Unsere Enkeltochter

Mich plagt zur Zeit ein großes Problem. Unsere fast 11 Jährige Enkeltochter lebt in unserem Haushalt, da meine Frau und ich die Erziehungsberechtigung haben. Nun stellen wir seit ca 4 Wochen fest, daß sie kaum noch isst und trinkt.
Sie hatte innerhalb der letzten eineinhalb Jahre einen unheimlichen Quantensprung nach vorne gemacht - in jeder Beziehung - und sie hat auch die Grundschulempfehlung für alle Schulsysteme.
Nun scheint es, daß sie auf einem körperlichen Rückschritt ist, der vermutlich auch psychische Ursachen haben könnte. Er stellt sich momentan so dar, daß sie kaum einen Bissen zu sich nimmt, diesen ca 10 Min im Mund behällt und für diesen Zustand alle möglichen Argumente auf Lager hat. Mit dem Trinken verhällt es sich ebenso, sie trinkt kaum einen Schluck, wenn sie noch einen Bissen im Mund hat, vor lauter Angst, diesen Bissen zu verschlucken. Meiner Frau erzählte sie vor Kurzem, daß sie Angst habe, zu ersticken.
Die Etern des Kindes haben beide psychische Probleme. Ihre Mutter (unsere Tochter) hatte kurz nach der Pupertät eine „Annorexie-Nervosa“, die wir leider nicht bemerkten, sie war damals über ein Jahr in einer Klinik. Der Vater des Kindes ist in ständiger psychiatrischer Behandlung, bzw in einer Wohngruppe. Der Kontakt zu den Elternteilen ist nur sporadisch.
Ich war mit ihr beim Kinderarzt. Es wurde ihr Blut abgenommen, ihr Gewichtszustand ist nur leicht unter der Norm (für die Ärztin nicht besorgniserregend.
Vielleicht gibt es hier ähnliche Erfahrungen, die mir wieterhelfen könnten.

Grüßle
Bernd Stephanny

Hallo Bernd,

als ich Deinen Beitrag las, fielen mir spontan drei Dinge ein:

  1. Die Entstehung einer anorexia nervosa ist umso wahrscheinlicher je stärker ein Elternteil bzw. beide
    Eltern mit Magersucht belastet waren/sind. Eine gute Zusammenfassung zum Thema findest Du auf
    Wikipedia.
  2. Unter Umständen käme auch eine sog. Dysphagie (Schluckstörung) in Frage, welche entweder
    organische oder psychische Ursachen haben kann.
  3. Es gibt v. a. bei pubertierenden Mädchen einen alarmierenden Trend zum Chew and Spit, also Kauen
    und anschließendes Ausspucken ohne dass Nahrung in den Verdauungstrakt gelangt. Nach relativ kurzer
    Zeit verursacht das Hinunterschlucken von Nahrung (unter Zwang oder unter Beobachtung) bei den
    Betroffenen Würgereiz oder das Gefühl zu ersticken.

Aus Zeitgründen kann ich momentan nicht mehr dazu schreiben, aber ich finde das Verhalten Deiner
Enkeltochter aus Deinen Schilderungen heraus besorgniserregend. Hat Euch die Ärztin einfach wieder
nach Hause geschickt, oder wißt Ihr, an wen Ihr Euch zur Abklärung eventueller Essstörungen oder
anderer psychischer Störungen wenden könnt?

Schöne Grüße
Andrea

Lieber Bernd,

ich antworte mal als Laie mit Lebenserfahrung, nota bene: Ich bin kein Fachmann!
Nehmen wir mal an, simple organische Dinge seine abgeklärt und ausgeschlossen.

Als allererstes: Gab es in jüngster Zeit irgendwelche schwerwiegenden Ereignisse, z.B. Traumata, Unfälle, Krisen etc. pp? Möglicherweise Vorkommnisse, von denen ihr bisher kaum Kenntnis hattet, oder die ihr nicht sooooo ernst genommen habt?
Hat euer Verhältnis zu dem Mädchen irgendwie „einen Knacks“ bekommen?
Wenn davon etwas zutrifft, dann könnte es sein, daß sie nun das Vertrauen zur Bezugsperson verloren hat, daß sie irgendwas in sich hineinfrißt, etwas nicht verarbeiten kann. Dem müßte dann mit der gebotenen Sensibilität nachgegangen werden.

Hat sie plötzlich neue Idole? Achtet doch mal auf Poster, Zeitschriften, neue und ungewöhnlioche Dinge wie z.B. Kleidungsstücke.
Möglicherweise hängt sie einem verqueren Ideal nach, einer Vorstellung, daß nur hungerdürr schön ist. Absurdes Denken, ich weiß, aber manche Menschen sind so.

Ohne nun den Teufel an die Wand malen zu wollen, solche Verhaltensweisen (-störungen?) sollen auch schon nach Mißbräuchen oder Drogenproblemen beobachtet worden sein.

Wie auch immer: ihr braucht unbedingt Zugang zu ihr, eine veretrauensvolle Gesprächsbasis. Die fällt nicht vom Himmel und man kann sie nicht erzwingen, ich wünsche Euch dafür die richtige Mischung aus Nachdruck und Takt.

Liebe Grüße
BeLa

Zum Arzt
Hallo!
Wenn sie wirklich so konsequent die Nahrungsaufnahme verweigert und, was ich noch bedenklicher finde: Die Flüssigkeitsaufnahme, dann gibt es nur einen Weg: Zum Arzt und richtig Alarm machen.

Man kann sich das schon eine Weile angucken, um zu überprüfen, ob das nur eine vorübergehender Spleen ist, aber wenn sie wirklich dauerhaft an Flüssigkeitsmangel leidet (Hier ein paar Symptome einer Dehydrieurung: http://www.medizinfo.de/endokrinologie/stoffwechsel/…) ist das nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Ebenso würde ich raten, sobald das Gewicht bei einer 11jährigen längere Zeit stagniert oder sogar abnimmt, ist das Grund zu echter Sorge und höchste Zeit, ernsthaft etwas zu unternehmen.

Ich nehme an, ihr ist klar, dass ihr Körper ohne Essen Schaden nimmt und sie sich selbst schädigt? Warum also tut sie das?

Ich war mit ihr beim Kinderarzt. Es wurde ihr Blut abgenommen,
ihr Gewichtszustand ist nur leicht unter der Norm (für die
Ärztin nicht besorgniserregend.

An sich nicht, die weitere Entwicklung würde ich aber genau beobachten.

Es ist ja von der Ferne nur schwer zu beurteilen, wo die Gründe für ihr Verhalten liegen: Die schwierige Familiensituation, Druck in der Schule, es könnte alles mögliche sein. Vielleicht auch irgend was körperliches?

Grüsse
kernig

Wie ich erwähnte hat sie eine Blutentnahme gemacht (das Ergebnis ist am Dienstag zu erwarten). Außerdem hat sie mich auf eine Sozialpädagogin aufmerksam gemacht, da ihrer Aussage nach das Kind Hilfe benötige. Ansonsten hänge ich bzgl Hilfestellung erfahrener Institutionen in der Luft.

Grüßle
Bernd stephanny

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Bernd,

ich halte das Angesichts der familiären Vorgeschichte auch für bedenklich. So sehr ihr eure Enkeltochter sicherlich liebt - sie lebt in „schwierigen“ Verhältnissen, sie bekommt in der Schule jeden Tag mit dass andere Kinder bei Mamma und Pappa leben und nicht bei den Großeltern. Der Kontakt zu ihren Eltern ist wahrscheinlich auch nicht so einfach…?
Ich bin die letzte die immer gleich nach Erziehungsberatung oder psychologischer Hilfe schreit aber in eurem Fall wäre es denke ich angebracht. Hör dir mal in Ruhe an was die Kinderärztin vorschlägt.
Wichtig!..sprich mit ihr ohne! das deine Enkeltochter dabei ist.
Alle eure Sorgen und Ängste in Anwesenheit des Kindes zu besprechen halte ich für kontraproduktiv.
Dann würde ich auch den Kontakt zur Schule suchen. Haben die Lehrer in letzter Zeit eine Veränderung festgestellt? Gibt es Probleme mit anderen Kindern…
Und dann darf man nicht vergessen dass die „wunderbare“ Zeit der Pubertät naht…bei manchen Mädchen geht das schon früh los und der Hormonterror ist für die Kinder die reinste Hölle.

ich wünsche euch alles Gute - und ich finde es schön dass ihr euch eures Enkelkindes angenommen habt.

Susanne

Hilfe suchen - evtl. Anlaufstellen
Guten Morgen,
ich habe leider keine Ahnung, ob man anhand einer Blutprobe z.B. feststellen kann, ob Eure Enkeltochter schon gefährlich unterernährt ist, kann mir das aber vorstellen.

Wie ich erwähnte hat sie eine Blutentnahme gemacht (das
Ergebnis ist am Dienstag zu erwarten). Außerdem hat sie mich
auf eine Sozialpädagogin aufmerksam gemacht, da ihrer Aussage
nach das Kind Hilfe benötige. Ansonsten hänge ich bzgl
Hilfestellung erfahrener Institutionen in der Luft.

Zur Unterstützung und Beratung: Ich habe grade kurz nach „Essstörungen, Hilfe“ u.ä. gegoogelt, das gibt viele Treffer, evtl. noch den Namen Eurer Stadt dazu und da sollte was zu finden sein.

Ansonsten halte ich den Kinderarzt für eine gute Anlaufstelle um Euch an kompetente Stellen weiterzuleiten. In vielen Städten gibt es Beratungsstellen zu unterschiedlichen Themen von pro familia, Caritas oder Ähnlichem, einfach mal dort nachfragen. Diese Stellen sind meist sehr gut vernetzt und wissen weiter.

Und: Kopf hoch, immerhin wart ihr aufmerksam genug, um rechtzeitig die Reissleine zu ziehen!

Grüsse
kernig

1 „Gefällt mir“