unbewußte Wünsche und Konflikte
Hi,
Du hast hier eine interessante Darstellung deiner vorläufigen Lebensbilanz gegeben. Und da hier gerade aktuell ein Disput vorgeht über die Unterschiede psychologischer Theorien und therapeutischer Verfahren, will ich dir einmal antworten aus der Perspektive einerseits der sog. Psychoanalyse (nicht der klasssichen, sondern aktuelleren Weiterentwicklungen) bzw. der sog. Tiefenpsychologie (das ist hier jetzt noch nicht unterschieden) und andererseits aus einem von mir selbst angewendeten Verfahren. Das letztere deutet sich jedoch nicht in den von mir verwendeten Fachausdrücken an, sondern eher in der Weise, wie ich auf den von dir gegebenen Text zunächst antworte.
Du bist also sehr „busy“!
Ich kämpfe mit meiner Unfähigkeit, ein erfolgreiches Leben zu führen.
immer wenn sie Erfolg abzeichnete, zerstörte ich ihn vorher
Die scheinbare(!) Paradoxie dieses Verhaltens ist dir ganz sicher bewußt. Wenn wir im direkten Gespräch wären, würde ich dich gerne fragen, ob deine Ausdrücke wie „Unfähigkeit“,„komme nicht in die Strümpfe“, „tue alles, um meine Chance zu zerstören“ wirklich exakt dem entsprechen, was du selbst tust und wie du dich selbst erlebst, während du es tust. Oder ob das vielmehr Ausdrücke sind, die dir durch andere aus deren Außenperspektive nahegelgt wurden und die du dann für deine Selbstbeschreibung übernommen hast?
Hältst du dich selbst wirklich für „unfähig“ in dieser Hinsicht? Hast du in den Augenblicken, wenn du etwas für den Erfolg notwendiges nicht tust, wirklich das Bewußtsein, zerstörerisch aktiv zu handeln? Wenn du innerhalb deiner Liebesbeziehung etwas gerade sagst, tust, tust du es in dem vollen Bewußtsein, gerade die Beziehung „hinzurichten“?
Du stellst diesem Forum eine Reihe von Warum-Fragen:
„warum tue ich das?“
„warum zerstöre ich meine Hoffnung?“
„warum tue ich mir das an?“
„was kann ich dagegen tun?“ [ich ergänze: „dagegen, daß ich etwas mit Absicht tue, das meine Absichten zunichte macht“]
Du hast anderseits schon viele Therapien hinter dir. Stellst du uns diese Warum-Fragen also wirklich in dem Wunsch, von uns eine Antwort zu bekommen, die du in den vielen Therapien bisher nicht gefunden hast?
Und weiter: Wonach fragen deine Warum-Fragen?
Ein Warum fragt ja nach Gründen, und wir wissen, daß es grundsätzlich zwei Kategorien von Gründen gibt:
- der Grund „woraufhin“. Hier fragst du nach dem Ziel, dem Zweck deines Verhaltens, nach einer auf ein „noch nicht“ orientierten Motiviertheit, nach einer Vollendung, Erfüllung eines Wunsches, und signalisierst mit der nach außen gestellten Frage, daß dir diese Ziele, diese Wünsche nicht bewußt seien, und daß du wünschst, daß sie dir durch eine Intervention von außen bewußt werden sollen.
- der Grund „woher“. Hier fragst du nach dem Ursprung, Anlaß, Ursache, nach der Quelle deiner von einem „nicht mehr“ ausgehenden Motiviertheit für dein jetztiges Verhalten.
Und beide Kategorien von Gründen beziehen sich auf dein Verhalten jetzt, das dir zu anderen Strebungen im Widerspruch zu stehen scheint(!). Zu Strebungen, die deiner Begabung, deinen Interessen, deiner Intelligenz, deinem Erfolgswillen konform sind.
Mit dem „Warum“ deutest du zugleich an, daß du diese zwei Typen von Gründen, Motiviertheiten als tatsächlich vorhanden voraussetzt, nur, daß sie dir eben noch nicht bewußt seien.
Diese Gründe nennt man daher in neueren Konzeptionen einer bestimmten psychotherapeutischen Schule (der Psychoanalyse): „unbewußt“.
Und insofern diese Gründe, Motiviertheiten im Konflikt zu stehen scheinen mit anderen Bewegungen deines enormen Ehrgeizes und Erfolgswillens und Perfektionebedürfnisses, und dieser Konflikt aber in der Gegenwart keinerlei erkennbaren „Sinn“ macht, nennt man in dieser Schule diesen Konflikt „unbewußter Konflikt“. Und weil der eigentliche, noch nicht erkannte Inhalt oder „Sinn“ dieses Konfliktes nicht in der Gegenwart zu finden ist, ergibt sich, daß dieser, wenn er denn unbedingt gefunden werden soll, in deiner biographischen Vergangenheit zu suchen sei.
Diese „Erinnerungsarbeit“ würde sich dann aber nicht auf „äußerlich“ Erinnerbares deiner Biographie beziehen, also nicht auf solche Dinge, bei denen dir z.B. andere, die dir früher begegneten, mit Auskunft behilflich sein könnten. Sondern sie würde sich auf Erinnerungen deines eigenen, subjektiven und früher nicht zum Ausdruck gebrachten (und insofern „inneren“) Erlebens beziehen. Ich verwedne dafür den Ausdruck „Eigen-Empathie“.
Du selbst gibst mit der hier gestellten Warum-Frage ja auch vor, daß du selbst die Hoffnung hast, daß ein Bewußtwerden dieser Konflikte und Gründe einen Beitrag liefern könnte zu der Befreiung deiner Strebungen nach Erfolg - vielleicht aber auch, und das sollte man vorher keineswegs ausschließen, zu der Erkenntnis, daß umgekehrt dieses Erfolgstreben selbst gar nicht dein „eigenes“ ist, sondern nur die Übernahme („Introjektion“) eines von anderen geforderten Erfolges. Eine Forderung, die dir, da du dich mit ihr „identifiziert“ hast, nicht mehr als Forderung „bewußt“ ist.
Dein Wunsch könnte(!) es also sein (und das ist nur in der Sprache dieser oben erwähnten psychologischen Theorie so formulierbar), zu erkennen, welche (zunächst noch „unbewußten“) Absichten du hast, beruflichen Erfolg und befriedigte Liebesbeziehung zu vermeiden.
Welchen Zweck wiederum dieser Erkenntniswunsch haben mag: ob die Vollendung des Wunsches nach Mißerfolg und Liebesverzicht oder ob die Vollendung nach Erfolg und erfülltem Liebesleben, das bliebe dann dem weiteren Verlauf eines dialogisch geführten sog. „psychotherapeutischen“ Prozesses überlassen.
Therapien habe ich jahrelang gemacht, aber es hat sich nichts geändert.
In diesem Zusammenhang wäre ich sehr neugierig, welche Arten von Therapien du schon gemacht hast? Und ob du sie, da es ja viele sind, jeweils abgebrochen hast oder ob sie in Absprache mit den Therapeuten als aussichtslos beendet wurden?
Laß und gerne im Gespräch bleiben.
Gruß
Metapher