Hallo Thomas,
Deshalb frage ich ja: um herauszufinden, ob diese Vermutung
nicht ganz so subjektiv ist, weil andere zum gleichen Ergebnis
gekommen sind.
Das kann man grundsätzlich so sehen. Gleichwohl ist aber gerade dieses Feld der volkswirtschaftlichen Theorie das Paradebeispiel für das Aufeinandertreffen von Rationalität und Emotionalität.
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, siehst Du den Markt als
Struktur oder Instrument, welche über das Zulassen einer
Mehrheitsbildung eine optimale (oder zumindest: bestmögliche)
Güterallokation ermöglicht. Richtig?
Ja. Ohne jetzt einmal die genauen volkswirtschaftlichen Konventionen heranzuziehen, kann man das so sagen.
Weiter schreibst Du, dass sich eine Wirtschaftform an ihrer
Effizienz bemisst und dass die Bemessung eine „technische“
Frage ist. Effizienz ist Zielerfüllung mit geringstmöglichem
Aufwand. Die Definition des Zieles kann technisch erfolgen
(effiziente Ressourcennutzung [Allmendeproblematik in der
Planwirtschaft], effiziente Güterallokation), sich
andererseits aber auch aus einem ethischen System herleiten
(Sicherstellung von Grundvoraussetzungen: möglichst gute
materielle Ausstattung von möglichst vielen Menschen, z.B.).
Da wir alle von der Wirtschaftsform, in der wir leben,
abhängen, ist es legitim und, wie ich versuchte darzulegen,
auch möglich, eine Wirtschaftsform ethisch zu bewerten. Aus
dieser Sichtweise heraus glaubte ich, dass die unsichtbare
Hand auch als ethisches Argument pro Kapitalismus genutzt
werden kann.
Der letzte Satz bringt es relativ gut auf den Punkt, denn: Die Marktwirtschaft in ihrer „reinsten“ Form besagt, dass „jeder nur an sich und seinen eigenen Vorteil denken muss bzw. kann und es trotzdem für alle Beteiligten zu einem Optimum bzw. einer Verbesserung führt.“
Der Markt sorgt für die Produktion und auch die Verteilung. Allerdings, und das ist unbestritten, ist eine solche Verteilung nicht immer optimal, um nicht zu sagen oft auch suboptimal. Daher hat man sich auch die soziale Marktwirtschaft „ausgedacht“. Man will also das Marktergebnis in einem zweiten Schritt, geleitet von den Wertevorstellungen einer jeden Gesellschaft, „modifizieren“.
Du benutzt den Begriff „Mehrheitsbildung“, der allgemeinhin
eher der politischen Sphäre zuzuordnen ist. In Verbindung mit
Deinem letzten Absatz interpretiere ich das so, dass Du
glaubst, dass durch die Einführung/Anwendung einer
Marktwirtschaft dezentrale und demokratische (individuelle
Wahl) Prozesse eingeübt werden, dass also eine Marktwirtschaft
die Demokratisierung einer Gesellschaft fördert, ein Argument
also, das man gerade in Verbindung mit China häufiger hört.
Ist diese Interpretation korrekt?
Du hast Recht. In der Tat konnte man diesen Eindruck gewinnen. Den Begriff der Mehrheitsbildung habe ich bewusst gewählt, um die Diskussion auf dem allgemeinen Niveau zu belassen. Natürlich hätte man sofort mit den volkswirtschaftlichen Definitionen und Begrifflichkeiten argumentieren können. Aber das ist gar nicht einmal immer notwendig.
Die Mehrheitsbildung ist so zu verstehen, dass die zahlreichen Wirtschaftssubjekte einer Volkswirtschaft nach Nutzenmaximierung streben. Entsprechend ihren individuellen Präferenzen und Nutzenvorstellungen treffen sie wirtschaftliche Entscheidungen. Wenn aber nun mehrere W-Subjekte die gleichen wirtschaftlichen Ziele verfolgen, dann wird sich dies zum einen auf dem Markt erkennen lassen und zum anderen den Markt direkt beeinflussen. Wichtig ist dabei, dass diese „Mehrheitsbildung“ dergestalt passiert, dass die einzelnen W-Subjekte gar nicht einmal voneinander, bzw. von den Präferenzen der anderen, wissen. Die Koordination dieser „Nutzenoptimierungsziele“ findet erst auf dem Markt statt. Alle gehen mit ihren individuellen Vorstellungen in den Markt und am Ende befriedigt der Markt die Vorstellungen und Ziele derjenigen, die eine „Mehrheit“ bilden.
Beispiel: Du betreibst eine kleine Imbissbude wo Du ausschließlich Pommes und Bratwürstchen verkaufst. Eines Tages kommt ein Kunde und fragt nach Frikadellen. Du führst diese jedoch nicht. Irgendwann kommt ein Zweiter und ein Dritter Frikadellenliebhaber. Nach einigen Wochen wirst Du, ganz selbstverständlich, auch Frikadellen anbieten. Das kann dann sogar soweit gehen, dass es irgendwann gar keine Würstchen und nur noch Frikadellen gibt. In diesem Fall wurde Dein Angebot durch die Nachfrage (= „Mehrheit“) verändert und bestimmt. Aufgrund der Nachfrage setzt Du mit Frikadellen bei ggf. veränderten Preisen mehr um. Die Kunden sind happy mit ihren Frikadellen. Ergo: Alle sind zufrieden. Obwohl die Kunden sich nicht abgesprochen haben und Du bisher nie an Frikadellen gedacht hast, entsteht am Ende eine Situation, in denen es allen besser geht.
VG
Sebastian