Unfähigkeit zu einem erfolgreichen Leben

Ich kämpfe mit meiner Unfähigkeit, ein erfolgreiches Leben zu führen. Gerade im Augenblick sitze ich hier, ein erfolgversprechendes Diplomarbeit vor der Nase, in einer Praktikumsstelle, die eine Übernahme nach der Diplomarbeit verspricht - und tue mal wieder alles, meine Chancen zu zerstören. Bei der Diplomarbeit komme ich nicht in die Strümpfe, einerseits durch Perfektionismus, andererseits durch Arbeitsblockaden, im Praktikum zerstöre ich mir Sympathien durch meine stoffelige Art, und in der Liebe richte ich auch gerade meine Beziehung hin - warum tue ich das? Warum zerstöre ich meine Hoffnungen auf eine positive Zukunft? Statt tatkräftig an meinem Leben zu arbeiten, hänge ich nur durch und schiebe Frust.
Und dieses Verhalten zieht sich durch mein ganzes Leben - immer wenn sie Erfolg abzeichnete (Beruflich, sozial, partnerschaftlich), zerstörte ich ihn vorher, so dass ich nun mit 32 vor den Scherben eines nicht gelebten Lebens stehe…

Therapien habe ich jahrelang gemacht, aber es hat sich nichts geändert.

Warum tue ich mir das an? Was ziehe ich da für einen unbewßten Nutzen raus?
Und vor allem: Was kann ich dagegen tun??

Danke

busy

Hallo,

Warum tue ich mir das an? Was ziehe ich da für einen unbewßten
Nutzen raus?

kann es sein, dass du einfach Angst vor der Ungewissheit hast, was dich nach der Veränderung erwartet? Der Nutzen, den du dann aus deinem Verhalten ziehen würdest, wäre der, dass du dich im studentischen Leben einrichtest, weil du dich dort wohlfühlst.

Und vor allem: Was kann ich dagegen tun??

Zunächst scheint mir die Erkenntnis der Folgen dieser Haltung ein wichtiger Schritt zu sein. Eine solche Haltung - wie oben beschrieben - wäre ja kontraproduktiv … und sie wäre darüber hinaus unangemessen. Frag dich einmal, wie der Übergang vom Schüler zum Studenten bei dir war und wie du die damalige Veränderung angegangen bist bzw. bewältigt hast. Könntest du Parallelen ziehen?

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo „busy“,

ich lege mal ein paar Gedanken vor, vielleicht ist der ein oder andere hilfreich für Dich.

Eine Vermutung:
vom Lebensalter her könntest Du - selbst nach Abschluß einer Ausbildung - mit dem Studium bereits fertig sein und im Berufsleben stehen.

Meine Erfahrung:
viele meiner Kunden sind Studenten, die (erst) durch die Herausforderung Abschlußarbeit (Magister-, Diplomarbeit oder Hausaufgabe im Staatsexamen) merken, dass sie wissenschaftliches Arbeiten, wie es insbesondere diese Arbeiten erfordern, nicht gelernt haben. Oft kommt noch eine schlechte Betreuung durch die Hochschullehrer hinzu; am häufigsten in der Form, dass Themen gestellt oder abgesprochen werden, die in den vorgegebenen Bearbeitungszeiträumen nicht oder kaum zu bewältigen sind.

Mein Schluß aus dieser Erfahrung:
die hohe Zahl der Studienabbrecher (im Hauptstudium) hängt u.a. direkt mit dem gerade beschriebenen Phänomenen zusammen. Was die „öffentlichkeit“ nicht bemerkt: viele meiner Kunden „schleppen“ sich jahrelang (!!) zur Hochschule und „spielen“ Student, der mit seiner Abschlußarbeit befasst ist. Die Beschreibung, wie Du Dich im Moment fühlst, illustriert diese Situation recht anschaulich.

Was kann der Student, der in solch einer Situation „feststeckt“ oder „erstarrt“ ist, tun?

  • Sich zugestehen, dass er alleine - im Moment - nicht klar kommt.
  • Sich auf jeden Fall Hilfe holen. Das kann ein professioneller Coach
    oder die psychosoziale Beratungsstelle der Hochschule sein.

Wie arbeitet ein guter Berater?

  • Von meinen Kunden verlange ich ein Exposé zur Arbeit:
    darin wird das Thema (die Fragestellung), die Begründung für das Thema, die Zielsetzung und die Vorgehensweise (= Methodisches Vorgehen) beschrieben. Zudem umfaßt das Exposé einen Zeitplan und die Beantwortung der Frage: „Wo siehst Du in Deinem Vorhaben besondere Probleme?“
  • Durch das Exposé wird die große Aufgabe Abschlußarbeit in kleine, überschaubare und bearbeitbare Schritte strukturiert
  • Durch die Abfrage der Probleme, die erwartet werden, kann rechtzeitig ein Training zur Vermeidung der Probleme entwickelt und vereinbart werden.
  • Zu meiner Arbeit gehört, dass sich meine Kunden zu regelmäßigen persönlichen Reporten verpflichten: darin berichten Sie über ihre Fortschritte. Sie kontrollieren zudem - gemeinsam mit mir - die Einhaltung des Zeitplanes; ggf. werden hier Korrekturen vorgenommen.
  • Arbeiten sollte der Student möglichst nicht zu Hause, sondern
    in einem „eigenen Büro“. Das kann ein Zimmer bei einem Freund
    sein oder eine Bibliothek (im Ruhebereich).

Dass die von mir beschriebene Arbeit an sich, als Person, und gleichzeitig an der Abschlußarbeit, eine echte Herausforderung darstellt, brauche ich nicht zu betonen.
Allerdings: Nur Mut!! Die meisten der von mir betreuten haben diese Herausforderung gemeistert. Viele haben nach nur vier von ursprünglich 10 anvisierten Reporten, die Arbeit vollständig alleine bewältigt und mich nur noch mit dem Lektorat beauftragt.
Andere haben erkannt, dass Sie schon das Exposé nicht zustande bringen und sich entschieden das Studium abzubrechen und eine andere Ausbildung zu machen. Ein zwar später Entschluß (bezogen auf die Studiendauer): aber immerhin ein Entschluß anstatt „jahrelang in einer studentischen Lebensform“ zu verharren.

Deutliche Worte? Hoffentlich.

Grüsse aus Lüneburg

Heiner Gierling

unbewußte Wünsche und Konflikte

Hi,

Du hast hier eine interessante Darstellung deiner vorläufigen Lebensbilanz gegeben. Und da hier gerade aktuell ein Disput vorgeht über die Unterschiede psychologischer Theorien und therapeutischer Verfahren, will ich dir einmal antworten aus der Perspektive einerseits der sog. Psychoanalyse (nicht der klasssichen, sondern aktuelleren Weiterentwicklungen) bzw. der sog. Tiefenpsychologie (das ist hier jetzt noch nicht unterschieden) und andererseits aus einem von mir selbst angewendeten Verfahren. Das letztere deutet sich jedoch nicht in den von mir verwendeten Fachausdrücken an, sondern eher in der Weise, wie ich auf den von dir gegebenen Text zunächst antworte.

Du bist also sehr „busy“!

Ich kämpfe mit meiner Unfähigkeit, ein erfolgreiches Leben zu führen.
immer wenn sie Erfolg abzeichnete, zerstörte ich ihn vorher

Die scheinbare(!) Paradoxie dieses Verhaltens ist dir ganz sicher bewußt. Wenn wir im direkten Gespräch wären, würde ich dich gerne fragen, ob deine Ausdrücke wie „Unfähigkeit“,„komme nicht in die Strümpfe“, „tue alles, um meine Chance zu zerstören“ wirklich exakt dem entsprechen, was du selbst tust und wie du dich selbst erlebst, während du es tust. Oder ob das vielmehr Ausdrücke sind, die dir durch andere aus deren Außenperspektive nahegelgt wurden und die du dann für deine Selbstbeschreibung übernommen hast?

Hältst du dich selbst wirklich für „unfähig“ in dieser Hinsicht? Hast du in den Augenblicken, wenn du etwas für den Erfolg notwendiges nicht tust, wirklich das Bewußtsein, zerstörerisch aktiv zu handeln? Wenn du innerhalb deiner Liebesbeziehung etwas gerade sagst, tust, tust du es in dem vollen Bewußtsein, gerade die Beziehung „hinzurichten“?

Du stellst diesem Forum eine Reihe von Warum-Fragen:
„warum tue ich das?“
„warum zerstöre ich meine Hoffnung?“
„warum tue ich mir das an?“
„was kann ich dagegen tun?“ [ich ergänze: „dagegen, daß ich etwas mit Absicht tue, das meine Absichten zunichte macht“]

Du hast anderseits schon viele Therapien hinter dir. Stellst du uns diese Warum-Fragen also wirklich in dem Wunsch, von uns eine Antwort zu bekommen, die du in den vielen Therapien bisher nicht gefunden hast?

Und weiter: Wonach fragen deine Warum-Fragen?
Ein Warum fragt ja nach Gründen, und wir wissen, daß es grundsätzlich zwei Kategorien von Gründen gibt:

  1. der Grund „woraufhin“. Hier fragst du nach dem Ziel, dem Zweck deines Verhaltens, nach einer auf ein „noch nicht“ orientierten Motiviertheit, nach einer Vollendung, Erfüllung eines Wunsches, und signalisierst mit der nach außen gestellten Frage, daß dir diese Ziele, diese Wünsche nicht bewußt seien, und daß du wünschst, daß sie dir durch eine Intervention von außen bewußt werden sollen.
  2. der Grund „woher“. Hier fragst du nach dem Ursprung, Anlaß, Ursache, nach der Quelle deiner von einem „nicht mehr“ ausgehenden Motiviertheit für dein jetztiges Verhalten.

Und beide Kategorien von Gründen beziehen sich auf dein Verhalten jetzt, das dir zu anderen Strebungen im Widerspruch zu stehen scheint(!). Zu Strebungen, die deiner Begabung, deinen Interessen, deiner Intelligenz, deinem Erfolgswillen konform sind.

Mit dem „Warum“ deutest du zugleich an, daß du diese zwei Typen von Gründen, Motiviertheiten als tatsächlich vorhanden voraussetzt, nur, daß sie dir eben noch nicht bewußt seien.

Diese Gründe nennt man daher in neueren Konzeptionen einer bestimmten psychotherapeutischen Schule (der Psychoanalyse): „unbewußt“.

Und insofern diese Gründe, Motiviertheiten im Konflikt zu stehen scheinen mit anderen Bewegungen deines enormen Ehrgeizes und Erfolgswillens und Perfektionebedürfnisses, und dieser Konflikt aber in der Gegenwart keinerlei erkennbaren „Sinn“ macht, nennt man in dieser Schule diesen Konflikt „unbewußter Konflikt“. Und weil der eigentliche, noch nicht erkannte Inhalt oder „Sinn“ dieses Konfliktes nicht in der Gegenwart zu finden ist, ergibt sich, daß dieser, wenn er denn unbedingt gefunden werden soll, in deiner biographischen Vergangenheit zu suchen sei.

Diese „Erinnerungsarbeit“ würde sich dann aber nicht auf „äußerlich“ Erinnerbares deiner Biographie beziehen, also nicht auf solche Dinge, bei denen dir z.B. andere, die dir früher begegneten, mit Auskunft behilflich sein könnten. Sondern sie würde sich auf Erinnerungen deines eigenen, subjektiven und früher nicht zum Ausdruck gebrachten (und insofern „inneren“) Erlebens beziehen. Ich verwedne dafür den Ausdruck „Eigen-Empathie“.

Du selbst gibst mit der hier gestellten Warum-Frage ja auch vor, daß du selbst die Hoffnung hast, daß ein Bewußtwerden dieser Konflikte und Gründe einen Beitrag liefern könnte zu der Befreiung deiner Strebungen nach Erfolg - vielleicht aber auch, und das sollte man vorher keineswegs ausschließen, zu der Erkenntnis, daß umgekehrt dieses Erfolgstreben selbst gar nicht dein „eigenes“ ist, sondern nur die Übernahme („Introjektion“) eines von anderen geforderten Erfolges. Eine Forderung, die dir, da du dich mit ihr „identifiziert“ hast, nicht mehr als Forderung „bewußt“ ist.

Dein Wunsch könnte(!) es also sein (und das ist nur in der Sprache dieser oben erwähnten psychologischen Theorie so formulierbar), zu erkennen, welche (zunächst noch „unbewußten“) Absichten du hast, beruflichen Erfolg und befriedigte Liebesbeziehung zu vermeiden.

Welchen Zweck wiederum dieser Erkenntniswunsch haben mag: ob die Vollendung des Wunsches nach Mißerfolg und Liebesverzicht oder ob die Vollendung nach Erfolg und erfülltem Liebesleben, das bliebe dann dem weiteren Verlauf eines dialogisch geführten sog. „psychotherapeutischen“ Prozesses überlassen.

Therapien habe ich jahrelang gemacht, aber es hat sich nichts geändert.

In diesem Zusammenhang wäre ich sehr neugierig, welche Arten von Therapien du schon gemacht hast? Und ob du sie, da es ja viele sind, jeweils abgebrochen hast oder ob sie in Absprache mit den Therapeuten als aussichtslos beendet wurden?

Laß und gerne im Gespräch bleiben.

Gruß

Metapher

Hallo Busy

Schau mal unter www.adhs.ch/add/diagnose.htm und beurteile, ob dies auf Dich sehr oder nur schwach zutrifft.
Man muss die Ursache herausfinden, um es bekämpfen zu können.
Bin auf Antwort gespannt

Gruss
Beat

Hi ‚busy‘,
was Du da schreibst, kommt mir sehr, sehr bekannt vor.
Aber denk bitte nicht, dass Du Dir jeden Erfolg unterbewusst absichtlich zerstörst, und Dich mit der Interpretation dann für die ‚Scherben Deines Lebens‘ verantwortlich machst. Und Dich dann total scheisse fühlst.
Ich würde SEHR in Richtung ADS (Attention Deficit Disorder - ADD auf Englisch, manchmal auch ADHD genannt) tippen, wie auch hier jemand schon erwähnt hat.
Ich weiss nicht, in welchen ‚Therapien‘ Du schon warst (sorry, die Anführungsstriche sollen nichts zu meiner Meinung zu Therapien aussagen, aber FALLS Du wirklich ne ‚Störung‘ neurologischer Art in Richtung ADS hast, und das bei keiner Therapie auch nur irgendwem in den Sinn gekommen ist, denke ich, dass die deinigen Therapien dann nun doch nicht die richtigen waren).

  • sich unfähig zu fühlen, das, was man nun anpacken müsste, anzupacken?
  • Perfektionismus?
  • Konzentrations - und Aufmerksamsschwierigkeiten, von allem und jedem abgelenkt werden?
  • Probleme im Umgang mit Menschen, ob privat oder beruflich? Starke Stimmungsschwankungen, aber auch oft eine falsche Wortwahl, die nicht mal das, was man sagen will, reflektiert, aber bevor man sich korrigieren kann, hat man schon nen Missverständnis oder nen Streit am Hals? Kurz gesagt, andauernd ins Fettnäpfchen treten?
    -usw usw usw

Weiss nicht, ob das noch den Sachen, die Du erwähnt hattest, entspricht. Aber garantieren kann ich Dir, dass alles, was Du erwähnt hast, natürlich das Selbstwertgefühl einer jeden betroffenen Person in den Keller sausen lassen - womit man natürlich noch gelähmter ist, und sich noch viel weniger konzentrieren kann.

Ich möchte Dir jetzt natürlich nicht sofort das Etikett ‚ADS‘ anheften, aber tun wir nun mal so, als hättest Du ADS:

  • es ist eine neurologische Störung, man kann sie zwar nicht heilen, aber man kann sie mindern. Durch Nahrungsumstellung. Dadurch, dass man sich darüber informiert und seine Verhaltensweisen auf einmal viel besser erkennt, und die ‚Symptome‘ (Verhalten) auf Ursachen zurückführen kann. Durch Medikamente. Durch das Lesen von ADS- Praxisbüchern, in denen man lernen kann, damit sehr viel besser umzugehen. Durch verständnisvolle Mitmenschen, die natürlich erst dann was verstehen können, wenn man ihnen das Problem darlegt.
    Und vieles mehr. Bin bei dem Thema kein Experte.

Schau Dir mal die websites an:
www.opti-mind.de
www.addchaotic.de
www.borntoexplore.org (auf englisch)
und viele mehr, die ich nicht kenne, die Du aber in ner Suchmaschine sicher fündig machen kannst.

Das Wichtigste ist aber wohl, Dir nicht andauernd die Schuld zu geben.
Du leidest nicht nur darunter, du leidest AN ETWAS. Und wenn Du dieses Etwas identifizieren kannst, wird es Dir hoffentlich schon sehr viel besser gehen. Und dann kann man sich daran machen, mit diesem Etwas umgehen zu lernen. Und alles wird einfacher.

Hoffe ich zumindest.
Lieben Gruss,
Isabel