'Verarbeiten'

Guten Abend ihr Kenner der Seelen,
mich beschäftigt die Frage, was es heißt, Erfahrungen, Erlebnisse zu „verarbeiten“. Ist das ein kognitiver und damit steuerbarer Prozess? Oder ist es ein „gesunder Automatismus“, der im Unbewussten abläuft? Oder ist diese Begrifflichkeit aus dem Wortschatz der psych. Laien stammend und hat in der Wissenschaft gar keinen Stellenwert?
Gibt es einen Unterschied in der „Verarbeitung“ (wenn ich jetzt bei diesem Begriff mal bleiben darf) positiver und negativer Erfahrungen? Wo hören schlechte Erfahrungen auf und fangen Traumata an? Kann man das Verarbeiten, wenn man es in seinem Leben gewollt oder ungewollt unterlassen hat, lernen?
Bin sehr gespannt auf Eure Antworten.
Gruß,
Anja

Traumabewältigung

Hi Anja

„Verarbeiten“ ist neben „Durcharbeiten“ oder „Bewältigung“ ein durchaus üblicher Begriff der Psychotraumatologie.

Je nach Therapiemethode ist das, was damit exakt gemeint ist, leicht unterschiedlich. Allgemein und kurz läßt es sich so darstellen: Die Details eines traumatischen Erlebnisses werden durch Erinnerungsängste abgekapselt (das unterschiedet Tramata übrigens von „schlechten Erfahrungen“) oder sogar vollständig verdrängt. Die Erinnerungsängste können dabei verschiedene Ursachen haben bzw vielschichtig sein: Bei Opfern sexuellen Mißbrauchs kommen zusätzlich zu dem Problem der Ereigniserinnerung meist noch internalisierte Schweigegebote dazu oder sekundäre Traumatisierungen dadurch, daß der Erzählung der Ereignisse kein Glauben geschenkt wird mit dem Vorwurf der Simulation oder „allzu blühender Phantasie“.

Das Traumaerlebnis ist dadurch gehindert, zum Erinnerungsinhalt zu werden und in die Vergangenheit zu verschwinden (z.B. mit der Gewißheit, daß die Gefahr nicht mehr aktuell ist). Das Erlebnis bleibt daher unterschwellig brisant und tut seine Wirkung in allerlei Formen. So kann es zum Beispiel durch sog. Trigger aktualisiert werden oder es führt zu allerlei Vermeidungs- und sonstigem problematischen Fehlverhalten.

Diese Folgeerscheinungen können nun aufgehoben werden durch eine gezielte und detaillierte Wiedererinnerung unter vorsichtigen und sorgfältigen Randbedingungen, die im Einzelnen hier darzustellen nicht möglich und auch nicht sinnvoll sind. Diesen Prozess nennt man dann „Durcharbeiten der Erinnerung“. Dadurch wird es möglich, zu dem traumatischen Erlebnis eine „Distanz“ zu bekommen. Es wird dadurch natürlich nicht ungeschehen gemacht, aber es kann nun zu einem Erinnerungsinhalt werden: Zu einem Ereignis, das der Vergangenheit angehört. Das kann sich z.B. darin zeigen, daß die Person nun untergegebenen Umständen ohne größere Probleme von dem Geschehen erzählen kann, vor allem ohne dabei ihre damaligen Empfindungen und Gefühle draußen vor zu lassen.

Dann sagt man in diesem Zusammenhang, daß das Trauma „verarbeitet“ ist.

Es sei noch dazu gesagt, daß ich diese Wortbildungen für extrem unglücklich halte und sie auch im direkten Gespräch mit betroffenen Personen nicht verwende.

Grüße

Metapher

Liebe Anja,
darüber könnte man jetzt natürlich ellenlang philosophieren, aber wir wissen ja aus unserer Schulzeit, dass bei bestimmten „Schwafelthemen“ dann von der Lehrkraft sowas wie „weniger wäre mehr“ druntergesetzt wurde. Deshalb will ich mich mal -trotz Deiner sehr interessanten Fragestellung,wie ich finde- etwas zurückhalten und nur brainstorminghaft in den Raum werfen:

VERARBEITEN ist gleichsam das Gegenstück zu VERDRÄNGEN.

Insofern kömmt es natürlich auch ein wenig auf den Standpunkt des Betrachters an, ob es sich um einen eher kognitiven oder eher unbewußten Verarbeitungs-Prozeß handelt. Ich z.B. als tiefenpsychologisch fundierter Arbeiter sehe es NICHT nur als kognitiven Prozeß.

Gruss von Branden