Als Unabhängiger Beobachter versuche ich es einmal mit einem (schulmäßigen) Interpretationsansatz:
Das Gedicht „Wandlung“ von der Autorin D. ist in seinem Charakter geprägt von Verzweiflung und Hilflosigkeit. Thema ist das Vergängliche der „Schönheit“, wobei der Titel „Wandlung“ Hinweise darauf gibt, daß das Leben eine Wandlung in dem äußeren Erscheinen, aber auch in der eigenen inneren Wahrnehmung desselben bereit hält.
Von seiner Form her ist das Gedicht konform zur modernen Lyrik. Einzig die ersten beiden Verse bilden einen lockeren „unreinen“ Reim und verfügen über ein unregelmäßiges aber deutliches Metrum.
Während die ersten 8 Verse die Tatsächlichkeit der „Wandlung“ des Menschen beschreiben, wird durch den letzten Vers eine Frage aufgeworfen, die in Ihrer Art nicht als „rhetorisch“ eingestuft werden kann - eine Beantwortung ist durch das Gedicht nicht vorgesehen - durch das Aufwerfen derselben wird vielmehr darauf hingewiesen, daß die Beantwortung nicht unbedingt möglich ist bzw. die Beantwortung für jeden einzelnen Menschen eine individuelle Antwort parat hält.
Der erste Vers ist formal korrekt und geeignet, die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln („Es ist passiert“). Stilistisch ist daran nichts auszusetzen - um zu erfahren, was passiert sein, muss der Leser das Gedicht weiter verfolgen. Auch stellt diese erste deutliche, sehr klare Aussage einen Kontrast zum letzten Vers des Gedichtes da - der wie erwähnt alles andere als „Klar“ ist.
In Vers 2-6 wird beschrieben, was passiert ist: Die „äußere Erscheinung“ des/der Protagonist(en/in) ist seiner/ihrer eigenen Wahrnehmung entsprechend ins häßliche „verkehrt“. Dabei bedient sich die Autorin einer Reihe von Metaphern. Dabei liefern diese in Ihrem Bild direkt eine Beschreibung als auch eine Erklärung für die „Wandlung“: „Die häßliche Seele hat sich nach außen gekehrt.“ - Das häßliche Äußere überwiegt (Bild), weil die Seele als Ursache Ihr Wesen im Äußeren manifestiert habe („wahre Schönheit kommt von innen“; Sinn). Die nächsten Verse konkretisieren dieses Bild noch mehr: „Ein Lächeln aus den Augenwinkeln“ (Metapher) als Indiz für „vergangene Schönheit“. Damit ist auch klar, daß das „Lächeln“ - also die Freude des Lebens, der/dem Protagonis(in/en) abhandengekommen ist - also die depressive Seite der Seele Überhand genommen hat. Diese depressive Seite ist Ursache für diese „Selbstwahrnehmung“ der als negativ zu verstehenden „Wandlung“.
Umso depressiver sind die nächsten beiden Verse zu verstehen:
„Es war vorhersehbar - doch unabänderlich.“. Dieser Satz drückt die als „fatalistisch“ zu verstehende Lebensansicht der Autorin aus: zwar konnte man es kommen sehen, aber nichts daran ändern, da es ohnehin so geschehen musste.
Der letzte Vers stellt schlussendlich die verzweifelte Frage des/der Protagonist(in/en) da (welche® meines Erachtens nach mit der Autorin gleichzusetzen ist), was man tun kann / soll / müsste, um diesen negativen Prozess umzukehren / aufzuhalten.
Hier stellt sich meiner Meinung nach der eigentliche Widerspruch des Gedichtes nieder: während im ersten Teil durchaus ein tatsächlich möglicher Prozess auf lyrische Art und Weise beschrieben wird, ist mir der zweite Teil zu sehr auf den depressiven Charakter sowie die fatalistische Bedeutung des „häßlichen Alters“ festgelegt. Während im ersten Teil das „LAchen“, also eine positive Lebenseinstellung, als sicheres Mittel gegen das „häßliche“ Altern genannt ist, wird im zweiten Teil eben jene „Lebensfreude“ ausgeschlossen. In der Wirklichkeit jedoch gibt es eine vielzahl von gealterten Menschen, die gerade durch Ihre positive Lebenseinstellung und das „Leuchten ihrer Seele“ über ein zwar „faltiges“, wohlgleich aber auch „freundliches“ Aussehen verfügen.
Zugleich hieße dieses Bild im Gedicht auch, daß z.B. die sog. „Mid-life-crisis“ unabwendbar wäre - in eben jener Persönlichkeitskriese, welche durchaus auch organische/physische Ursachen haben kann, „wandelt“ sich die Seele ja auch in ein häßliches Abbild Ihrerselbst - Familienväter verlassen Ihre Familien, die sexuelle Gier überwiegt im Vergleich zur romantischen Verklärtheit etc.
Häufig ist dann auch gerade hier eine Veränderung im Aussehen zu beobachten: Männer altern binnen weniger Wochen um Jahre. Von daher Zustimmung zum ersten Teil; jedoch Ablehnung meinerseits des zweiten Teils, denn schließlich:
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ und selbst in der größten Identifizierungskriese ist eine „Besinnung“ auf das Wesentliche stest Möglich, und - um auf die Frage des Gedichts „Was nun?“ direkt zu antworten - auch nötig!
Um einen der größten Lyriker unserer Zeit zu zitieren (Inhaltlich passend):
„Man sieht nur mit dem Herzen gut - das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“
und
„Die menschen züchten 5000 Rosen in einem einzigen Garten; und doch finden sie dort nicht, was sie suchen. Dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Blume, oder in ein bisschen Wasser finden.“
So, das alles kann man zunächst mit ein bisschen Nachdenkens aus diesem Gedicht rausholen und sehen,
Grüße von Patrick, der die letzten beiden Verse stets auswendig in seiner Seele trägt.
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„Wandlung“
Es ist passiert.
Die häßliche Seele hat sich nach außen gekehrt.
Vergangene Schönheit - allenfalls -
blitzt höchstens auf in einem flüchtigen Lächeln aus den Augenwinkeln,
wenn noch überhaupt.
Es war vorhersehbar -
doch unabänderlich.
Und nun?