frischer (!) Kantianer 
Hallo Gandalf,
Einen schönen Beitrag mit dem Titel ‚Quantentheorie und
Kantsche Philosopie‘ gibt es in einem Reclambändchen von
Werner Heisenberg mit dem Titel ‚Quatentheorie und Philosopie‘
Dort diskutieren Heisenberg und Weizsäcker zwar über den
radioaktiven Zerfalll mit einer Kantianerin, aber einige
Aspekte betreffen auch die Unschärferelation, sehr lesenswert.
den Aufsatz kenne ich natürlich (trotzdem vielen Dank für den Hinweis, ich habe zur Sicherheit noch einmal nachgelesen), und er zeigt IMHO ganz deutlich, auf welcher Seite das Problem liegt …
Am Ende des Aufsatzes lässt Heisenberg Weizsäcker sprechen, der ein Argument bringt, das bis heute von den Vertretern der kopenhagener Deutung angeführt wird. Weizsäcker vollbringt hier einen rhetorischen Trick, indem er sagt, er möchte die Diskussion eigentlich nicht auf die historische Schiene verlegen, tut das dann aber doch ganz explizit, indem er die ontologische Deutung als Erkenntnisfortschritt bezeichnet.
Das historische Argument ist aber gar nicht das Problem, denn die Kantische Deutung des Kausalbegriffes ist gegenüber dem
historischen Argument invariant. Denn die Theorie, die Kant vorträgt, ist eine nicht-empirische Theorie des Empirischen, die mit empirischer Methodik eben nicht zu Fall gebracht werden kann. Um das zu tun, müsste man schon behaupten, die Kantische Theorie widerspräche den beobachteten Phänomenen. Das aber ist eben nicht der Fall, weil man nur den tatsächlichen Anwendungsbereich beschneiden muss, was aber den möglichen Anwendungsbereich nicht berührt.
Mit anderen Worten: Das, was Weizsäcker laut Heisenberg behauptet, ist eine methodische Keule, mit der man seine theoretischen Gegner mundtot macht, aber kein wirkliches Argument. Grete Hermann hat nur zu früh nachgegeben, oder vielmehr hat sie die Diskussion hier wohl abgebrochen, weil sie die Aussichtslosigkeit (und nicht etwa die Falschheit ihres Arguments) eingesehen hat.
Das zeigt vor allem der letzte Absatz, den man schon „entlarvend“ nennen kann. Dort steht:
„Mit dieser Antwort, die ja teilweise von Bohr stammte, war Grete Hermann, wie uns schien, einigermaßen zufrieden, und wir hatten das Gefühl, das Verhältnis der Kantischen Philosophie zur modernen Naturwissenschaft besser verstanden zu haben.“
Heisenberg ruft erstens die Autorität Bohrs zu Hilfe, was schon für sich merkwürdig ist. Zweitens bleibt seine Darstellung insbesondere in diesem Satz im Hypothetischen stecken, wie die Worte „wie uns schien“ (aber wohl nur ihnen und auch nicht sicher), „einigermaßen“ (also eigentlich doch nicht) und „wir hatten das Gefühl“ (aber wir wussten es eben doch nicht) zeigen.
Ich bedauere sehr, dass diese Art, miteinander umzugehen, bis heute gepflegt wird (insbesondere von Weizsäcker, der in seinen philosophischen und religiösen Denkweisen einfach nur überheblich ist - und nichts weiter). Man sagt Weizsäcker nur nicht die Meinung, weil er inszwischen 90 Jahre alt ist. Man braucht nur seine Briefsammlung zu lesen, um seine Überheblichkeit zu spüren. Ich selbst habe von ihm mal einen Brief erhalten, der diese Überheblichkeit noch besser zeigen würde (nein, nicht mir gegenüber, sondern gegenüber anderen Denkern, mit denen er nicht übereinstimmt), aber ich denke, man sollte so etwas nicht veröffentlichen. Man müsste nur seine Schriften mit Distanz so lesen, als wären sie von einem Unbekannten geschrieben. Dann merkt man, wie wenig Substanz hinter den dicken Büchern steckt.
Meine Ansicht hier bezieht sich keineswegs auf Heisenberg, der ja philosophisch unbedarft war - und das gilt auch für Bohr. Heisenbergs Theorie ist genial, man sollte nur nicht immer behaupten, sie widerspäche Kant. Denn das ist ein Irrtum, den andere in die Welt gesetzt haben - und sich auf dieser Ansicht ausruhen. Heisenberg war darauf angewiesen, denen zu vertrauen, weil seine argumentative Potenz nicht ausreichte (was man ihm nicht zum Vorwurf machen kann). Wohl aber kann man es denen vorwerfen, die diese Theorien auf philosophischer Seite unkritisch übernehmen. Da hilft nur, Kant selbst zu lesen. Das ist zwar schwierig, wie das Beispiel Weizsäckers zeigt, der Kant möglicherweise nicht verstanden hat. Aber noch schlimmer ist es - und das erschiene mir bei Weizsäcker sogar verwerflich -, Kant verstanden zu haben und dann trotzdem zu behaupten, die Unschärferelation berühre den Kausalbegriff bei Kant.
Herzliche Grüße
Thomas