Hallo Thomas,
ich freue mich, mal wieder mit dir zu sprechen.
Ganz meinerseits
das scheint mir sehr anfechtbar zu sein (und ist ja auch
angefochten worden). Es ist IMHO ja gerade entscheidend für
die Bedeutung der Theorie, dass sie eine grundsätzlich Grenze
der menschlichen Erkenntnisfähigkeit aufzeigt. Zeigte sie nur
einen Zustand des Teilchens selbst an, dann wäre das Problem
nicht so prinzipiell. Das formulierst du auch selbst, wenn du
schreibst:
„nur dann, wenn man sich … dazu entschliesst“. Diese
Formulierung hebt den ersten Teil deines Arguments „Teilchen
können durchaus einen beliebig genau festgelegten Ort bzw.
Impuls haben“ auf, denke ich.
Ok, ich denke, hier kommt eine Sache zu Tage, die ein Physiker von Grunde auf lernt und in der er sich von Philosophen unterscheidet.
Als Physiker denke ich folgendermassen: Wenn ich in der Lage bin, z.B. den Ort eines Teilchens beliebig genau zu messen (und das geht ja auch), dann HAT das Teilchen auch einen beliebig genauen Ort. Dasselbe kann ich auch mit dem Impuls machen.
Schwierigkeiten bekomme ich dann wenn ich denke: OK, beide Grössen HAT das Teilchen beliebig genau, ich kann es nur nicht so genau gleichzeitig messen. Also baue ich meine Theorie so, dass Teilchen beides beliebig genau haben - und schwupp, falle ich auf die Nase, wenn ich auch noch so selbstverständliche Dinge wie Lokalität oder Kausalität dazunehme.
Also ist irgendetwas falsch, aber was?
Kausalität will man nicht gerne aufgeben. Und wenn das Teilchen die jeweilige Eigenschaft nicht HAT, dann nimmt sie sie erst an, wenn man die Messung durchführt. Aber auch das ist nicht so toll, denn das hiesse, dass das Teilchen sich erst im Moment der Messung festlegt und dann ist zu fragen, warum, durch was und durch wen.
Am ehesten ist es die Lokalität, die man aufgeben muss, aber auch hier ist man sich immer noch nicht sicher, wie das genau aussieht.
Richtig, das Verfahren ist nicht schuld, wohl aber die
Messung. Die Unschärferelation zeigt eine menschliche
Unzulänglichkeit, einen „erkenntnistheoretischen Defekt“ (wenn
man will).
Ok, aber worin besteht dieser Defekt?
Ich habe mit dem Verständnis eigentlich kein Problem. Es ist
doch klar, dass, wenn ich etwas, das ich beobachten möchte, in
dem Augenblick, wo ich es beobachten möchte, „wegziehe“ bzw.
„wegschieße“, es mir nicht mehr zur Verfügung steht und also
das Ergebnis - wenn ich dem prinzipiell nicht abhelfen kann -
falsch sein muss.
Aber es war immer schon so, dass man durch eine Messung gerne erfahren möchte, wie etwas ist, auch wenn ich gerade nicht hinschaue (Macht ein fallender Baum ein Geräusch, wenn keiner da ist, um ihn zu hören?). Bis zur Quantenmechanik hat das auch alles ganz gut geklappt.
Aber ein praktischer Physiker sagt in so einer Situation
Macht nichts, es funktioniert.
Woran man sieht, dass es den praktischen Physikern heutzutage
nicht mehr um Erkenntnis geht, sondern um Machbarkeit.
Das ist ja auch das, was bezahlt wird. Und wie schon gesagt, mit der Erkenntnisfähigkeit hapert es ja ziemlich. Und manchmal muss man auch tatsächlich sagen: wichtig sind nur ganz praktische Dinge, wie „wo bekomme ich meine nächste Mahlzeit her?“. Frag mal Deine Tochter…
Viele Grüsse
Thomas