Unzulänglichkeit bei Harry Potter

Hallo Experten,
ich weiß ja nicht, ob man es wagen kann, eine Ikone unseres Jahrhunderts zu kritisieren…

Beim ausschnittsweisen Lesen oder TV-Sehen dieser Reihe irritiert mich zum wiederholten Mal ein Bruch in der Psychologie der Bücher, und es würde mich interessieren, ob es jemandem genauso geht:

M. E. bringt Rowling zwei Ebenen durcheinander: Auf der einen Seite ist Potter Schüler eines Internats, und seine regelmäßigen verbotenen „Ausflüge“ (vorzugsweise nachts) führen zum Konflikt mit den Lehrern und Strafmaßnahmen wie Stubenarrest oder ähnlichem.

Auf der anderen Seite ist das ganze Zauberreich ja existentiell vom Bösen bedroht und viele Personen immer wieder in echter Todesgefahr.

Wenn nun gerade einige Schüler fast umgebracht wurden und Potter oder seine Freunde als Strafe für (angebliche oder tatsächliche) Beteiligung an der gefahrlichen Entwicklung einem Lehrer bei einer Schreibarbeit helfen müssen oder irgend einen Schulflur nicht mehr betreten dürfen, dann wirkt das auf mich eher albern.
Geht das anderen auch so?
Gruß!
Christian Schnaus

Hi Christian,

Wenn nun gerade einige Schüler fast umgebracht wurden und
Potter oder seine Freunde als Strafe für (angebliche oder
tatsächliche) Beteiligung an der gefahrlichen Entwicklung
einem Lehrer bei einer Schreibarbeit helfen müssen oder irgend
einen Schulflur nicht mehr betreten dürfen, dann wirkt das auf
mich eher albern.

Bin kein Experte, aber es ist doch so, dass Harry andere Strafen angedroht werden, aber er von Dumbledore und McGonagall (so geschrieben?) geschützt wird.
Die wissen ja, dass er für Höheres bestimmt ist und so kann er ja nicht aus Hogwarts geworfen werden, er muss ja gewappnet sein für das Böse.

LG, Bomba

hallo christian,

ich gehe mal davon aus du hast die buecher nicht (alle) gelesen…?
in den ersten buechern startet HP ja noch recht „normal“ - die gefahr durch lord voldemort ist noch weit weg und wenig greifbar; die charaktere sind noch juenger und autoritaeten werden mehr akzeptiert - hier kommen die meisten dieser „strafen“ fuer schlechtes benehmen vor. wobei auch in den fruehen buechern dir regelbrueche fuer die finalen „kaempfe“ (das finden des philosopher’s stone; kampf gegen slytherin’s monster) keine strafen nach sich tragen, da er hier ja „bewiesenermassen“ was gutes getam hat (im gegensatz zu den kleineren regelbruechen wie unerlaubt das schloss verlassen). in den spaeteren buechern sieht es anders aus; das letzte kann man ohnehin ausschliessen da es ja nicht in hogwarts spielt (genauer das schulleben spielt kiene rolle). hier ist die bedrohung naeher gerueckt und die zaubererwelt weiss, dass lord voldemort wieder da ist. im order des phoenix z.b. bekommt harry ja nur (grausames) nachsitzen von einer „boesen“ dame.
generell denke ich hierin ist kein bruch zu sehen, sondern ein uebergleiten von recht harmlosen kinderbuechern die in einer welt spielen wo es noch (schul-)regeln gibt; zu einem fast kriegsaehnlichem zustand wo regeln ohnehin nicht mehr existieren oder ernst genommen werden, zumal auch die protagonisten erwachsen werden.

gruesse
arwhyn.

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Hallo Christian,

ich weiß ja nicht, ob man es wagen kann, eine Ikone unseres
Jahrhunderts zu kritisieren…

nur zu!

Beim ausschnittsweisen Lesen oder TV-Sehen dieser Reihe
irritiert mich zum wiederholten Mal ein Bruch in der
Psychologie der Bücher, und es würde mich interessieren, ob es
jemandem genauso geht:

M. E. bringt Rowling zwei Ebenen durcheinander: Auf der einen
Seite ist Potter Schüler eines Internats, und seine
regelmäßigen verbotenen „Ausflüge“ (vorzugsweise nachts)
führen zum Konflikt mit den Lehrern und Strafmaßnahmen wie
Stubenarrest oder ähnlichem.

… wie in jeder typischen Schul- oder Internatsgeschichte.
Umgekehrt: auch „wirkliche“ Schüler werden in der Regel bei mehr oder weniger strafbaren Handlungen nicht mit der ganzen Härte des Gesetzes wie Erwachsene bestraft.

Außerdem: Du liest eine Fiktion und zumindest bei Teil 1 ein Kinderbuch. Es ist vom 8-12jährigen Leser nicht zu erwarten, dass er die Feinheiten echter Schulstrafmaßnahmen würdigen, d.h. im Rahmen eines Romans als solche interpretieren kann.

Zudem ist der Sinn des Ganzen ja wohl einen Helden aufzubauen. Harry in Teil1 von der Schule verwiesen? Führt dazu, dass Teile 2ff nie geschrieben/gelesen werden.

Auf der anderen Seite ist das ganze Zauberreich ja
existentiell vom Bösen bedroht und viele Personen immer wieder
in echter Todesgefahr.

tja, so ist das nunmal seit Karl May. Wer stirbt alles in Winnetou 1- 3? Wie wahrscheinlich ist die Stärke und Intelligenz von Old Shatterhand?
Noch einmal: nur wenn rund um den Helden die Welt einstürzt, und er wider erwarten ständig dem Tod von der Schippe hüpft, wird er von „naiven“ Leser als Held akzeptiert.
Gewöhnliche Alltagsgefahren bewältigen schließlich auch Du und ich.

Wenn nun gerade einige Schüler fast umgebracht wurden und
Potter oder seine Freunde als Strafe für (angebliche oder
tatsächliche) Beteiligung an der gefahrlichen Entwicklung
einem Lehrer bei einer Schreibarbeit helfen müssen oder irgend
einen Schulflur nicht mehr betreten dürfen, dann wirkt das auf
mich eher albern.

Mir scheint, Du bist schlicht erwachsen.

Geht das anderen auch so?

ömpf. Ich habe mit Harry Potter eher andere Probleme. Dass bis auf einige nette Details zaubermäßig nichts wirklich Neues passiert, zum Beispiel. Immerhin muss man aber anerkennen, dass J.K. Rowling die üblichen Topoi genial geplündert und neu aufgemischt hat.

Außerdem hat sie eine Unmenge Menschen dazu gebracht, ein oder sogar mehrere dicke Bücher zu lesen. Dafür (hier kommt die Bibliothekarin in mir durch) kriegt sie von mit 5 Sternchen von 5 möglichen.

viele grüße
Geli

Gruß!
Christian Schnaus

Hallo Christian,

ich denke, du bringst hier die Zeiten durcheinander. Das mit dem Flur, den die Schüler nicht betreten dürfen, ist aus einem der ersten Bücher, nämlich „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Das Verbot war berechtigt, denn in diesem Flur war ja dieses gefährliche dreiköpfige Hundetier untergebracht.

Auch später muss Harry Potter nachsitzen - aber es sind nicht mehr die gleichen Lehrer wie damals, die ihn dazu verdonnern. Es ist nun Professor Umbridge, die ihn schreiben lässt „I must not tell lies“. Nun hat Umbridge aber keinerlei Interesse daran, dass Harry gegen das Böse kämpft. Sie gehört ja selber zu diesen Kleingeistern, die plötzlich durch die Herrschaft des Bösen in eine Machtposition geraten. (Das erinnert mich irgendwie sehr an das Dritte Reich - damals war es ja genauso. Wer wäre denn Eichmann ohne diesen Machtapparat gewesen? Wahrscheinlich nur ein kleiner Beamter, über den man sich ärgert, weil er einen wieder nach Hause schickt, wenn man 2 1/2 Minuten zu spät kommt. Aber das nur nebenbei.)

Keiner von den übrigen Lehrern will Umbridge in Hogwarts haben, aber die wurde ja vom inzwischen unterwanderten Ministerium dahin gesetzt. Mit anderen Worten: Man kann sie nicht hinauswerfen, so gern man das auch würde.

Die Lehrer, die Harry ursprünglich zurechtgewiesen haben, sind nun zwar auf seiner Seite - können aber nichts gegen den sich unaufhaltsam ausbreitenden Machtapparat des Bösen unternehmen.

Übrigens fand ich das Ende, also die letzten beiden Bücher, sehr unbefriedigend. In Azkaban wird immer noch gefoltert, und auch ansonsten ist da einiges nicht wirklich zum Abschluss gekommen.

Schöne Grüße

Petra