Übersiedlung West-Ost
In einem Gespräch mit jemandem sind mir einige Dinge
aufgefallen, die mir seltsam erscheinen:
Sie ist ihrer Aussage nach Halb-Amerikanerin und 22 Jahre alt.
Ihr Vater habe vor ihrer Geburt ihre aus Amerika zugezogene
Mutter in Berlin (Westen) kennengelernt. Dann hätte der Vater
ein Haus in Dresden geerbt und sei mit der Mutter nach Dresden
gezogen, wo sie, mit der ich gesprochen habe, dann zur Welt
gekommen sei.
Die Auffälligkeit ist: Konnte man Anfang der 80er Jahre als
Westberliner, auch mit amerikanischer Ehefrau, einfach so in
die DDR ziehen? Kann mir dsa jemand näher erklären?
Hallo Ostlandreiter,
die Erzählung erschein mir auch sehr seltsam. Übersiedlungen von West nach Ost waren zu der Zeit nicht ausgeschlossen, aber doch eher die Ausnahme. Ein geerbtes Haus war für einen nüchtern rechnenden Wessi kein Umsiedlungsgrund. Baustoffe waren nur schwer zu bekommen und die Mieten nicht kostendeckend. Mit eingeführter frei konvertierbarer Währung war auch in der DDR einiges erhältlich. Mir stellt sich aber die Frage, warum man übersiedeln sollte, wenn das Geld vorhanden ist.
Meine Oma hat ihr Haus mit Nebengebäuden und über 1000 m² Grundstück für ca. 10.000 Mark verkauft und das Geld an die zukünftigen Erben ausgezahlt. Meine Eltern lebten in einer Mietwohnung (ca. 100 m² + Garage + Garten) für 59 Mark. Als Telefoninhaber waren sie fast schon privilegiert. Im Wohnort meiner Oma hätten beide leicht einen Arbeitsplatz gefunden. Ohne Beziehungen hätten sie das Haus aber nicht unterhalten können.
Die Drohung (und Selbstüberschätzung) von Erich: „Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.“ wurde bis Ende 1989 noch ernst genommen. Die Ausreisewelle (auch unter Verzicht auf Grund und Boden) führte 1961 zum Bau der Mauer und 1989 zum Sturz des DDR-Regimes.
Was könnte also die Familie zu einem Umzug bewogen haben? Wissenschaftliche Fachkräfte wurden sehr selten von West nach Ost abgeworben. Bessere Forschungsbedingungen und ein erhöhtes Einkommen konnten kaum geboten werden.
Die DDR-Staatssicherheit hatte allerdings ein breit gefächertes Agentennetz im „nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet“. Stand eventuell ein Spion kurz vor der Enttarnung oder war eine planmäßige Weiterbeschäftigung im Heimatland avisiert? Dafür wurden Legenden geschaffen. Vielleicht weiß die Halb-Amerikanerin nichts von den aufgebauten Legenden. Die Stasi war ein gut funktionierender Geheimdienst. Warum sollten die Eltern heute berichten?
Deine Bekannte könnte natürlich Einblick in das Grundbuch nehmen und Auskunft bei der Birthler-Behörde beantragen (http://www.bstu.de/).
Eventuell zeige ich Paranoia. Eventuell stimmt die Geschichte. Eventuell stimmt sie nur mit erheblichen Ergänzungen. Du wirst das kaum überprüfen können. Skeptisch wäre ich aber auch an Deiner Stelle.
Leider wird die Geschichtsaufarbeitung in Ost und West unserer Republik extrem gehandhabt. Im Osten erhalten kleine Mitläufer wegen einer Verpflichtungserklärung, die sie mit 18 unterschrieben haben, heute noch Probleme im öffentlichen Dienst. Im Westen wird nicht einmal nach den größeren Fischen gefragt.
Antworten konnte ich Dir keine bieten. Eventuell findest Du einige Denkansätze.
Mit freundlichen Grüßen
Ulf