Hallo Christian,
ich halte Deine Theorie über die Entstehung der Schizophrenie in einigen Teilen für gut, insgesamt aber für nicht schlüssig. Du gehst anfangs von erblicher Belastung aus. Das sehe ich genauso. Dann gehst Du zu einer Neurotransmitterstörung über. Nach meiner Kenntnis der Schizophrenie-Forschungsergebnisse spricht viel dafür. Du behauptest aber, daß die Neurotransmitterstörung anfangs normal war und durch andauernde Streßsituationen gestört wurde. Ich sehe es differenzierter und berufe mich auf die NMDA-Theorie der Schizophrenie-Verursachung. Nach dieser Theorie können drei Faktoren zu einer NMDA-Rezeptor-Unterfunktion beitragen: eine Intoxikation während der pränatalen Entwicklung (berücksichtigt die Virushypothese der Schizophrenie), ein NMDA- und GABA-Nervenzellen betreffender Gendefekt und ein dopaminerge Nervenzellen betreffender Gendefekt. Während der Kindheit und der Vorpubertät wirken sich diese Defekte bzw. Schädigungen nicht negativ aus, was mit der Beobachtung übereinstimmt, daß Schizophrenie meistens erst mit oder nach der Pubertät ausbricht. Insofern trifft Deine Theorie auch zu, weil sich in dieser Zeit eine normale Neurotransmitteraktivität zeigt.
Dann allerdings wird Deine Theorie schwer nachvollziehbar: Es scheint so, als ob Du Streßfaktoren als alleinige Ursache für die Störung der Neurotransmitteraktivität ansiehst. Das sehe ich nicht so. Bei Schizophrenien mit geringer erblicher Belastung dürfte Streß ein wichtiger ursächlicher Faktor sein, mit Zunahme der erblichen Belastung spielen Umweltfaktoren eine immer weniger wichtige Rolle. Sie dürften dann v.a. auslösende Faktoren darstellen, keine ursächlichen mehr.
Daß durch die gestörte Neurotramitteraktivität eine „Bewußtwerdung“ (von was?) eintritt und daß Störung gleich „Bewußtwerden“ bedeutet, halte ich für falsch. Erstens: Wenn man keine Fachliteratur zur Schizophrenie oder zu psychischen Störungen liest oder sich sonst wie informiert, dann kommt man bestimmt nicht darauf, daß eine psychische Störung mit Neurotransmitterstörungen verbunden sein kann. Zweitens: In der Prodromalphase der Störung verändern sich die Betroffenen und diese Veränderung bemerken sie, mit Neurotransmittern bringen es viele aber nicht in Verbindung. Wenn die Schizophrenie zum ersten Mal richtig zum Vorschein tritt, halten sich die meisten Betroffenen für nicht gestört.
Du erklärst weiterhin, daß die „Bewußtwerdung“ dazu führt, daß positive und negative Symptome der Schizophrenie entstehen. Auch dies halte ich für falsch. Das, was Schizophrene in der Prodromalphase bemerken, ist die Negativsymptomatik. Sie können sich dieser Symptomatik „bewußt“ (i.S.v. bemerken) werden. Dann ist die Negativsymptomatik allerdings die Ursache der „Bewußtwerdung“ und nicht ihre Folge. Wenn Du Deine Theorie so modifizieren würdest, könnte ich zustimmen:
Neurotransmitterstörung + Streß -> Negativsymptomatik -> Bemerken / „Bewußtwerden“ der Negativsymptomatik.
Wieso sich die Positivsymptomatik aus der „Bewußtwerdung“ (von was?) ergeben soll, ist mir schleierhaft. Dazu solltest Du noch nähere Angaben machen.
Wieso Du dann Störung als „ein unbewusstes Handeln, dass bewusst geworden ist“ definierst, ist mir unklar und hat mit den teilweise richtigen neurobiologischen Befunden, die Du anfangs referiert hast, nichts mehr zu tun. Es scheint eher so, als ob Du psychodynamische Gedanken mit Neurobiologie verknüpfen wolltest (daher die „Bewußtwerdung“?). Der Übergang von den neurobiologischen Befunden zu Deiner psychodynamischen Theorie der Schizophrenie-Entstehung vollzieht sich mit einem abrupten Bruch, den man in Deinem Text deutlich (auch von der Textstruktur) erkennen kann.
Schließlich wendest Du Dich von der Neurotransmitterstörung ab und zu einer Störung im „Unterbewußtsein“ hin: „Schizophrenie ist meiner Meinung nach, letztendlich eine Störung im Unterbewusstsein, die ihre Ursache in der unbewussten Handlung hat, die bei schizophrenen Menschen bewusst wurde.“ Für Dich scheint Schizophrenie daherzurühren, daß bei Schizophrenen unbewußte Prozesse bewußt ablaufen. Ich kann nicht verstehen, wieso Du annimmst, daß die Bewußtmachung von unbewußten Prozessen zu Schizophrenie führen soll. In der Psychoanalyse besteht gerade das Ziel darin, Unbewußtes bewußt zu machen („Wo Es ist, soll Ich werden“). Müßten dann nicht alle erfolgreich Psychoanalysierten nach Deiner Theorie ein bißchen schizophren werden? Oder sind es nur bestimmte unbewußte Prozesse, deren Bewußtmachung zu Schizophrenie führen soll?
Den letzten Satz „Der eindeutigste Beweis, dass die Störung Schizophrenie verursacht, ist wohl die Tatsache, dass sie stark mit dem Unterbewusstsein gekoppelt ist“ kann ich nicht verstehen. Wieso ist es eine Tatsache, daß „die Störung“ mit dem „Unterbewußtsein“ gekoppelt ist? Für mich ist es eine Behauptung, die man begründen muß. Ich finde in Deinem Text dazu keine Begründung, sondern nur die Annahme , daß Schizophrenie mit der Bewußtwerdung von unbewußten Prozessen (welchen?) entsteht.
Es scheint mir so, als ob Du die Neurotransmitterstörung als unbewußten Prozeß ansiehst. Das ist aber problematisch und meiner Meinung nach falsch: Wenn wir von Neurotransmitterstörung sprechen, sind wir auf der neurophysiologischen Ebene. Prozesse, die zu dieser Ebene gehören, lassen sich nicht mit Begriffen wie „bewußt“ und „unbewußt“ klassifizieren. Wenn wir von „unbewußten“ oder „bewußten“ Prozessen sprechen, meinen wir intrapsychische und keine neurophysiologischen Prozesse. Wir müssen sorgsam die Ebene der Physiologie von der der Psychologie trennen. Physiologische Prozesse können mit psychologischen Prozessen einhergehen, die Prozesse befinden sich aber auf unterschiedlichen Ebenen, die wir mit unterschiedlichem Vokabular beschreiben. Diese Trennung in den Begrifflichkeiten ist sehr wichtig, weil sie ein ungelöstes philosophisches Problem - das Leib-Seele-Problem - verdeutlicht.
Gruß,
Oliver Walter