Unsichtbare Hand - Beweise?

Hallo Leute,

nach ein wenig Stöbern hat sich bei mir die Vermutung gebildet, dass die These von der „unsichtbaren Hand“ (zur Erläuterung ein Zitat aus Wikipedia: „Smith schrieb in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen, das Zusammenwirken der Menschen (in Märkten) werde „von einer unsichtbaren Hand geleitet“, sodass jeder von ihnen „einen Zweck fördert, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat“. Dieser Zweck sei das Gemeinwohl im Sinne von gesamtwirtschaftlicher Effizienz der Güterallokation.“) als moralische Rechtfertigung für den Kapitalismus dient.

Meine Fragen:

  1. Ist diese Vermutung (aus Eurer Sicht) richtig?

  2. Gibt es darüber hinaus noch andere Argumente zur ethischen oder moralischen Rechtfertigung des Kapitalismus?

  3. Gibt es aufgrund spieltheoretischer, mikro- oder makroökonomischer oder philosophischer Untersuchungen Beweise für oder Hinweise auf die Richtigkeit der These von der unsichtbaren Hand?

Auch für zielführende Links wäre ich dankbar.

Grüße, schönes Wochenende, Thomas

Hallo,

  1. Ist diese Vermutung (aus Eurer Sicht) richtig?

Wie das nunmal so mit Vermutungen ist: Jeder kann vermuten was er will. Vermutungen sind immer höchst subjektiv.

Mit der „invisible hand“ ist dann aber doch etwas anderes gemeint. Wichtig ist auch, dass man diese Aussage nicht lösgelöst von den anderen Smith’schen „Erkenntnissen“ betrachtet.

Hinter der unsichtbaren Hand steht der Gedanke, dass es dem Markt selbst möglich ist, ohne gezielte Einwirkungen einer bestimmten (übergeordneten) Instanz, ein Optimum zu erreichen. Auf einem Markt treffen die Wirtschaftssubjekte (Menschen, Unternehmen) zusammen. Sie alle haben divergierende „Präferenzen“. Jeder möchte etwas anderes und dabei ein Optimum für sich erzielen.
Die Kernaussage ist, dass Angebot und Nachfrage zur einem Verteilungsergebnis kommen, dass allein durch die gebündelten Interessen der Akteure bestimmt wird. Dort, wo die Nachfrage besonders hoch ist, werden die Ressourcen eingesetzt, die erforderlich sind, um die Versorgung herzustellen. Es diktiert also nicht etwa der Staat das Produktionsprogramm bzw. die Verteilung und den Ressourceneinsatz. Nein, dies wird allein den Kräften des Marktes überlassen.
Daher wird deutlich, dass es sich hierbei um „das Zulassen einer Mehrheitsbildung“ handelt. Alle (verschiedenen) Wünsche treffen auf einem Markt zusammen. Es erfolgt eine Bündelung des „Mehrheitswunsches“.
Man muss daher eher von einem technischen Prozess sprechen als von einer moralischen Rechtfertigung.

  1. Gibt es darüber hinaus noch andere Argumente zur ethischen
    oder moralischen Rechtfertigung des Kapitalismus?

Sehr oft werden die Entwicklung und die Ergebnisse von Plan- und Marktwirtschaft verglichen. Das mündet dann in Fragen wie: „Wo kommt Russland her und wo steht es heute ?“. Allerdings gibt es auch Ausnahmen - könnte man meinen. Stichwort: CHina. HIer muss man jedoch sehen, dass Beurteilungen über solche Systeme erst über große Zeiträume möglich werden.

VG
Sebastian

Hallo Sebastian

Wie das nunmal so mit Vermutungen ist: Jeder kann vermuten was
er will. Vermutungen sind immer höchst subjektiv.

Deshalb frage ich ja: um herauszufinden, ob diese Vermutung nicht ganz so subjektiv ist, weil andere zum gleichen Ergebnis gekommen sind.

Daher wird deutlich, dass es sich hierbei um „das Zulassen
einer Mehrheitsbildung“ handelt. Alle (verschiedenen) Wünsche
treffen auf einem Markt zusammen. Es erfolgt eine Bündelung
des „Mehrheitswunsches“.
Man muss daher eher von einem technischen Prozess sprechen als
von einer moralischen Rechtfertigung.
Sehr oft werden die Entwicklung und die Ergebnisse von Plan-
und Marktwirtschaft verglichen. Das mündet dann in Fragen wie:
„Wo kommt Russland her und wo steht es heute ?“. Allerdings
gibt es auch Ausnahmen - könnte man meinen. Stichwort: CHina.
HIer muss man jedoch sehen, dass Beurteilungen über solche
Systeme erst über große Zeiträume möglich werden.

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, siehst Du den Markt als Struktur oder Instrument, welche über das Zulassen einer Mehrheitsbildung eine optimale (oder zumindest: bestmögliche) Güterallokation ermöglicht. Richtig?

Weiter schreibst Du, dass sich eine Wirtschaftform an ihrer Effizienz bemisst und dass die Bemessung eine „technische“ Frage ist. Effizienz ist Zielerfüllung mit geringstmöglichem Aufwand. Die Definition des Zieles kann technisch erfolgen (effiziente Ressourcennutzung [Allmendeproblematik in der Planwirtschaft], effiziente Güterallokation), sich andererseits aber auch aus einem ethischen System herleiten (Sicherstellung von Grundvoraussetzungen: möglichst gute materielle Ausstattung von möglichst vielen Menschen, z.B.). Da wir alle von der Wirtschaftsform, in der wir leben, abhängen, ist es legitim und, wie ich versuchte darzulegen, auch möglich, eine Wirtschaftsform ethisch zu bewerten. Aus dieser Sichtweise heraus glaubte ich, dass die unsichtbare Hand auch als ethisches Argument pro Kapitalismus genutzt werden kann.

Du benutzt den Begriff „Mehrheitsbildung“, der allgemeinhin eher der politischen Sphäre zuzuordnen ist. In Verbindung mit Deinem letzten Absatz interpretiere ich das so, dass Du glaubst, dass durch die Einführung/Anwendung einer Marktwirtschaft dezentrale und demokratische (individuelle Wahl) Prozesse eingeübt werden, dass also eine Marktwirtschaft die Demokratisierung einer Gesellschaft fördert, ein Argument also, das man gerade in Verbindung mit China häufiger hört. Ist diese Interpretation korrekt?

Grüße, Thomas

Hallo Thomas,

Deshalb frage ich ja: um herauszufinden, ob diese Vermutung
nicht ganz so subjektiv ist, weil andere zum gleichen Ergebnis
gekommen sind.

Das kann man grundsätzlich so sehen. Gleichwohl ist aber gerade dieses Feld der volkswirtschaftlichen Theorie das Paradebeispiel für das Aufeinandertreffen von Rationalität und Emotionalität.

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, siehst Du den Markt als
Struktur oder Instrument, welche über das Zulassen einer
Mehrheitsbildung eine optimale (oder zumindest: bestmögliche)
Güterallokation ermöglicht. Richtig?

Ja. Ohne jetzt einmal die genauen volkswirtschaftlichen Konventionen heranzuziehen, kann man das so sagen.

Weiter schreibst Du, dass sich eine Wirtschaftform an ihrer
Effizienz bemisst und dass die Bemessung eine „technische“
Frage ist. Effizienz ist Zielerfüllung mit geringstmöglichem
Aufwand. Die Definition des Zieles kann technisch erfolgen
(effiziente Ressourcennutzung [Allmendeproblematik in der
Planwirtschaft], effiziente Güterallokation), sich
andererseits aber auch aus einem ethischen System herleiten
(Sicherstellung von Grundvoraussetzungen: möglichst gute
materielle Ausstattung von möglichst vielen Menschen, z.B.).
Da wir alle von der Wirtschaftsform, in der wir leben,
abhängen, ist es legitim und, wie ich versuchte darzulegen,
auch möglich, eine Wirtschaftsform ethisch zu bewerten. Aus
dieser Sichtweise heraus glaubte ich, dass die unsichtbare
Hand auch als ethisches Argument pro Kapitalismus genutzt
werden kann.

Der letzte Satz bringt es relativ gut auf den Punkt, denn: Die Marktwirtschaft in ihrer „reinsten“ Form besagt, dass „jeder nur an sich und seinen eigenen Vorteil denken muss bzw. kann und es trotzdem für alle Beteiligten zu einem Optimum bzw. einer Verbesserung führt.“

Der Markt sorgt für die Produktion und auch die Verteilung. Allerdings, und das ist unbestritten, ist eine solche Verteilung nicht immer optimal, um nicht zu sagen oft auch suboptimal. Daher hat man sich auch die soziale Marktwirtschaft „ausgedacht“. Man will also das Marktergebnis in einem zweiten Schritt, geleitet von den Wertevorstellungen einer jeden Gesellschaft, „modifizieren“.

Du benutzt den Begriff „Mehrheitsbildung“, der allgemeinhin
eher der politischen Sphäre zuzuordnen ist. In Verbindung mit
Deinem letzten Absatz interpretiere ich das so, dass Du
glaubst, dass durch die Einführung/Anwendung einer
Marktwirtschaft dezentrale und demokratische (individuelle
Wahl) Prozesse eingeübt werden, dass also eine Marktwirtschaft
die Demokratisierung einer Gesellschaft fördert, ein Argument
also, das man gerade in Verbindung mit China häufiger hört.
Ist diese Interpretation korrekt?

Du hast Recht. In der Tat konnte man diesen Eindruck gewinnen. Den Begriff der Mehrheitsbildung habe ich bewusst gewählt, um die Diskussion auf dem allgemeinen Niveau zu belassen. Natürlich hätte man sofort mit den volkswirtschaftlichen Definitionen und Begrifflichkeiten argumentieren können. Aber das ist gar nicht einmal immer notwendig.
Die Mehrheitsbildung ist so zu verstehen, dass die zahlreichen Wirtschaftssubjekte einer Volkswirtschaft nach Nutzenmaximierung streben. Entsprechend ihren individuellen Präferenzen und Nutzenvorstellungen treffen sie wirtschaftliche Entscheidungen. Wenn aber nun mehrere W-Subjekte die gleichen wirtschaftlichen Ziele verfolgen, dann wird sich dies zum einen auf dem Markt erkennen lassen und zum anderen den Markt direkt beeinflussen. Wichtig ist dabei, dass diese „Mehrheitsbildung“ dergestalt passiert, dass die einzelnen W-Subjekte gar nicht einmal voneinander, bzw. von den Präferenzen der anderen, wissen. Die Koordination dieser „Nutzenoptimierungsziele“ findet erst auf dem Markt statt. Alle gehen mit ihren individuellen Vorstellungen in den Markt und am Ende befriedigt der Markt die Vorstellungen und Ziele derjenigen, die eine „Mehrheit“ bilden.

Beispiel: Du betreibst eine kleine Imbissbude wo Du ausschließlich Pommes und Bratwürstchen verkaufst. Eines Tages kommt ein Kunde und fragt nach Frikadellen. Du führst diese jedoch nicht. Irgendwann kommt ein Zweiter und ein Dritter Frikadellenliebhaber. Nach einigen Wochen wirst Du, ganz selbstverständlich, auch Frikadellen anbieten. Das kann dann sogar soweit gehen, dass es irgendwann gar keine Würstchen und nur noch Frikadellen gibt. In diesem Fall wurde Dein Angebot durch die Nachfrage (= „Mehrheit“) verändert und bestimmt. Aufgrund der Nachfrage setzt Du mit Frikadellen bei ggf. veränderten Preisen mehr um. Die Kunden sind happy mit ihren Frikadellen. Ergo: Alle sind zufrieden. Obwohl die Kunden sich nicht abgesprochen haben und Du bisher nie an Frikadellen gedacht hast, entsteht am Ende eine Situation, in denen es allen besser geht.

VG
Sebastian

Hallo Sebastian,

Ja. Ohne jetzt einmal die genauen volkswirtschaftlichen
Konventionen heranzuziehen, kann man das so sagen.

danke, ich bin Physiker. Deshalb kann ich mit allgemeinen Begriffen besser umgehen als mit dem Fachvokabular (auch, wenn dadurch die Genauigkeit leidet) und deshalb habe ich mit menschengemachten Systemen auch meine Schwierigkeiten (weil da oft sehr viel Willkürlichkeit drinsteckt).

Der Markt sorgt für die Produktion und auch die Verteilung.
Allerdings, und das ist unbestritten, ist eine solche
Verteilung nicht immer optimal, um nicht zu sagen oft auch
suboptimal. Daher hat man sich auch die soziale
Marktwirtschaft „ausgedacht“. Man will also das Marktergebnis
in einem zweiten Schritt, geleitet von den Wertevorstellungen
einer jeden Gesellschaft, „modifizieren“.

Dieser Zweistufenansatz ist interessant. Aber damit habe ich ein Problem. Geld hat, wie ich das im Moment sehe, drei Funktionen: zum einen ist es ein unkompliziertes Tauschmittel, zum zweiten eine Methode, den „Wert“ zweier Produkte einfach vergleichen zu können und zum dritten eine Aufbewahrungsmöglichkeit für Macht oder Beeinflussungsmöglichkeiten. Der dritte Punkt führt meines Erachtens zu einem Zinseszinseffekt durch den Einsatz von Geld: es kann sich nicht nur unter günstigen Rahmenbedingungen vermehren, sondern es kann den erfolgreichen Wirtschaftssubjekten dabei helfen, für sie günstige Rahmenbedingungen überhaupt erst zu erzeugen. Das heißt, dass erfolgreiche Wirtschaftssubjekte mehr und größere Möglichkeiten haben, die Modifikation des Marktergebnisses zu beeinflussen („Unternehmessteuern müssen sinken“, „132 Euro Hartz IV reichen“, „Sozialneid“). Als Beispiel seien die Medien genannt, die zum größten Teil in privatwirtschaftlichem Besitz sind.

Vielen Dank für Deine Beiträge. Ich muss jetzt erst mal darüber nachdenken: was heißt „suboptimal“? Woran bemisst sich das? Wie kommt das? Warum entstehen Monopole? Warum erscheinen ähnliche Mehrheitsentscheidungen auf dem Markt der Möglichkeiten (sprich: Politik) sehr häufig sehr suboptimal abzulaufen?

Grüße, Thomas