Unheimliches in der Romantik

Hallo!

Es steht überall geschreiben, dass das Unheimliche, Geheimnisvolle Kennzeichen der Romantik sei, aber was war den Menschen damals unheimlich?
War es Napoleon und seine von ihm verbreiteten Schrecken, waren es Automatenmenschen und Alchemisten? War es die Nacht, die doch gleichzeitig zum Schreiben und Kommermusizieren genutzt wurde? Waren es Zauberer? Glaubten die Menschen wirklich dran? Welche Phantasien wurden gepflegt? Wie unterscheidet sich all das von dem, was uns heute unheimlich ist?

Danke Coco

Servus Coco,

Wie unterscheidet sich all das von dem, was uns heute unheimlich ist?

meines Erachtens vor allem darin, daß der Rück-Pendelschlag von Lumière zu „zweckmäßig veranstaltetem Helldunkel (Christoph Martin Wieland)“, den wir seit Mitte der 1970er Jahre erleben, bloß ein zweiter oder dritter Aufguss von Romantik ist, während jene ursprüngliche Epoche wenigstens das Original für sich beanspruchen konnte. Im Übrigen entsetzlich wenig.

Das Spielen mit dem Unheimlichen - Unerklärlichen - von der lumière (angeblich) Unbeleuchtbaren, von Tischrücken über Familienaufstellung und Feng Shui bis Gothic, ist nicht dadurch veranlasst, daß konkret irgendetwas oder irgendwer unheimlich wäre. Den Unheimlichsten aller deutschen Romantiker haben wir ja seit etwa 50 Jahren hinter uns.

Es geht dabei eher um das „Heimelige“ des Unheimlichen, das Aufgehobenfühlen in der Mondnacht, die so vieles im Schatten und halboffen lässt, wenn das durch Eigenverantwortung in Vernunft überforderte Subjekt sich dadurch die vernünftige Analyse ersparen kann.

Ich tue damit einigen bedeutenden Prä- und Romantikern, insbesondere Adalbert von Chamisso und Heinrich Heine, sicherlich unrecht - diese waren immerhin im Vollbesitz ihrer eigenen Zweifel.

Es spielt in der Epoche der Romantik wohl eine Rolle, daß sich „Dichter und Denker“ kaum von dem Schock erholt hatten, daß die so vielversprechende Revolution die Chimäre des Bonapartismus geboren hatte, während die Reaktion sich alsbald berappelt hat und ärger als vorher (nämlich auf bonapartistische Weise technisch modernisiert) mit Knebel, Bajonett und Zensur wütete. So daß das „wohin denn jetzt?“ naheliegender Weise in arkadischen Träumen, Mondnächten, fern dahinrollenden Postkutschen und wehmütiger Erinnerung an ritterliche Treue (im Gegensatz zu Karlsbader Despotismus) verplätscherte.

Parallelen in D seit 1949 überlass ich Dir selber - es mag unnütze Streitereien geben, wenn ich den Weg von der großartigen überzeugt antifaschistischen Verfassung Trizonesiens über Willy Brandts vergessene Opfer und Stammheim nachzeichne bis zum neo-bonapartistischen Spreebogen, wo man die ersten Artikel des Grundgesetzes graviert in Panzerglas lesen kann, hinter dem sich die Administratoren der großdeutschen Republik angstvoll verschanzen.

Soweit my 2 €-Cents.

Schöne Grüße

MM