, und du hast sinnvoll gehandelt.

vielleicht überrascht es dich, aber ich denke, du hast eigentlich nichts falsch gemacht. du hättest vielleicht schneller/ als erster zu ihr gehen können. dann hätte es aber schon gereicht, sie zuzudecken und den notarzt anzurufen. du denkst, du hättest die wunde versorgen müssen und schämst dich vielleicht gegenüber den leuten, die das getan haben. aber vielleicht haben gerade die leute etwas falsch gemacht. stark blutende wunden soll man zwar versuchen zu stillen, aber da die frau auf den kopf gefallen ist, hätte sie vielleicht einen schädelbruch haben können und dann soll man sie möglichst nicht bewegen. als laie fällt es schwer zu beurteilen, was man tun muß. manchmal ist es auch richtig, nicht viel zu tun bzw. etwas zu lassen. ich glaube, dein verhalten war nicht unbedingt falsch.

um in notsituationen schneller reagieren zu können, kann man richtiges verhalten üben. du hast schon mehrere erste-hilfe-kurse hinter dir - ich weiß nicht, wie lange diese her sind und wie intensiv diese waren. vielleicht frischst du dein wissen auf. vor der anmeldung kannst du dich nach den kursinhalten erkundigen: es sollte viel praxis enthalten sein und es sollte auch nicht unbedingt ein kurz-kursus wie für den führerschein sein, sondern einer, der etwas länger dauert und intensiver ist.

außerdem kannst du gedanklich üben, was zu tun ist. analysiere, was du in der beschrieben situation anders hättest machen können/ sollen. nach meiner meinung wäre das gar nicht so viel, nämlich hingehen, sehen, was los ist, handy zücken und den notarzt rufen.