Hai, Elisabeth,
ich kann Dir von ein paar Unterschieden berichten, über die ich als Kind besonders gestaunt habe. Vorneweg: ich bin zwar evangelisch getauft, aber in unserer Familie kam Religion nicht vor.
Als Kind - so ungefähr mit 5 - hat man mich für rund drei Monate in ein katholisches Heim irgendwo in Bayern verfrachtet. Es sind nur sehr wenige Erinnerungen aus der Zeit übrig, aber zwei von ihnen haben direkt mit „Leben mit Religiosität“ zu tun:
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vor dem Essen wurde, immer reihum ein anderer, ein Dankeswort gesprochen. Ich, als die Neue, sollte gleich am ersten Tag ran, also hab ich mich brav bei den Köchen bedankt - und bin auf ziemliche Empörung seitens der Erzieher gestoßen. Warum die eigentlich sauer waren, war mir völlig unklar…
Nach dem Essen hat mir einer dieser Erzieher dann versucht erklären, daß ich Gott hätte danken müssen - warum Gott damit zu tun hat, wurde mir nicht klar und ich war ziemlich lange davon überzeugt, daß Gott in einem bayrischen Heim in der Küche steht - was dann wieder meine spätere Religionslehrerin in der Grundschule verrückt gemacht hat…
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der zweite Punkt, der mich in grenzenloses Staunen versetzte, war die, für mich merkwürdige, Sitte, abends vor dem Bett kniend mysteriöse Reime aufzusagen. Von den Reimen, die die mir da so mühevoll beibrachten, blieb nur ein einzelner Satzfetzen übrig: „…gebenedeit seiest Du unter den Weibern…“ - ich kannte das Wort Gebeine schon und das hat dann ziemlich wilde Assoziationen inklusive Alpträumen bei mir ausgelöst…
Als Begründung für dieses ständige Reime-Aufsagen wurde mir immer „Wir sind eben katholisch und nicht evangelisch“ genannt…
Heute weiß ich, daß Beten mehr mit der Stärke des Glaubens und seinem Verständnis zusammenhängt, als mit der Frage, ob nun katholisch oder evangelisch - als Kind und Jugendliche war ich davon überzeugt, daß Katholiken irgendwie dauernd beten und Protestanten nur zu Weihnachten in der Kirche.
Da fällt mir ein weiterer Unterschied ein: sieh Dir mal die Kirchen an. Protestantische Kirchen sind üblicherweise sehr schlicht, ja langweilig, während die katholischen überbordend bemalt und mit Gold, Glitzer und Firlefanz ausgestattet sind.
Und das bringt mich auf einen Unterschied, den ich allerdings ausschließlich aus Beobachtungen kenne: gläubige Katholiken scheinen mehr der Lebensfreude zugetan, als gläubige Protestanten. Ich denke, daß diese Haltung daher kommt, daß man im Katholizismus ja die Möglichkeit hat, Ausrutscher abzuarbeiten - also für Völlerei im Zuge einer Party nicht gleich ins Fegefeuer kommt, sondern mittels Beichte, Buße und „Ich-wills-auch-nie-wieder-tun“ seine Seele entlasten kann - während einer der wesentlichen Punkte des Protentantismus ja ist, daß eine Sünde nicht zu Lebzeiten irgendwie wieder gut gemacht und/oder von irgendwem vergeben werden kann, sondern auf jeden Fall erst im Jenseits bewertet und bestraft wird…
Vielleicht hilft Dir das ja weiter…
Gruß
Sibylle
PS: bitte nehmt zur Kenntnis, daß ich hier keine Behauptungen a la „Alle Katholiken sind so“ aufgestellt habe, sondern nur meine Eindrücke schilderte