Eine Kommilitonin von mir, die Lehramt Kunst studiert und für dieses Fach nun eine Hausarbeit verfasst, hat eine für die Hausarbeit womöglich interessante Karikatur gefunden, deren Untertitel sie und auch ich allerdings nicht übersetzen können. Ich stelle hier einfach mal alles rein, was sie mir beschrieben hat:
„auf dem bild ist eine frau abgebildet, die auf einem sofa sitzt und zu ihrem Mann(?) spricht:
‚Ce que t’es long à te peigner. La critique est aisée, mais la raie difficile.‘“
Wäre super, wenn jemand von euch einen guten Übersetzungsvorschlag hätte.
so wie der Satz dort steht „Ce que t’es long à te peigner. La critique est aisée, mais la raie difficile“ ist die Übersetzung „Du brauchst aber lange um dich zu kämmen. Kritik/Kritisieren ist einfach, aber der Scheitel schwierig“. Das ergibt wenig Sinn, wenn man das Bild nicht vor Augen hat.
Nun, das hat meinem Forscherdrang keine Ruhe gelassen, und ich habe folgendes herausgefunden:
Es gibt das französische Sprichwort " La critique est aisée, mais l’art est difficile" (Kritik/Kritisieren ist einfach, aber die Kunst ist schwierig). Die Wortgruppen „l’art est“ und „la raie“ werden im Französischen gleich ausgesprochen: [larä], mit einem kleinen Unterschied in der Betonung [lArä / larÄ].
Der Satz „La critique est aisée, mais la raie difficile“ geht auf den französischen Schriftsteller Raymond Roussel zurück, der als Vorläufer des Surrealismus gilt und völlig verrückte Texte geschrieben hat, mit Anspielungen, Sprachspielereien, Wortverdrehungen usw. - surrealistisch halt.
In einem seiner Texte schreibt er von einem Rochen; dieser Fisch heißt auf Französisch „la raie“, genau so gesprochen wie das Wort für Scheitel (la raie). Dort kommt der Satz vor « La peau de la raie sous la pointe du crayon vert. » - (Die Haut des Scheitels unter der Spitze des grünen Bleistifts).
Nachdem vorher von der Haut des Rochens gesprochen wurde, ist es nun die Haut des Scheitels des Erzählers, der von einer Zeichnerin karikiert wird. Sie fragt den Erzähler, ob er Kritik an ihrer Zeichnung üben möchte, und der Text endet mit den Worten; "„La critique est aisée, mais la raie difficile“.
(… où la raie est celle partageant les cheveux du narrateur caricaturé par une dessinatrice qui l’a représenté illuminé par ce fameux rayon vert, en utilisant évidemment un crayon vert. Elle demande au narrateur s’il voit une critique à faire à son dessin, et le texte s’achève sur cette réplique."[die letzten Zeilen lassen sich nicht kopieren, weil es eine Abbildung ist] http://remi.schulz.club.fr/coincoin/raie.htm )
Es gibt ein Bild von Marcel Duchamp mit dem Titel „La critique est aisée mais la raie difficile“ (1910)" - na und der hat als guter Surrealist sicher Raymond Roussel gekannt. Das Bild habe ich nicht ergoogeln können.
„A long and varied series of works by Marcel Duchamp seems to indicate a deeply rooted fascination with the subject of hair: his newspaper cartoon on the art of parting [Scheitel ziehen], „La critique est aisée mais la raie difficile“ (1910)“ http://books.google.de/books?id=Hn5f4u3PUVoC&pg=PA95…
Ich weiß nun nicht, ob die orthographische Verballhornung " mais l’art est difficile —> mais la raie difficile" in Frankreich eine Art geflügeltes Wort ist. Wenn deine Freundin das wissen will, sollte sie bei LEO nachfragen, am besten in der Rubrik „Land und Leute“ http://dict.leo.org/forum/previewGeneraldiscussion.p…
Korrektur zu Punkt 2
Nachdem ich mir diese Seite http://remi.schulz.club.fr/coincoin/raie.htm noch einmal genauer durchgelesen habe, ist meine Aussage "Der Satz „La critique est aisée, mais la raie difficile“ geht auf den französischen Schriftsteller Raymond Roussel zurück (…) falsch.
Vielmehr handelt es sich um den Kommentar eines Autors, der über den Rochen-Text von Roussel geschrieben hat:
„Philippe Kerbellec (…) conclut son analyse du Texte-Genèse XVI en en donnant la fin et un fin commentaire : La critique est aisée, mais la raie difficile.“ (P.K. beendet seine Analyse des Texte-Genèse XVI mit dessen Ende und mit einem feinsinnigen Kommentar: Kritik ist einfach, aber der Scheitel/Rochen schwierig.)
Also hat Monsieur Kerbellec wohl bei Monsieur Duchamp eine Anleihe gemacht, der ja sehr gerne bei den Titeln seiner Bilder auch mit der Sprache spielte. Da fällt mir gerade dieses ein: http://french.chass.utoronto.ca/fcs195/photos/Ducham… , auf dem er die Mona Lisa vermännlicht hat. Der Titel „L.H.O.O.Q“ ergibt, nach französischem Alphabet gelesen, el-asch-o-o-kü. Wenn man das wiederum in „echtem“ Französisch schreibt, sieht das so aus: elle a chaud au cul - ihr ist es um den Hintern heiß. Ein paar Barthaare, ein heißer Hintern … da kann man schon ins Grübeln geraten
ich kann leider kaum französisch, aber ich vermute mal, daß nicht die frau beide sätze spricht, sondern daß es sich um einen dialog handelt. dann ergibt das ganze plötzlich mehr sinn.
sie: „Ce que t’es long à te peigner.“
er: „La critique est aisée, mais la raie difficile“
ich vermute mal, daß nicht die frau beide sätze spricht, sondern daß es sich um einen dialog handelt. dann ergibt das ganze plötzlich mehr
sinn.
sie: „Ce que t’es long à te peigner.“
er: „La critique est aisée, mais la raie difficile“
Stimmt, dann wäre das Ganze durchsichtiger.
Andererseits, falls die Frau doch beide Sätze spricht, ergäbe sich als Interpretation des zweiten Satzes auch die Möglichkeit „[na gut, ich weiß ja schon] dass Kritik einfach und der Scheitel schwierig ist“.
Mal sehen, ob Judith grasmampf uns mit genaueren Informationen versorgt …